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10.08.2015

11:31 Uhr

Griechenland-Krise

Ansichten einer frustrierten Generation

VonDésirée Therre

Sie sind jung, gut ausgebildet und müssen mit ansehen, wie die Krise ihr Land zerreißt: Zwei junge Griechen erzählen, wie sich ihr Leben verändert hat und wie aus ihrer Gesellschaft ein „verängstigtes Tier“ wurde.

Die beiden jungen Leute gehören zu Griechenlands frustrierte Generation gut Ausgebildeter, die aber nichts oder kaum etwas verdienen. Privat

Elina Makri und Iakovos Dimitrious

Die beiden jungen Leute gehören zu Griechenlands frustrierte Generation gut Ausgebildeter, die aber nichts oder kaum etwas verdienen.

Athen/DüsseldorfElina und Iakovos können nichts tun. Die jungen Griechen sind Teil des Dramas, das sich seit Jahren in ihrem Land abspielt – und doch können sie nur zusehen, schwankend zwischen Angst, Wut und Hoffnung. „Die vergangenen Wochen waren sehr anstrengend“, sagt eine, die bei der griechischen Tragödie nur im Publikum sitzt.

Elina Makri, 33 Jahre alt, hat mit Familie und Freunden die Sitzungen des Europäischen Parlaments bis tief in die Nacht hinein verflogt. „Die Menschen sind am Freitag ins Bett gegangen und am Samstagmorgen wurde ihnen verkündet: Ihr müsst entscheiden.“ So beschreibt sie die Situation vor dem Referendum, bei dem Premier Alexis Tsipras über den Reformkurs der Gläubiger abstimmen ließ. Dann kam das mehrheitliche Nein ihrer Landsleute, jetzt wieder die Annährung mit den Geldgebern. Die griechische Journalistin und Unternehmerin bleibt nach der Einigung allerdings weiterhin mit einem Gefühl der Unsicherheit zurück. „Ich habe Angst, dass sie etwas entscheiden, und ich die Kontrolle verliere.“

Die griechischen Privatisierungspläne

Bahnen

Allen voran stehen die griechischen Eisenbahnen (TRAINOSE) zur Privatisierung an. Die Bahngewerkschaft hat einen harten Kampf gegen diesen Verkauf angekündigt. Bereits am Montag legten die Eisenbahner für mehrere Stunden die Arbeit nieder, obwohl es noch keinen konkreten Vorschlag für den Verkauf der TRAINOSE gibt.

Energie

Als „Alptraum“ für jede griechische Regierung gilt der geplante Verkauf von Teilen der Elektrizitätsgesellschaft (DEI) und ihres Stromnetzes. Die Gewerkschaften sind dort so stark, dass sie im Land mit umfangreichen und langen Streiks das Licht ausgehen lassen könnten. Die Zukunft des Gasnetzes DESFA ist noch unklar.

Flughäfen

Etliche Privatisierungen hängen noch in der Schwebe. Darunter ist der Verkauf des alten, seit 2002 geschlossenen Flughafens von Athen, Hellenikon, sowie die Verpachtung von 13 Regionalflughäfen. Der deutsche Flughafenbetreiber Fraport hatte im November 2014 zusammen mit einem griechischen Partner die Betreiberkonzessionen für die Regional-Airports erhalten – darunter die Flughäfen in Thessaloniki sowie auf den Inseln Kreta, Korfu und Rhodos. Der endgültige Vertrag sollte ursprünglich im Laufe dieses Jahres unterzeichnet werden. Jetzt wird der Fall wieder geprüft.

Häfen

Gelungen ist bislang die Verpachtung eines Teils des Hafens von Piräus an den chinesischen Transportriesen COSCO. Geplant ist nun die Verpachtung weiterer Teile des Hafens von Piräus und des wichtigen Hafens von Thessaloniki sowie einer Raffinerie.

Glücksspiel

Das griechische Glücksspielunternehmen OPAP ist bereits privatisiert worden.

Immobilien

Rund 1000 Gebäude sollen verkauft oder vermietet werden. Dazu gehören auch neoklassizistische Gebäude aus den 1930er Jahren, die jedoch total verfallen sind.

Inseln

Auch einige kleine unbewohnte Inseln im Staatsbesitz sollen als Feriendomizile verkauft werden.

Makri steht für eine Generation gut ausgebildeter junger Menschen, die in Griechenland gegen Job- und Hoffnungslosigkeit kämpfen. Kämpfen muss auch Iakovos Dimitrious. Trotz des beschlossenen neuen Hilfspakets sieht der 25-Jährige die griechische Volkswirtschaft verkümmern. „Wir haben einen enormen Braindrain“, klagt der Politikwissenschaftler.

Alle gut ausgebildeten Leute sind ins Ausland gegangen, um dort Karriere zu machen. Das merke er auch in seinem Freundeskreis. Viele seien schon weg. Dimitrious will trotzdem in Griechenland bleiben. Das Land brauche gut ausgebildete Menschen, um wirtschaftlich auf die Beine zu kommen, sagt er. „Alles andere führt uns in eine Sackgasse“, sagt er.

Wie ein Schuldenschnitt Europas Steuerzahler belasten würde

Ein riesiger Schuldenberg...

... drückt Griechenland. Ein teilweiser Schuldenerlass und massive Hilfe durch die Euro-Partner über die vergangenen fünf Jahre haben die Probleme des Krisenlandes nicht kleiner werden lassen. Angesichts des drohenden Staatsbankrotts wird nun wieder über einen Schuldenschnitt diskutiert. Er würde aber dieses Mal direkt die europäischen Steuerzahler treffen.

Wie haben sich die griechischen Schulden entwickelt?

Griechenlands Schulden liegen inzwischen bei über 300 Milliarden Euro. Noch im Jahr 2008 lag die Staatsverschuldung nach Angaben der Ratingagentur Standard & Poor's nur bei 109,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Für dieses Jahr rechnet sie mit 177,7 Prozent der Wirtschaftsleistung. Grund für den Anstieg sind auch die massiven Hilfskredite der Euro-Partner.

Wie viel Geld haben die Euro-Staaten Griechenland bisher in der Krise geliehen?

183,8 Milliarden Euro. Die Euro-Partner gewährten in einem ersten Hilfspaket 2010 bilateral Kredite von 52,9 Milliarden Euro, Deutschland übernahm davon 15,2 Milliarden Euro. Im zweiten Hilfspaket von 2012 erfolgte die Hilfe über den Euro-Rettungsfonds EFSF, für den aber auch die Euro-Staaten bürgen. Aus dem Fonds wurden bis zum Auslaufen des Hilfsprogramms am Dienstag 130,9 Milliarden Euro ausgezahlt. Deutschland muss für 29,1 Prozent der Summe gerade stehen, also für rund 38 Milliarden Euro.

Was umfasste der Schuldenschnitt von 2012?

Im März 2012 wurden Griechenland 53,5 Prozent der Schulden vor allem bei privaten Gläubigern wie Banken erlassen. Dies entsprach einer Verringerung um etwa 107 Milliarden Euro. Seitdem hat Athen Schulden vor allem nur noch gegenüber öffentlichen Geldgebern wie Staaten und internationalen Organisationen.

Wie sind die Euro-Länder Athen bisher entgegengekommen?

Ende 2012 gestanden die Euro-Staaten Athen auch deutlich bessere Kreditkonditionen zu. So wurden die Zinszahlungen auf das erste Paket deutlich gesenkt und dem Land beim zweiten Programm bis zum Jahr 2022 erlassen. Mit der Schuldenrückzahlung muss Athen beim ersten Programm zudem erst ab 2020 beginnen und beim zweiten Programm ab 2023. Gleichzeitig wurde die Laufzeit der Kredite um 15 auf durchschnittlich 30 Jahre angehoben. Letztlich hat Griechenland dadurch Milliarden gespart. Mache Experten sprechen deshalb von einem weiteren, "verdeckten" Schuldenschnitt.

Braucht Griechenland einen weiteren Schuldenschnitt?

Die Regierung des Linkspolitikers Alexis Tsipras fordert das schon seit ihrem Amtsantritt im Januar - stieß damit aber bei den Euro-Partnern auf Ablehnung. Doch auch der Internationale Währungsfonds (IWF) zweifelt daran, dass Griechenland seine Schuldenlast tragen kann. Am Donnerstag erklärte der Fonds, ein Schuldenschnitt sei kaum zu vermeiden, wenn die Haushaltsziele wegen der verschlechterten Lage deutlich aufgeweicht werden müssten. Dann müssten die europäischen Geldgeber nach IWF-Einschätzung möglicherweise mehr als 53 Milliarden Euro abschreiben.

Wie stark wäre Deutschland betroffen?

Die Bundesregierung ist in beiden Hilfspaketen mit jeweils rund 29 Prozent der Summe dabei. Nach dem IWF-Szenario müsste Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) gut 15 Milliarden abschreiben - seine schwarze Null im Haushalt wäre dann futsch, wenn er nicht an anderer Stelle spart.

Gäbe es Alternativen zu einem Schuldenschnitt?

Möglich wäre eine "weitere Verlängerung der Laufzeiten und Absenkung beziehungsweise Stundung der Zinsen", sagt Volkswirt Nicolaus Heinen von der Deutschen Bank. "Dies wäre politisch einfacher zu vermitteln." Auch der IWF schlägt vor, es zunächst mit einer weiteren Streckung der Rückzahlungsfristen zu versuchen: 20 Jahre soll Griechenland demnach gar nichts zurückzahlen und dann über 40 Jahre tilgen. Deutschland und Co. bekämen ihr Geld damit erst bis zum Jahr 2075 vollständig zurück.

In der wähnt sich Makri bereits. An die Zukunft mag sie nicht denken. „Aber ich muss, weil ich einen Plan brauche“, sagt die Journalistin. Kürzlich musste sie eines ihrer Start-ups schließen. Vor knapp zehn Jahren hatte sie die griechische Seite des europäischen Online-Magazins Cafebabel.com gegründet. „Es lohnt nicht mehr, dafür zu kämpfen“, sagt sie jetzt über das Projekt, das sie nicht mehr finanzieren und für das sie keine Steuern mehr bezahlen kann. Pläne für ein anders Start-up hat sie eingefroren.

Die Plattform Oikomedia, die sie mitgeründet hat, soll Journalisten und andere Medienschaffende vernetzen – Geld verdient sie damit noch nicht. Sie lebt als Freelancer von Projekt zu Projekt. Arbeitslosengeld hat sie nie beantragt. „Ich habe den Überlebensmodus eingeschaltet“, sagt sie. Die Krise mache sie entschlossen, „auch wenn ich mich manchmal niedergeschlagen und allein fühle“.

Kommentare (48)

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Herr Omarius M.

10.08.2015, 11:53 Uhr

die beiden sollten sich mit der jüngern geschichte befassen und mal überlegen wo sie in ihrem land aufräumen könnten..^^

die ganze Kohle die nach GR floss seit 1981 muss ja irgendwo geblieben sein.....

das verschafft auch Perspektive...^^

Herr C. Falk

10.08.2015, 11:58 Uhr

Es ist doch einfach zu verstehen. Griechenland ist, was den Euro angeht nicht kompatibel. Dass diesesLland nur durch illegale Machenschaften Mitglied der Eurozone werden konnte, ist allgemein bekannt.

Man kann gegen den gewesenen Finanzminister Varoufakis sagen was man will, Er hat recht, wenn er einen Euroaustritt mit einer Parallelwährung nicht nur nicht ausschloss, sondern möglicherweise auch anstrebte und deshalb entlassen wurde.

Harte Zeiten für Griechenland bei einem Grexit mit Aussicht auf Genesung nach 2-3 Jahren . Dauermisere als Euromitglied für die nächste Dekade oder auch viel länger.

Herr Chris Frank

10.08.2015, 11:59 Uhr

Hört doch mit dem Märchen "gut ausgebildet" auf. Das geisteswissenschaftliche Studium der beiden Protagonisten ist alles andere, als eine gute Ausbildung. Es ist auch in D ein Garant dafür, dass man nachher nicht zu den Menschen mit einem geregelten hohen Einkommen und einem sicheren Job gehört. Es fehlt in GR nach wie vor an produzierendem = wertschöpfendem Gewerbe. Das kann gerne auch im Bereich der virtuellen Industrie (IT, Software,...) sein. Abernur irgend was studieren und dann keinen Job haben oder einen Job der keine Wertschöpfung erzeugt ist eben kein Erfolgsmodell.

Ich habe in meinem Bekanntenkreis Griechen, die schon lange in D sein und größtenteils eine deutsche Ausbildung oder ein deutsches Studium absolviert haben. Diese bestätigen mir den gravierenden Unterschied in den Ausbildungsniveaus der beiden Länder (wobei wir das in D derzeit dank Bologna stark nach unten drücken).

Und wenn die Eltern der Protagonistin immer brav Steuern gezahlt haben. Schön. Ich gehe davon aus, dass die Beratungstätigkeit des Vaters u.a. darauf abzielte, dass andere weniger Steuern bezahlen. Und meine griechischen Bekannten haben mir bestätigt, dass jeder! Grieche mindestens einen im engeren Freundes-/ Familienkreis kennt, der den Staat bescheißt indem er Abgaben nicht abführt oder Leitungen ungerechtfertigt (bis hin zum Job den man als Günstling und nicht durch Qualifikation bekommen hat) bezieht. Und das hat jahrzehntelang keiner gemeldet/ angezeigt/ geahndet. Also: Mithaftung

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