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09.07.2015

12:13 Uhr

Griechenland-Krise

Betriebsanleitung für den Grexit

Noch wird um einen Kompromiss gerungen, doch ein Austritt Griechenlands aus dem Euro-Raum ist kein Tabu. Was hieße das für die Banken? Was kostet die Rückkehr zur Drachme? So könnte ein Grexit-Fahrplan aussehen.

Druck auf Tsipras erhöht sich

Merkel: „Es gibt keine Grundlage für Verhandlungen“

Druck auf Tsipras erhöht sich: Merkel: „Es gibt keine Grundlage für Verhandlungen“

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DüsseldorfLange wollte keiner der Verantwortlichen das Wort in den Mund nehmen. Inzwischen diskutieren Europas Mächtige offen über einen Euro-Austritt Griechenlands. Sollte es bis Sonntag keine Aussicht auf Einigung im Schuldenstreit mit Athen geben, könnte es zum Grexit kommen. Die Gefahr hat seit dem deutlichen „Nein“ der Griechen bei der Volksabstimmung am vergangenen Sonntag nach Einschätzung von Volkswirten zugenommen.

Muss Griechenland im Falle einer Pleite aus dem Euro-Raum austreten?

Nein. In den EU-Verträgen ist der Austritt eines Landes aus dem gemeinsamen Währungsraum mit seinen derzeit 19 Mitgliedstaaten nicht vorgesehen. Die Europäische Währungsunion ist eigentlich auf ewig angelegt. Doch die Kassen des griechischen Staates sind im Grunde leer, ohne frische Hilfsmilliarden kommt das Land nach einhelliger Einschätzung von Ökonomen nicht wieder auf die Beine. Auch Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) hält am Euro in Griechenland fest („Im Übrigen ist auch klar: Griechenland bleibt Mitglied der Euro-Zone. Übrigens bleibt Griechenland Teil Europas.“). Viele Ökonomen halten allerdings den Grexit im Falle einer Staatspleite für wahrscheinlich. Bis zum EU-Sondergipfel am Sonntag (12. Juli) geben die Geldgeber der Regierung von Alexis Tsipras noch Zeit, zustimmungsfähige Reformvorschläge als Voraussetzung für neue Hilfen vorzulegen. Gibt es dann keine Einigung, muss eine Notlösung her.

Fragen und Antworten zur Schuldenkrise nach dem Referendum

Fordert Athen ein drittes Hilfsprogramm?

Griechenlands zweites Hilfsprogramm lief Ende Juni aus. Ministerpräsident Alexis Tsipras bat bereits vergangene Woche beim Euro-Rettungsfonds ESM über zwei Jahre um "Hilfe zur finanziellen Stabilisierung" in Form eines Kredits. Den Finanzbedarf gab er mit 29,1 Milliarden Euro an. Auch wenn Tsipras nicht von einem "Programm" spricht, ist es nichts anderes. Es wäre erneut mit Spar- und Reformauflagen verbunden, die wegen der längeren Laufzeit auch umfangreicher als bisher ausfallen müssten.

Was erwarten die Euro-Partner nun von Athen?

Die Euro-Länder sehen nach dem Referendum Athen am Zug. "Die Minister erwarten neue Vorschläge von der griechischen Regierung", erklärte die Eurogruppe vor ihrem für Dienstag angesetzten Sondertreffen zu Griechenland, mit dem ein Gipfel der Währungsunion am Abend desselben Tages vorbereitet wird. Bisher sind die Euro-Staaten sich nicht einig, ob sie mit Athen über ein weiteres Hilfsprogramm verhandeln sollen. Während die Bundesregierung dafür "zur Zeit" keine Grundlage sieht, zeigt sich Spanien gesprächsbereit.

Warum trat Finanzminister Giannis Varoufakis zurück?

Varoufakis' Verhandlungsstil und seine scharfe Rhetorik stießen in den vergangenen Monaten bei seinen Kollegen aus der Eurozone immer wieder auf Kritik. Das Fass zum Überlaufen brachte dann wohl eine Äußerung vom Samstag, als der Ökonom den Geldgebern "Terrorismus" vorwarf.

Erleichtert der Rücktritt künftige Gespräche?

Die Euro-Finanzminister könnten die Personalie als Versuch des Neuanfangs sehen, wobei Varoufakis im Hin und Her der Verhandlungen letztlich keine Entscheidungen ohne das Einverständnis von Tsipras fällte. Der für den Euro zuständige Vizepräsident der EU-Kommission, Valdis Dombrovskis, stellte zudem fest, die Ablehnung der bisherigen Politik der Geldgeber bei der Volksabstimmung habe "unglücklicherweise die Kluft zwischen Griechenland und anderen Ländern der Eurozone vergrößert".

Was macht die EZB?

Seit der Ankündigung des Referendums wartete die Europäische Zentralbank (EZB) ab. Sie beließ die Höhe ihrer Notkredite für die griechischen Banken seit dem 28. Juni unverändert. In den Wochen davor hatte sie den Rahmen immer weiter erhöht.

Wann droht Athen der Staatsbankrott?

Griechenland geriet als erster Industriestaat überhaupt beim Internationalen Währungsfonds (IWF) in Zahlungsverzug, als Athen Ende Juni 1,5 Milliarden Euro nicht zurückzahlte. Die großen Ratingagenturen stellen einen Staatsbankrott in der Regel erst dann fest, wenn ein Land private Gläubiger nicht mehr bedient. Am Freitag werden kurzfristige Staatsanleihen im Wert von zwei Milliarden Euro fällig, die vor allem von Privatgläubigern gehalten werden. Die Regierung in Athen könnte sich auch selbst für bankrott erklären - etwa wenn sie auch Löhne und Gehälter nicht mehr zahlen kann.

Kommt dann der Grexit?

Niemand kann Athen zwingen, den Euro zu verlassen. Stellt die EZB aber die Notversorgung der griechischen Banken ein, sitzt das Land de facto finanziell auf dem Trockenen. Bei einem Kollaps seines Finanz- und Wirtschaftssystems könnte Griechenland dann keine Wahl mehr haben, als zur Drachme zurückzukehren oder zumindest eine Parallelwährung einzuführen.

Wie könnte ein Euro-Austritt funktionieren?

Auch ein freiwilliger Austritt aus dem Euro ist nicht vorgesehen. Rechtlich möglich wäre lediglich ein Verlassen der EU - damit wäre auch die Euro-Mitgliedschaft beendet. Um in die EU zurückzukehren, müsste Griechenland einen neuen Beitrittsantrag stellen. Nicht ausgeschlossen ist, dass sich Athen und die anderen Euro-Staaten vertraglich auf ein anderes Verfahren einigen.

Wie könnte es dann weitergehen?

Zwar könnte das Land zunächst auf dem Papier ein Euro-Land bleiben, wie lange, dafür gibt es keine Regeln. Allerdings wäre das Land gezwungen, Geld in einer eigenen Parallelwährung ausgeben, um seine Banken zu versorgen. „Die neue Währung würde abwerten gegenüber dem Euro, und damit würde das Land wieder wettbewerbsfähig“, erklärte jüngst ifo-Präsident Hans-Werner Sinn. Der griechische Staat könnte seinen Angestellten und Rentnern einen Teil ihrer Bezüge in Schuldscheinen auszahlen. Werden solche Papiere im Laden um die Ecke als Zahlungsmittel akzeptiert, könnte das zumindest vorübergehend funktionieren. Doch grundsätzliche Probleme blieben, etwa eine als aufgebläht geltende Verwaltung und ein als ineffizient geltendes Steuersystem.

Ist eine Parallelwährung eine Dauerlösung?

Lange dürfte die Wirtschaft des Landes das nicht durchhalten: Denn die Europäische Zentralbank (EZB) wäre spätestens im Fall einer offiziell festgestellten Staatspleite gezwungen, ihre Nothilfen (Ela) an griechische Banken einzustellen. Damit wäre das griechische Bankensystem pleite und das Land vom internationalen Zahlungsverkehr abgeschnitten.

Neue griechische Schuldscheine könnten rasch an Wert verlieren, Athen müsste dann immer mehr solcher Papiere drucken. Der wirtschaftliche Verfall Griechenlands würde sich verschärfen. Der Chef der französischen Notenbank, Christian Noyer, der im EZB-Rat über Ela-Hilfen mitentscheidet, warnte am Mittwoch im französischen Radiosender Europe 1: Die griechische Wirtschaft stehe am Rande einer Katastrophe. Falls bis Sonntag keine Einigung gelinge, könnte die Ökonomie des Landes kollabieren, sagte Noyer.

Würde Griechenland statt des „harten“ Euro wieder eine „weiche“ Drachme einführen, könnte die heimische Wirtschaft mit einer billigen eigenen Währung ihre Produkte viel günstiger anbieten. Heimische Produkte würden stärker nachgefragt, Importe teurer werden. Da die neue Drachme wohl rasch abwerten würde, käme es vermutlich schon nach ein, zwei Jahren wieder zu einem kräftigen Wirtschaftsaufschwung, weil weniger Importware gekauft und der Tourismus belebt würde, schätzt Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn.

Wie schnell könnte die Drachme wieder eingeführt werden?

Das dürfte Monate dauern – allein deshalb, weil die neuen Scheine erst gedruckt und in Umlauf gebracht werden müssten. „Die Staatengemeinschaft sollte den schwierigen Umstellungsprozess mit großzügigen Übergangshilfen abfedern, die für humanitäre Hilfen an die Ärmsten zweckgebunden sind“, schrieb Ifo-Präsident Sinn Anfang dieser Woche. „Ferner sollte sie Griechenland die Möglichkeit eröffnen, zu einem späteren Zeitpunkt gestärkt und zu einem anderen Wechselkurs in den Euro zurückzukehren.“

Kommentare (26)

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Herr Fred Meisenkaiser

09.07.2015, 12:19 Uhr

So sehr sich das HB auch den Grexit ünscht, allein aus geostrategischen Überlegungen der USA wird er nicht stattfinden.!

Herr Marc Otto

09.07.2015, 12:23 Uhr

Hätten wir unsere gut 80 mrd. in den Aufbau der "Neuen" EURO-Staaten in Mitteleuropa gesteckt, wäre wir der Liebling von EUROpa und überall würde man der Angela den roten Teppich ausrollen.



Account gelöscht!

09.07.2015, 12:28 Uhr

Geostrategische Lage? Das ist ein Märchen!! Die Amis haben intern genug Probleme. 38 Mio. Essenmarken täglich. Tendenz rasant steigend.
Fakelaki hat sich die Pleite unredlich verdient. Das ist gut so!

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