Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

12.06.2015

18:06 Uhr

Griechenland-Krise

Euro-Länder sprechen Notfall-Szenarien durch

Finanzexperten der Euro-Gruppe beraten bereits Notfallpläne für einen Grexit. Dazu zählen Kontrollen des Kapitalverkehrs. Athen gerät unter Druck – will aber Renten- und Lohnkürzungen nicht akzeptieren.

Die Bundesregierung arbeitet nach eigener Aussage an einem Verbleib Griechenlands in der Euro-Zone. dpa

Merkel will Griechenland halten

Die Bundesregierung arbeitet nach eigener Aussage an einem Verbleib Griechenlands in der Euro-Zone.

Athen, BratislavaDie Euroländer erörtern inzwischen Notfallszenarien für das pleitebedrohte Griechenland. Dazu könnten Kontrollen des Kapitalverkehrs gehören, hieß es nach einem Treffen der Finanzstaatssekretäre der Euroländer am Freitag in Bratislava. Solche Kontrollen könnten aber nur von Athen selbst angeordnet werden. Ziel solcher Notmaßnahmen ist es, den Abfluss von Geldern aus einem Land zu bremsen. Die Euro-Finanzminister hatten bisher in der Eurogruppe nicht über Alternativszenarien zu einer Rettung Griechenlands diskutiert.

Nach dem vorläufigen Rückzug des IWF-Teams aus den Verhandlungen mit Griechenland fordern die Euro-Partner Zugeständnisse der Athener Regierung zur Lösung des Schuldenstreits. Der Ball liege im Feld Griechenlands, sagte EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker am Freitag. Eurogruppen-Chef Jeroen Dijsselbloem erwartete nun „ernsthafte Vorschläge“.

Griechenland soll im Gegenzug für weitere Hilfsgelder Reformen zusagen, um die Wirtschaft wettbewerbsfähiger zu machen. Bislang haben die Gläubiger aber kein grünes Licht für die Vorschläge der Links-Regierung in Athen gegeben. Gibt es keine Einigung, droht Griechenland Ende des Monats die Staatspleite.

Wie reagiert der IWF auf einen Zahlungsverzug?

Zahlungsverzug tritt sofort ein

Zahlungsaufforderung durch Stab des Internationalen Währungsfonds (IWF); betreffender Staat hat keinen Zugriff mehr auf IWF-Mittel.

Quelle: IMF Financial Operations 2014, S. 139

Zwei Wochen nach Zahlungsverzug

IWF-Leitung kontaktiert zuständigen IWF-Gouverneur, drängt auf sofortige Zahlung.

Ein Monat nach Zahlungsverzug

IWF-Direktor setzt Exekutivausschuss von Zahlungsverzug in Kenntnis.

Sechs Wochen nach Zahlungsverzug

IWF-Direktor benachrichtigt betreffenden Staat, dass ohne sofortige Zahlung eine Beschwerde beim Exekutivausschuss eingereicht wird.

Zwei Monate nach Zahlungsverzug

IWF-Direktor leitet Beschwerde an Exekutivausschuss.

Drei Monate nach Zahlungsverzug

Beschwerde wird im Exekutivausschuss behandelt; Zugriff des betreffenden Staates auf allgemeine Mittel des IWF wird beschränkt. Bei Verzug von Verpflichtungen bezgl. Sonderziehungsrechten (SZR) wird Recht auf Nutzung von SZR ausgesetzt.

Um das zu vermeiden, sei Athen durchaus bereit, die Unterredungen mit den Gläubigern zu intensivieren, hieß es aus Regierungskreisen. Für Samstagmorgen seien dazu erneut Verhandlungen in Brüssel vorgesehen. Renten- und Lohnkürzungen jedoch werde Griechenland nicht akzeptieren. Athen verhandle lediglich über eine Umstrukturierung der Schulden sowie niedrige primäre Überschüsse, damit die Wirtschaft wieder angekurbelt werden kann, hieß es. Athen hatte zuvor Berichte dementiert, wonach an diesem Wochenende neue Gespräche zwischen den Experten der Gläubiger und der Regierung aufgenommen werden sollen. Diese Berichte seien „Science Fiction“, hieß es.

Analysten in Athen sagten, es sei völlig unklar, wo und wann sowie in welcher Form die angestrebten Gespräche fortgesetzt werden sollen. Wenn es bis Ende Juni keine Einigung Athens mit den Gläubigern gibt, droht Griechenland der Staatsbankrott.

Griechenlands Bankenlandschaft

Die wichtigsten Banken

In Griechenland gibt es vier große Geldhäuser - die National Bank of Greece, die Piraeus Bank, die Eurobank und die Alpha Bank. Sie stehen für rund 95 Prozent des Marktes. Ihr Börsenwert liegt zusammengefasst bei 8,6 Milliarden Euro. Das entspricht 21 Prozent der gesamten Marktkapitalisierung an der griechischen Börse. Bank-Aktien haben in Athen seit Jahresbeginn wegen des sich verschärfenden Schuldenstreits mit den internationalen Geldgebern rund die Hälfte ihres Wertes eingebüßt.

Einlagen

Die Einlagen von privaten Haushalten und Unternehmen bei griechischen Banken betrugen Ende Februar 140,5 Milliarden Euro - 12,5 Prozent weniger als ein Jahr zuvor. Allein von Dezember bis Februar wurden Guthaben im Volumen von 25,4 Milliarden Euro abgezogen. Wegen der Abflüsse waren die Geldhäuser gezwungen, verstärkt Notfall-Hilfen (ELA) ihrer heimischen Notenbank und direkte Liquiditätsspritzen der EZB in Anspruch zu nehmen.

Finanzierung durch das Eurosystem

Die Finanzierung griechischer Banken durch die EZB, bei der Sicherheiten verlangt werden, hatte Ende März ein Volumen von 38,67 Milliarden Euro. Die ELA-Hilfen durch die Athener Notenbank summierten sich zudem auf 68,6 Milliarden Euro. Hellas-Banken nutzen diesen Weg verstärkt, seitdem die EZB sie ab Mitte Februar von der direkten Finanzierung ausgeschlossen hat. Die EZB hatte damals eine Sonderregel gekippt, die griechischen Banken bis dahin erlaubte, auch bonitätsschwache Staatsanleihen des Landes als Pfand für frisches Zentralbankgeld zu hinterlegen.

Die Versorgung über ELA-Hilfen der Athener Notenbank ist für Banken teurer als die direkte Finanzierung durch die EZB. Zuletzt hatte die EZB eine Aufstockung des ELA-Rahmens um 1,5 Milliarden auf 75,5 Milliarden Euro genehmigt.

Sicherheiten

Griechische Banken setzen bei der Liquiditätsversorgung als Sicherheiten unter anderem Staatsanleihen, kurzfristige Geldmarktpapiere (sogenannte T-Bills), von der Regierung garantierte Bank-Anleihen und Kredite ein. Die Banken besaßen im Februar solche Pfänder im Umfang von zusammen rund 50 Milliarden Euro. Inzwischen ist dieser Puffer auf rund 40 Milliarden Euro gesunken.

Griechische Staatsanleihen

Hellas-Banken haben rund fünf Milliarden Euro in griechische Staatsanleihen investiert. Das entspricht nur 1,4 Prozent ihrer Bilanzsumme. Darüber hinaus besitzen sie kurzfristige T-Bills im Volumen von rund 3,5 Milliarden Euro. Aktuell wird für bonitätsschwache griechische Papiere, welche die Banken als Pfänder für ELA-Hilfen einsetzen, nach Angaben von Bankern und Analysten aus Sicherheitsgründen ein Wertabschlag (Haircut) von 32 bis 35 Prozent vorgenommen.

Trotz der immer knapper werdenden Zeit arbeitet die Bundesregierung nach eigener Aussage an einem Verbleib Griechenlands in der Euro-Zone. Sowohl Berlin als auch Juncker wiesen darauf hin, dass die Abreise des IWF-Teams nicht als Abbruch der Gespräche vonseiten des Fonds interpretiert werden dürfe. Vielmehr sei das als Warnung an die griechische Regierung zu verstehen, sagte der Sprecher des Bundesfinanzministeriums.

Am Donnerstag war das Verhandlungsteam des Internationalen Währungsfonds (IWF) überraschend aus Brüssel abgereist und hatte dies mit „großen Differenzen“ in den Gesprächen begründet. Der Schritt hatte für Nervosität an den Finanzmärkten gesorgt und die Befürchtung aufkommen lassen, dass die Hellas-Verhandlungen gescheitert sind.

Von

dpa

Kommentare (4)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

12.06.2015, 17:40 Uhr

Die Meldung, die über ein Treffen der Finanzstaatssekretäre an die Presse gegeben worden ist, ist nicht mehr als eine weitere Nebelkerze bzw. eine Drohkulisse gegen Griechenland.

Man kann ja davon ausgehen, daß in den Finanzministerien der Eurozone schon lange entsprechende Notfallpläne in der Schublade liegen.Sonst wären die Minister und ihre Beamten wirklich allesamt ihr Geld nicht wert.

Und selbstverständlich hat man bisher die Existenz solcher Pläne nicht öffentlich kommuniziert, damit man keine unerwünschten Reaktionen an den Finanzmärkten provozierte. So weit ist das alles auch in Ordnung und entspricht korrekter Pflichterfüllung der jeweiligen Ministerien und ihrer politischen Führungen.

Wenn jetzt jedoch in einer gezielten Indiskretion auf die Existenz derartiger Notfallpläne hingewiesen wird, so heißt das, daß man einen letzten Erpressungsversuch in Richtung Griechenland startet. Man will der Regierung in Athen klarmachen, daß man es ernst meine und daß man auch vor unangenehmen Konsequenzen noch zurückschrecke.

Ob allerdings diese Drohung wirklich ernst zu nehmen ist oder nur ein Bluff in der laufenden Pokerpartie ist, läßt sich von außen nicht entscheiden.

Ich persönlich halte es für einen Bluff, weil nach wie vor die imperialistischen geostrategischen Interessen der Hegemonialmacht USA gegen den Grexit sprechen und weil daher die USA entsprechende Kommandos an die EU-Regierungen gegeben hat und weiter geben dürfte. Allerdings würde ich kein Geld darauf wetten, daß es nur ein Bluff ist. Vielleicht reicht der mächtige Arm des Hegemon doch nicht so weit, daß er neben Deutschland auch alle anderen Euro-Regierungen lenken und als Marionetten steuern könnte.

Herr Klaus Hofer

12.06.2015, 18:18 Uhr

Wie immer man Stimmungen an den Börsen interpretieren mag, vielleicht beruhen die Kursrückgänge gerade auf der Erwartung, daß das marode Griechenland in der Eurozone gehalten wird. Denn eines steht heute bereits fest : Was immer die griechische Regierung auch zusagen mag - umgesetzt wird in altbewährter griechischer Tradition nichts. So bedeutungslos Griechenland als Volkswirtschaft für Europa auch ist, so sehr erweist es sich als Problemfall für die gesamte Währungsunion. Wenn Hellas auch seit der Antike nicht mehr all zu viel zur Geschichtsschreibung beigetragen haben mag, möglicherweise wird es in die Wirtschaftsgeschichte der Neuzeit als das Land eingehen, welches - mangels der gebotenen Standfestigkeit der europäischen Gläubiger - eine lang anhaltende Periode der wirtschaftlichen wie politischen Instabilität einleitete...

Herr Louis Stringaro

12.06.2015, 20:12 Uhr

Mir hängt das blöde Gerede zum Halse raus. Es wird keinen Grexit geben!. Ich bin fest davon überzeugt.Es wird gepokert bis zur lezten Sekunde und dann, siehe da, ein Kompromss ist erreicht worden. Jeder versucht, sein Maximum bis zum alleletzten Moment zu erreichen. Bis dahin, weden angsttreibende Artikel geschrieben, spekuliert und nochmals spekuliert. Unsere Mutti, Supermario,Juncker und Frau Lagarde werden doch nie einen Grexit zulassen. Letzten Endes erhält Griechenland wieder Geld, der Dax und der Euro steigen, die Bedingungen werden dem deutschen Steuerzahler schmackhaft verkauft und Griechenland ist wieder auf dem guten Weg (bis in 6 Monaten).

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×