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21.06.2011

07:34 Uhr

Griechenland-Krise

Ratingagenturen erteilen „sanfter Umschuldung“ eine Abfuhr

Egal ob "freiwillige" oder erzwungene Griechen-Umschuldung - pleite ist pleite, meinen die Ratingagenturen. Dass Banken beim Rettungspaket 2.0 wie der Steuerzahler mitbluten, wird immer unwahrscheinlicher.

Ultimatum für Griechenland

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SingapurIn der verfahrenen griechischen Schuldenkrise setzen Europas Politiker, allen voran der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble, auf einen vermeintlichen Rettungsanker: Banken sollen sich "freiwillig" an den Kosten eines zweiten Rettungspakets für Griechenland beteiligen, indem sie ihre Anleihen in neue Papiere mit längerer Laufzeit umtauschen.

Der Finanzminister will dem Steuerzahler damit neue Milliardenzahlungen an Athen schmackhaft machen. Denn nicht zuletzt dient die Rettung Griechenlands mit deutschem Steuergeld der Rettung von Europas Banken und Versicherungen - sie sind der größte Gläubiger griechischer Staatsschulden.

Ein Zahlungsausfall in Athen könnte verheerende Folgen für die Geldhäuser und damit das globale Finanzsystem haben - möglicherweise noch verheerender als der Zusammenbruch der US-Investmentbank Lehman Brothers im September 2008, der die Finanzkrise auslöste.

Drei Szenarien für eine Griechenland-Lösung

Neue Kredite mit freiwilliger Gläubigerbeteiligung

Wahrscheinlich: Aller Voraussicht nach wird Athen weitere Milliardenkredite erhalten verbunden mit neuen Sparauflagen. Warum? Bedingt durch ihre Konstruktion muss die EU eine einstimmige Lösung für das Griechenland-Problem finden. Und der Kompromiss heißt: neue Kredite mit neuen Auflagen und einer Beteiligung privater Investoren auf freiwilliger Basis. Das allerdings bedeutet: Der Steuerzahler wird letztlich die Hauptlast der Rettung tragen. Denn die Ökonomen sind sich einig: Eine freiwillige Umschuldung in Form einer Laufzeitverlängerung bringt Griechenland kaum Entlastung. Erstens, weil Investoren nicht freiwillig Verluste in Kauf nehmen. Zweitens verringert sich selbst bei einer Akzeptanz eines Umschuldungsangebots am Markt nicht einmal die Schuldenlast Griechenlands. Ein „bisschen Umschuldung“ funktioniert eben nicht.

Zahlungsausfall verbunden mit einem Hair-Cut

Unwahrscheinlich: Eine Alternative zu neuen Krediten wäre der Schuldenschnitt. Das Land würde seine Zahlungsunfähigkeit erklären und alle Zahlungen für ausstehende Anleihen verweigern. Gleichzeitig würde die Regierung den Investoren anbieten, die Anleihen gegen identische Papiere mit halbem Nennwert einzutauschen, die dann wieder bedient werden würden. Das Motto dieser Lösung: Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Auf einen Schlag würde der Staat die Hälfte seiner finanziellen Belastung los. Allerdings handelt es sich um einen „Default“, um offen erklärte Zahlungsunfähigkeit mit all ihren negativen Folgen für die Banken, die übrigen hochverschuldeten Euro-Staaten wie auch für die Griechen selbst. Außerdem wäre damit ein Präzedenzfall geschaffen, dass Staatsanleihen aus dem Euro-Raum nicht mehr als zweifelsfrei sichere Anlagen angesehen werden könnten. Das bedeutet, dass alle Länder mit zweifelhafter Bonität des Staates, derzeit vor allem Irland, Portugal und Spanien, Probleme hätten, sich über den Kapitalmarkt zu refinanzieren, weil die Investoren nicht nochmals Verluste einfahren wollen.

Das Chaos - die planlose Pleite

Sehr unwahrscheinlich: Was passiert, wenn gar keine Einigung zustande kommt? Wenn zum Beispiel in Griechenland die notwendigen Sparpakete nicht verabschiedet werden und die europäischen Regierungen anschließend weitere Hilfen verweigern? Dann geht der griechischen Regierung das Geld aus. Sie wird ihre Beschäftigten und ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen. Und die Zinsen für Kredite und Anleihen wahrscheinlich auch nicht mehr, jedenfalls nicht vollständig. Man hätte eine ungeregelte Staatspleite – ohne Hilfe von außen und ohne Vorbereitung im Inneren. Die Folge wäre nicht nur ein Chaos an den Märkten, sondern auch innerhalb des Landes. Schließlich sind viele Griechen auf staatliche Zahlungen angewiesen.

Schäuble muss deshalb die Quadratur des Kreises versuchen: Er will, dass nicht nur der Steuerzahler, sondern auch die Banken einen Teil der Griechenland-Verluste schlucken, allerdings ohne dass sie daran zugrunde gehen. Um das zu erreichen, winden sich Europas Finanzminister seit Wochen um das Reizwort Zahlungsausfall, wenn sie von einem Schuldenschnitt in Griechenland reden. Stattdessen sprechen sie von einer "sanften Umschuldung".

Doch es wird immer klarer, dass diese Idee zum Scheitern verurteilt ist: Die Ratingagenturen senken den Daumen über der Idee einer "freiwilligen" Umschuldung der Banken. Egal ob harte oder weiche Landung - pleite ist pleite, bekräftigte jetzt auch die Ratingagentur Fitch.

Ein freiwilliger Tausch von griechischen Staatsanleihen würde von Fitch als Zahlungsunfähigkeit eingestuft, erklärte der Chef der Ratingagentur für die Region Asien-Pazifik, Andrew Colquhoun, am Dienstag bei einer Konferenz in Singapur. Selbst wenn ein solcher Beitrag privater Gläubiger nach dem Modell eines sogenannten „Rollover“ organisiert werde, ändere dies nichts an der Einschätzung.

Auch die Ratingagentur Standard & Poor's (S & P) bekräftigte am Dienstag ihre Haltung, im Falle einer freiwilligen Umschuldung Griechenlands griechische Staatsanleihen wahrscheinlich als Zahlungsausfall zu bewerten. Zwar könnte S&P nicht von vornherein sagen, dass jede Form der Umschuldung einen Zahlungsausfall bedeute.

Aber: „Die Vergangenheit zeigt, dass es bei einem Land, dessen Kreditwürdigkeit wie Griechenland aktuell mit CCC bewertet wurde, in der Regel nicht zu einer freiwilligen Umschuldung gekommen ist und Investoren Verluste hinnehmen mussten“, sagte der Leiter des Länderbereichs Europa bei S&P, Moritz Krämer der „Welt“ laut Vorabbericht.

EU lässt Griechenland warten

Video: EU lässt Griechenland warten

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Bei einer Laufzeitverlängerung einer Anleihe würden Investoren schlechter gestellt, das würde einen Zahlungsausfall bedeuten und eine entsprechende Herabstufung S&Ps nach sich ziehen, sagte Krämer. Ob die Umschuldung freiwillig erfolge, spiele eine untergeordnete Rolle.

„Entscheidend ist: Wie steht der Investor im Vergleich zu dem da, was ihm versprochen wurde, als er sein Geld investiert hat“, sagte Krämer. Der Länderanalyst warnte außerdem die Politik vor einem Aufschieben des griechischen Rettungspakets. „Wenn die nächste Tranche der Hilfsgelder an Griechenland nicht ausgezahlt wird, würde das die Gefahr eines Zahlungsausfalls im Juli erheblich erhöhen.“

Kommentare (27)

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Markus

21.06.2011, 08:13 Uhr

Die Ratingagenturen sind privat und profitorientiert.
Ausserdem Pro UK/USA.
Ein Downgrade der USA wird erst dann erfolgen, wenn der Crash - geplanterweise - vollzogen wird.
Dadurch saniert sich z.B. die USA wieder nach Chapter 11 und China z.B. kriegt einen großen Gong.
Es kann nun nicht mehr lange dauern.
Auslöser könnte auch eine "Naturkatastrophe" oder ein "Terrorakt" sein - beides hausgemacht......

ePetition

21.06.2011, 08:24 Uhr

Jetzt hier gegen den Eurowahnsinn mitunterzeichnen:

https://epetitionen.bundestag.de/index.php?action=petition;sa=details;petition=18123

(Ende Mitzeichnungsfrist 02.08.11)

tbhomy

21.06.2011, 08:30 Uhr

Das deutsche Volk läßt sich betrügen, wo es geht. Wie umfangreich sind denn die Banken in Griechenland investiert? Muss ja enorm sein. Ach ja, die Hebelwirkung! Banken verleihen einen Euro ja mehrfach. Logisch, dass das Kartenhaus zusammen bricht. Nur warum soll das Volk für die eingegangenen Bankenrisiken gerade stehen?
Die Straße ruft...

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