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29.04.2015

07:36 Uhr

Griechenland-Krise

Tsipras tanzt den Limbo

VonTorsten Riecke

Griechenland unter dem Schirm und womöglich vor dem Graccident: Die Schuldenkrise beschert uns immer neue Wortkreationen. Ein Überblick von Troika bis Grexit – und darüber, was die Hellenen mit dem Limbo zu tun haben.

Der griechische Premier braucht ein neues Hilfspaket. Wie es wohl heißen wird? Reuters

Alexis Tsipras

Der griechische Premier braucht ein neues Hilfspaket. Wie es wohl heißen wird?

BerlinDas Lexikon der Euro-Krise ist um einen Eintrag reicher: Grimbo. Die Wortschöpfung verschmilzt Griechenland mit dem englischen Begriff Limbo und soll anzeigen, dass sich Athen finanziell in einem Zustand zwischen Leben und Tod befindet.

Damit fügen die Ökonomen der Citigroup, die schon den Kunstbegriff „Grexit“ kreiert haben, der Euro-Krise eine neue Facette hinzu: Statt des baldigen Austritts oder Rauswurfs Griechenland droht nun das Dauer-Koma. Dass Limbo im Englischen auch den Ort der Vorhölle markiert, verleiht Grimbo jene Zweideutigkeit, die so vielen Wörtern aus dem Krisen-Lexikon eigen ist. Die doppelte Botschaft stimmt in diesem Fall sogar und ist wohl auch beabsichtigt.

Schuldenschnitt bis „Grexit“ – wichtige Begriffe in der Schuldenkrise

Griechisches Schuldendrama

Vom Rettungsschirm über den Schuldenschnitt bis zum „Grexit“ – im griechischen Schuldendrama kommen immer wieder schwierige Begriffe vor. Was verbirgt sich dahinter eigentlich?

Hilfsprogramm

Dies bezeichnet aus Sicht der EU-Finanzminister die finanziellen Hilfen plus der von Griechenland versprochenen Sparprogramme und Reformen. Für die Europartner gibt es derzeit nur die Option, das aktuelle Hilfsprogramm inklusive der Sparauflagen zu verlängern.

Kreditprogramm

Die neue griechische Regierung forderte hingegen bislang eine Verlängerung des „Kreditprogramms“. Damit will sie nach Einschätzung der Geldgeber ausdrücken, dass sie das Geld weiter will - aber nicht die Auflagen des Hilfsprogramms.

Anleihe

Staaten brauchen Geld. Weil Steuereinnahmen meist nicht ausreichen, leihen sie sich zusätzlich etwas. Das geschieht am Kapitalmarkt, wo Staaten sogenannte Anleihen an Investoren verkaufen. Eine Anleihe ist also eine Art Schuldschein. Darauf steht, wann der Staat das Geld zurückzahlt und wie viel Zinsen er zahlen muss.

Schuldenschnitt

Manchmal hat ein Staat so viel Schulden, dass er sie nicht zurückzahlen kann und auch das Geld für Zinszahlungen fehlt. Dann versucht er zu erreichen, dass seine Gläubiger auf einen Teil ihres Geldes verzichten. Das nennt man Schuldenschnitt. Dieser schafft finanzielle Spielräume. Allerdings wächst auch das Misstrauen, dem Staat künftig noch einmal Geld zu leihen.

Rettungsschirm

Seit 2010 hatten immer mehr Staaten wegen hoher Schulden das Vertrauen bei Geldgebern verloren. Für sie spannten die Europartner einen Rettungsschirm auf. Er hieß zuerst EFSF, wurde später vom ESM abgelöst. Faktisch handelt es sich um einen Fonds, aus dem klamme Staaten Kredithilfen zu geringen Zinsen bekommen können.

Primärüberschuss

Griechenlands Schuldenberg ist – gemessen an der Wirtschaftsleistung – der höchste in der Eurozone. Das sind nicht nur Altlasten, auch im laufenden Betrieb kommt das Land wegen der hohen Zinsbürde nicht ohne neue Schulden aus. In den Verhandlungen mit den Geldgebern musste Athen aber versprechen, zumindest unter Ausblendung der Zinsen weniger auszugeben als einzunehmen. Das nennt man Primärüberschuss.

Troika

In der Euro-Schuldenkrise wurde der Begriff für das Trio aus Internationalem Währungsfonds (IWF), Europäischer Zentralbank (EZB) und EU-Kommission gebraucht. Sie kontrollieren die verlangten Reformfortschritte. Im Euro-Krisenland Griechenland ist die Troika deswegen zum Feindbild geworden. In seinem Schreiben an die Eurogruppe spricht Athen nun von „Institutionen“. Auch die Europartner wollen das Wort „Troika“ nicht mehr verwenden. In offiziellen Dokumenten war ohnehin nie die Rede von der „Troika“.

Grexit

Der Kunstbegriff wurde aus den englischen Worten für Griechenland (Greece) und Ausstieg (Exit) gebildet – gemeint ist ein Ausstieg oder Rauswurf Griechenlands aus der Eurozone. So etwas ist in den EU-Verträgen allerdings gar nicht vorgesehen. Die Idee: Würde Griechenland statt des „harten“ Euro wieder eine „weiche“ Drachme einführen, könnte die griechische Wirtschaft mit einer billigen eigenen Währung im Rücken ihre Produkte viel günstiger anbieten.

Grimbo

Der Begriff „Grimbo“ ist eine Fusion von Greece, also Griechenland und Limbo, zu deutsch Limbus. Limbus kommt aus der katholischen Theologie und bezeichnet die Vorstellung einer Art Vorhof zur Hölle, in dem sich nach dem Tod jene Seelen aufhalten, denen der Zutritt zum Himmel verwehrt wurde, die aber auch nicht in die Hölle gekommen sind. Der Ausdruck steht für etwas, das sich in der quälenden Schwebe befindet. Gemünzt auf Griechenland meint „Grimbo“ ein Szenario, in dem Athen von den Europäern kein Geld bekommt und es auf absehbare Zeit keine Lösung gibt.

Graccident

Der Kunstbegriff wurde aus den englischen Worten für Griechenland (Greece) und Unfall (Accident) gebildet. Das Wort beschreibt die Möglichkeit, dass Griechenland das Geld ausgeht und es deshalb den Euro verlassen muss. Wie groß die Gefahren eines „Graccident“ wären, darüber gehen die Schätzungen auseinander. Wer eher für großzügige Griechenland-Hilfen argumentiert, hält die Gefahren eines „Graccident“ für größer – oder umgekehrt.

Moral Hazard

Moral Hazard ist die englische Bezeichnung für moralisches Wagnis. Gemeint ist die Ausnutzung der Solidarität aus rücksichtslos verfolgtem Eigeninteresse. Würden alle Staaten nur an sich denken, würde zunächst Griechenland (Verbindlichkeiten von knapp 180 Prozent des Bruttoinlandsprodukts nach OECD-Prognose) einen Schuldenschnitt bekommen. Dann stünde Portugal (140 Prozent des BIP) und dann Italien (150 Prozent des BIP) auf der Matte. Spätestens an diesem Punkt würde die globale Finanzwelt in die Katastrophe stürzen, weil einer der größten Anleihemärkte der Welt implodieren würde.

Oft dient das Vokabular der Krisenmanager aber nur dazu, Verwirrung zu stiften. Das Ultimatum ist dafür ein schönes Beispiel. Mitte Februar setzten die Euro-Finanzminister der neuen Regierung in Griechenland eine letzte Frist, um mit den Reformen zu beginnen. Passiert ist bislang kaum etwas. In Athen muss man das Wort Ultimatum als „Schau‘n mer mal“ verstanden haben.

Auch die in den Verträgen von Maastricht festgeschriebene „No-Bail-out“-Klausel hat man in einigen Krisenländern eher biblisch mit „Liebe deinen Nächsten“ übersetzt. Da die Finanzierung von Staatshaushalten der Europäischen Zentralbank (EZB) verboten ist, hat EZB-Chef Mario Draghi zahlreiche Abkürzungen wie Ela, OMT, LTRO und QE erfunden, um den Geldhahn dennoch weiter aufdrehen zu können.

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Der griechischen Regierung könnte bald das Geld ausgehen. Deutsche Politiker drängen Ministerpräsident Alexis Tsipras vor seinem Besuch in Berlin zur Eile.

Der Lieblingsbegriff von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble ist „moral hazard“, was sich mit der Losung „keiner für alle, alle für einen“ übersetzen lässt und nicht nur den Griechen unterstellt wird. Dass das nicht funktionieren kann, wussten schon die vier Musketiere.

In die Irre führt auch der „Primärüberschuss“, der in Wahrheit gar kein Überschuss ist. Handelt es sich rein rechnerisch doch um einen positiven Saldo, bei dem die Staatseinnahmen die Ausgaben übertreffen. Aber eben nicht alle Ausgaben: Zinsen und Tilgungen werden nicht mitgezählt. Man lügt sich also selbst in die Tasche. Wenn wir schon dabei sind, die Begriffe neu zu definieren, dann können wir auch gleich Schulden als Wagniskapital bezeichnen. Der Schuldenschnitt ist dann einfach eine Fehlinvestition.

Kommentare (7)

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Herr Oliver Klima

29.04.2015, 08:16 Uhr

Den Limbo werden wir dann aber gemeinsam tanzen, denn das Ableben der fiskalischen Ader Griechenlands bedeutet,

1. dass die Griechen selbst mit einer neuen Währung Griechenlands weiter mit dem Euro Handel betreiben werden. Es wird eine Schattenwirtschaft der Griechen im EURO geben.

2. Dadurch wird es der griechischen Regierung nicht möglich sein, eine eigene Währung erfolgreich durchzusetzen. Alternativ wäre es denkbar, dass die griechische Regierung hart durchgreift und einen derartigen EURO-Handel unterbindet. Davon ist aber nach dem Gebaren von Syriza nicht auszugehen.

3. Griechenland wird das Bild von Syriza wiedergeben, unstabil, uneinig, unlogisch im Handeln.

4. Wenn man Unruhen mit einem Grexit vermeinden will und auch vermeiden muss, dann bleibt den EU-Staaten keine andere Wahl als humanitäre Hilfe zu leisten.

5. Bereits heute bekommen griechische Unternehmen kaum Kredit. Privatisierungen sind praktisch schon deshalb ausgeschlossen, weil sich in dieser Situation keine Käufer finden dürften. An diesem Vertrauensverlust wird eine neue Regierung nach Syriza lange arbeiten müssen.

6. Unwägbar bleibt die Verhaltensweise der griechischen Wähler. Wenn die griechischen Wähler weiter radikalisierenden Parteien ihre Stimme geben, dann bleibt die Bereitschaft der EU, der Industrie und der Konsumenten in Griechenland zu investieren gering.

Wir haben sträflich versäumt an einem EU-Insolvenzrecht der Staaten zu arbeiten. Der griechische Wähler hätte mit einem solchen Insolvenzrecht bereits mit der Wahl seiner Partei über die Konsequenzen gewusst, welche Folgen seine Wahl hat.

Jetzt stehen wir vor dem Problem, dass sich der griechische Wähler ein Wünsch-Dir-Was-Insolvenzprogramm gewählt hat, dass praktisch nicht durchführbar ist.

Das Versäumnis eines EU-Insolvenzrechts für Staaten ist die eigentliche Schlamperei, die man der EU vorzuhalten hat. Auch die EZB hätte mit einem solchen Insolvenzrecht eine klare Vorgabe gehabt.

Herr Oliver Klima

29.04.2015, 08:39 Uhr

Und der Begriff des „moral hazard“ ist auch ein Begriff, der nicht nur von Schäuble gerne genutzt wird, um zutreffend den Reaktionszustand zu beschreiben.

Wenn wir kein EU-Staateninsolvenzrecht haben, dann wird die Situation solange destabilisiert, bis der kritische Zustand auf eine gesetzliche Regelung stößt. Und vorliegend bedeutet das für die griechische Wirtschaft und die griechischen Bürger, dass sie irgendwann mit dem Insolvenzrecht in Berührung kommen, dass für sie als Bürger und Unternehmen existiert.

Ein paradoxer Zustand, wenn man sich überlegt, dass die Probleme durch die ungenügende Staatslenkung der griechischen Parteien entstanden ist.

Herr Teito Klein

29.04.2015, 08:43 Uhr

Grexit, Graccident, Grimbo
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Alle Begriffe passen.

Das Lexikon der Euro-Krise ist um einen Eintrag reicher: Grimbo. Die Wortschöpfung verschmilzt Griechenland mit dem englischen Begriff Limbo und soll anzeigen, dass sich Athen finanziell in einem Zustand zwischen Leben und Tod befindet.

Die Griechen wollen sich retten lassen, verweigern aber beharrlich jegliche Reformen.
Sie wissen, dass die Eurokraten sie bedingungslos retten werden.
Mittlerweile ist Griechenland die bestimmende Macht in der EUdSSR.
Die Troika haben sie außer Landes gejagt. Jetzt heißen sie "die Institutionen".
Die Gläubiger heißen jetzt "Euro-Partner" und das dritte "Hilfspaket" nennen sie dann "Solidarbeitrag".

Tsipras droht den Eurokraten mit einem "Referendum" sollten sie seine Forderungen nicht zu 100% erfüllen.
Auch das ist neu! Seit wann kann ein Schuldner Forderungen stellen?

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