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06.07.2015

17:14 Uhr

Griechenland-Krise

„Wie soll eine Familie mit 20 Euro am Tag überleben?“

VonMartin Tofern

Thessaloniki am Tag nach dem „Nein“. Auf den ersten Blick scheint das Leben seinen normalen Gang zu nehmen. Doch der Schein trügt. Die Folgen der Abstimmung schlagen auf den Alltag der Menschen durch. Ein Ortsbesuch.

Harte Kritik an Griechenland

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ThessalonikiAuf der Egnatia-Straße, die die nordgriechische Stadt Thessaloniki von West nach Ost durchschneidet, brummt der Verkehr wie an jedem Werktag. Alle Geschäfte haben geöffnet, viele Cafés sind voller Menschen, die sich lachend unterhalten. So als sei nichts geschehen. Weder wird viel gejubelt, noch scheint Katerstimmung zu herrschen.

Dabei haben die Griechen historisches hinter sich: Am Sonntag haben sie laut und deutlich „Nein“ gesagt zur Krisenpolitik der Gläubiger. Sie haben „Nein“ gesagt zu weitere Sparvorhaben – und damit die Marschroute ihrer Regierung um Premier Alexis Tsipras gestützt.

Martin Tofern

Der Autor

Martin Tofern ist Redakteur in Düsseldorf.

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Dabei erlebt das Land chaotische Zustände: An nahezu jedem Bankautomaten in Thessaloniki stehen fünf, sechs Menschen in der Schlange. Sie schauen ernst und besorgt, denn seit diesem Montag spucken die Maschinen offenbar für einige Kunden nur noch 20 Euro aus. „Wie soll eine Familie mit Kindern von 20 Euro am Tag überleben“, schimpft Stella Serbou. Sie ist Inhaberin eines Stoffgeschäfts in der Dragoumistraße mitten in der Stadt. Landesweit gilt nach wie vor die Abhebungsgrenze von 60 Euro – auch wenn es wegen eines Mangels an 10- und 20-Euro-Scheinen oft auf 50 Euro hinausläuft.

In den großen Unternehmen und Banken werden am Montag hastig Krisenszenarien entwickelt, wie Mitarbeiter berichten. Die Umfragen vor der Volksabstimmung hatten ein Kopf-an-Kopf-Rennen vorausgesagt. Das „Nein“ erwischte viele Geschäftsleute unvorbereitet.

Die Pressestimmen zum Griechenland-Referendum

Neue Zürcher Zeitung (Schweiz)

„Ein Austritt Griechenlands aus der Währungsunion kann nicht erzwungen werden, ist aber die logische Konsequenz aus dem Volksnein. Die Syriza-Truppe soll ohne den 'reichen Onkel' aus Brüssel ihre Wege suchen müssen, um Einnahmen und Ausgaben in Einklang zu bringen. Auch die Griechen dürften dabei früher oder später erkennen, dass nichts daran vorbeiführt, wirtschaftlich wettbewerbsfähiger zu werden. Mit einem Grexit wird dies eher zu bewerkstelligen sein. Regionalpolitische und humanitäre Hilfen für das EU-Mitgliedsland mögen dazu beitragen, dass es nicht im Chaos versinkt. Aber Athen muss jetzt seinen eigenen, schwierigen Weg gehen - je konsequenter, desto besser. Europa wird das nicht schaden.“

Die Presse (Österreich)

„Die Frage ist jetzt, wie die Eurozone und die EZB darauf reagieren. Eine Zeit lang werden diverse Hilfen auch ohne offizielles Rettungsschirmprogramm noch weitergehen, das ist klar. Man hat ja auch die Kapitalflucht aus Griechenland abseits der traditionellen Programme mit Hilfskrediten finanziert. Aber irgendwann muss Schluss sein: Entweder die Griechen setzen jetzt im eigenen Land strukturelle Schritte, die vermuten lassen, dass sie mittelfristig wieder auf eigenen Beinen stehen können. Oder die Eurozone muss zusehen, wie sie möglichst rasch und unter Schadensminimierung aus der Sache herauskommt. Die konsequenzenlose Daueralimentation eines von Korruption und Vetternwirtschaft geplagten dysfunktionalen Staatswesens ist jedenfalls keine Option.“

Le Figaro (Frankreich)

„(Ministerpräsident) Alexis Tsipras fordert einen Verbleib seines Landes im Euro. Er hat den Griechen allerdings nicht gesagt, dass ihm die Mittel dazu fehlen. Von einem verpassten Zahlungstermin zum anderen wird sich ein schrecklicher finanzieller Schraubstock um Griechenland schließen. Und wenn kein Wunder passiert, wird der so gefürchtete Grexit ganz von allein seinen Lauf nehmen - nicht weil die Europäer das gewollt haben, denn sie haben alles unternommen, um den Grexit zu verhindern, sondern weil die Wahl des griechischen Volkes eine Dynamik in Gang gesetzt hat, die wohl nicht aufzuhalten ist.“

Libération (Frankreich)

„Griechenland wird sich in eine einsame Odyssee stürzen, die eines Odysseus würdig ist ... Wollen wir ein Volk zurückweisen, das seine Rebellion mit seinem Leid rechtfertigt? Wollen wir den langen Traum von einem vereinten Europa zerbrechen, der seit Ende des letzten Weltkriegs von mehreren Generationen getragen wurde? Den Traum von einem Europa, das auf humanistischen Werten basiert und alleine in der Lage ist, auf der globalisierten Bühne eine Rolle zu spielen? Es gibt einen anderen Ausweg, als diese Tragödie. Austeritätspolitik oder politische Zersetzung der EU - das ist nun die Wahl.“

Guardian (Großbritannien)

„Europäische Regierungschefs, die sich daran gewöhnt haben, sich durchzusetzen, werden in Zukunft nicht mehr davon ausgehen können. Sie müssen sich in Bescheidenheit üben und ein Ohr für das griechische Volk haben, das zu diesem Sprung ins Ungewisse angetrieben wurde. Unmittelbar müssen die Politiker so ehrlich sein und zugeben, dass die Schulden der Griechen nicht vollständig zurückgezahlt werden. Sie müssen jetzt die Bereitschaft zeigen, eine realistische Vereinbarung auszuhandeln.“

Gazeta Wyborcza (Polen)

„Schulden müssen eingeholt werden, aber nicht so, dass eine Gesellschaft in Verzweiflung getrieben und unberechenbar gemacht wird. Und das mit großem Risiko für die gesamte Union. In dem griechischen Thriller, den wir erleben, können am meisten nicht nur die Griechen verlieren, sondern auch die, deren Weg ein einiges und vereintes Europa ist. Wir erleben gerade seine beispiellose Krise, die entstanden ist als Ergebnis von Egoismus der Entscheider, Mangel an Mut und Vorstellungskraft und fehlerhafter Kalkulation. Seitens der Union und Griechenlands.“

The Times (Großbritannien)

„Athen stehen chaotische Tage bevor. Die Länder, die sich für einen Verbleib Griechenlands in der Eurozone eingesetzt haben, müssen sich jetzt dringend mit dieser großen politischen Herausforderung befassen. Sie müssen entscheiden, ob die Regeln falsch waren, oder ob die griechischen Banken eingebrochen sind, weil man gegen die Regeln verstoßen hat. Die Euro-Idealisten, besonders die in Deutschland, könnten selbst jetzt immer noch darauf bestehen, Griechenland zu retten. Doch die Euro-Verbraucher, in erster Linie die deutschen Wähler, werden wohl nicht mehr damit einverstanden sein.“

De Standaard (Belgien)

„Ministerpräsident Alexis Tsipras hat sein gewagtes Spiel gewonnen. Aber ein Grund zur Freude ist das nicht, denn der Preis dafür ist schrecklich hoch. Wie hoch genau, weiß bislang noch niemand genau. Für die Eurozone und die gesamte Europäische Union ist dies ein dramatischer Schlag. Wenn ein Mitgliedstaat lieber untergeht, als sich einer Politik zu beugen, die er als aussichtslos erachtet, wird dem europäischen Projekt damit das moralische Fundament entzogen. Juristisch gesehen kann nun nichts mehr verhindern, dass die Gläubiger der griechischen Nation den Gerichtsvollzieher schicken und sie damit an den Bettelstab bringen. Das ist ihr Recht, denn so sind die Regeln. Doch wenn dies das Ergebnis dieses Kräftemessens ist, hat niemand etwas davon. Griechenland nicht, die Gläubiger nicht und Europa erst recht nicht.“

De Telegraaf (Niederlande)

„Das Referendum ist ein Wendepunkt. Zum ersten Mal hat die Bevölkerung eines Landes sich gegen die Währung gewandt, die viele europäische Staaten miteinander verbindet. So eine Verbindung kann nur Bestand haben, wenn sich alle an Absprachen für gesunde Staatsfinanzen halten und für eine Volkswirtschaft arbeiten, die in der Lage ist, ausreichend Geld zur Begleichung von Schulden zu generieren. (.) Deshalb ist ein Austritt aus der Eurozone für das Land das beste Szenario. Das ist schmerzlich für Griechenlands Gläubiger. Der Prozess des Austretens muss dennoch so flexibel gestaltet werden, dass Griechenland Teil Europas bleibt und nicht anderen Mächten in die Arme getrieben wird. Ruhe an Europas Ostgrenze ist ein wichtiges Gut.“

El Mundo (Spanien)

„Der Sieg von Tsipras ist eine Ohrfeige für Deutschland und für den harten Euro-Kern. Diese werden den Druck der öffentlichen Meinung, die gegen weitere Hilfen für die Griechen ist, kaum in Einklang bringen können mit den Forderungen der Regierung in Athen, die sich zum Beispiel weigert, das Rentenalter zu erhöhen, obwohl das derzeitige System aus finanzieller Sicht unhaltbar ist.“

Politiken (Dänemark)

„Das griechische Nein ist ein soziales Aufbegehren gegen die Sparpolitik, das sich auf Spanien, Italien und selbst EU-Kernländer wie Frankreich ausbreiten kann. Das wirft die Währungsunion und die EU als Ganzes in unbekanntes Fahrwasser, das in keinen Verträgen oder Abkommen vorhergesehen wurde.“

Rossijskaja Gaseta (Russische Regierungszeitung)

„Das kleine, aber stolze südeuropäische Land hat in dem Referendum sowohl über seine nahe Zukunft als auch über das Schicksal der ganzen Eurozone entschieden. (...) Und doch: Falls die wirtschaftlichen Probleme des Landes nach dem Referendum bleiben, können die Sympathiewerte der Regierung Tsipras schnell fallen.“

Sme (Slowakei)

„Das griechische Volk hat sich am Sonntag für einen unkontrollierten Bankrott entschieden, für das Ende der Euro-Währung im Land und für ein neues Kapitel der Europäischen Union, deren Geschichte ab jetzt in die Zeit vor und nach dem griechischen Referendum eingeteilt werden wird.“

Kapital Daily (Bulgarien)

„Griechenland machte einen weiteren Schritt zum Austritt aus der Eurozone. Nach dem Nein beim Referendum wird ein Abkommen mit den Gläubigern sehr schwierig zustande kommen.“

Einige Bankfilialen haben sogar geöffnet. Die Kunden dürfen sie aber nur einzeln betreten, indem sie durch eine Art doppeltürige Schleuse gehen. Vor einer Filiale der Piräus-Bank steht ein Polizist und beobachtet das Treiben. Eingreifen muss er wohl nicht, noch ist die Lage ruhig.

Auch Stella Serbou war am Morgen auf der Bank. Sie wollte eine EC-Karte beantragen und hat sich gleich um kurz nach sieben auf den Weg gemacht. „Ich habe schließlich ein Geschäft und muss für meine Kunden da sein“, erklärt sie.

Kommentare (35)

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Frau Michael Engel

06.07.2015, 17:26 Uhr

500 Milliarden Euro!! Was für ein Raubzug!

Account gelöscht!

06.07.2015, 17:26 Uhr

Wir brauchen "meeeeerhr Europaaaaa". Schaffen wir doch einfach nochmal 10.000 neue Stellen im Brüsseler EU-Zentrallabor und zwar mit weiteren völlig überhöhten Salären ... dann wird bestimmt alles besser!

Ihre CDUSPDGrüne-Fraktion im Bundestag

Herr Ingo Tietz

06.07.2015, 17:27 Uhr

@ Handelsblatt-Redaktion, lieber Herr Steingart,
wie wäre es jetzt mit einer medialen Hilfsaktion für die griechische Bevölkerung?! Oder haben euch jetzt der Mut, die möglichen Renditeaussichten und die Solidarität mit den Griechen verlassen, ich zitiere: „Liebe Leserinnen und Leser, in die Diskussion über die griechische Schuldentragödie hat sich ein überheblicher, zuweilen sogar ein nationalistischer Ton eingeschlichen. Rationalität wurde vielerorts durch Ressentiment ersetzt. Viele sagen Griechenland und zielen in Wahrheit auf Europa. Ein Ausscheiden der elf Millionen Griechen aus der Währungsunion, wie selbst von Politikern der deutschen Regierungsparteien ins Spiel gebracht, würde den Anfang vom Ende der heutigen Union bedeuten. Auch andere Staaten im Süden Europas könnten in Schwierigkeiten geraten, das Fundament des Europäische Hauses wäre erschüttert, der Gemeinsame Markt in Frage gestellt. Eine solche Entwicklung liegt nicht im politischen und wirtschaftlichen Interesse Deutschlands. Das Handelsblatt als größte Wirtschafts- und Finanzzeitung im Euro-Raum will in dieser aufgewühlten Debatte eine Stimme der Vernunft sein. Auch wir üben Kritik an der griechischen Schuldenpolitik, aber mit Besonnenheit. Auch wir verlangen nach einer Reform der Europäischen Union, aber innerhalb des geltenden Vertragswerks von Lissabon.“

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