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28.05.2012

14:47 Uhr

Griechenland

Lagarde sorgt mit harten Worten für Empörung

Unter dem Dauer-Sparzwang liegen in Griechenland die Nerven blank. Und jetzt prangert IWF-Chefin Lagarde auch noch die schlechte Steuermoral der Griechen an: Böse Reaktionen sind die Folge - nicht nur aus der Politik.

Der Druck auf Griechenland seitens des IWF werde nicht reduziert, so Christine Lagarde. dpa

Der Druck auf Griechenland seitens des IWF werde nicht reduziert, so Christine Lagarde.

AthenDie IWF-Chefin Christine Lagarde hat mit harten Worten zu Griechenland für Aufregung und Empörung in dem von einer schweren Finanzkrise gebeutelten EU-Land gesorgt. Die Direktorin des Internationalen Währungsfonds hatte in einem Interview mit der britischen Zeitung „Guardian“ die Griechen allgemein wegen ihrer schlechten Steuermoral kritisiert und dabei gesagt, sie denke mehr an die Kinder im afrikanischen Niger als an die Menschen in Athen.

„Das Letzte was wir brauchen, ist das Mitleid der Frau Lagarde“, sagte dazu am Sonntag der Chef des Bündnisses der radikalen Linken (Syriza), Alexis Tsipras. Die große Mehrheit der Griechen zahle Steuern. Warum die Reichen keine Steuern zahlen, solle Lagarde die Sozialisten und Konservative in Athen fragen und sich nicht an die Bürger wenden, meinte Tsipras weiter. Seine Landsleute aus der Mittelschicht zahlten bereits "unerträgliche" Steuern.

IWF-Chefin wird deutlich: Lagarde zeigt wenig Mitleid für die Griechen

IWF-Chefin wird deutlich

Lagarde zeigt wenig Mitleid für die Griechen

„Sie sollten sich alle zusammen selber helfen, indem sie ihre Steuern zahlen.“

Lagarde habe "die Griechen beleidigt", sagte etwa der Vorsitzende der Sozialisten, Evangelos Venizelos, laut einem Fernsehbericht am Samstagabend. Sie solle sich erneut überlegen, was sie wirklich sagen wollte. Sie sollte diese Aussagen zurücknehmen.

Ist ein Euro-Austritt Griechenlands möglich?

Vorbereitung auf den Notfall

Lange Zeit wurde es bestritten: Die Eurozone bereitet sich nun doch für den Notfall auf einen möglichen Austritt Griechenlands aus der Eurozone vor. Die Hoffnungen, dass Athen im Euroland wieder auf die Beine kommen kann und zu seinen Sparzusagen steht, schwinden. Doch ist ein solcher Schritt überhaupt möglich?

Rechtliche Grundlage

Die Rufe nach einem Austritt Griechenlands aus der Eurozone werden angesichts der tiefen Krise des Landes immer lauter. Nachdem die Europäische Zentralbank (EZB) erstmals das Austrittsszenario angesprochen hatte, räumte auch Eurogruppen-Chef Jean-Claude Juncker nach dem EU-Sondergipfel in Brüssel ein, dass Experten entsprechende Pläne für den Notfall ausarbeiten, sollte Athen nach den Neuwahlen vom Spar- und Reformkurs abweichen.
Allerdings ist ein direkter Rauswurf aus der Eurozone durch die anderen Mitgliedsländer nicht möglich. Das sehen die EU-Verträge nicht vor. Allerdings könnte Griechenland von sich aus erklären, sich vom Euro zu verabschieden. Aber auch in diesem Fall wäre dies Neuland für das gesamte Euro-System, das dafür keine Regelungen kennt.

Folgen für Griechenland

Mit großer Wahrscheinlichkeit würde der Euro-Abschied zunächst den kompletten wirtschaftlichen Zusammenbruch des Krisenlandes bedeuten. Ohne Euro müsste Griechenland wieder eine eigene Währung einführen, etwa die alte Drachme. Sie würde vermutlich drastisch an Wert verlieren, etliche Ökonomen schätzen um die 50 Prozent. Die Abwertungseffekte würden dann aber Exporte verbilligen und die Wettbewerbsfähigkeit Griechenland international steigern.

Parallelwährung

Von Ökonomen gibt es auch Vorschläge für die Einführung einer Parallelwährung, beispielsweise dem „Geuro“, wobei der Staat Schuldscheine an seine Bediensteten ausgeben könnte statt sie direkt zu bezahlen. Die Zweitwährung würde gegenüber dem Euro im Wert sinken. Auch in diesem Fall könnten griechische Exporteure im Ausland billiger anbieten, die griechische Wirtschaft könnte so ihre Konkurrenzfähigkeit steigern, was dringend nötig wäre, damit sie aus der Rezession herauskommt. Die Lösung einer Zweitwährung soll dabei dem Land die Rückkehr zu einer vollen Mitgliedschaft in die Eurozone sichtbar offenhalten.

Anstieg von Altschulden

Bei Einführung einer neuen Währung wäre besonders schwerwiegend, dass für Griechenland die in Euro aufgenommenen Altschulden infolge der Abwertungseffekte drastisch steigen würden. Das Bankensystem geriete ins Wanken, ein Ansturm der Sparer wäre programmiert. Deshalb sollte die Einführung einer neuen Währung nach Ansicht von Fachleuten nur geordnet verlaufen, wobei großzügige Überbrückungshilfen und Stützung der Banken notwendig wären.

Folgen für die Euro-Zone

Ob das Euro-Währungsgebiet einen Austritt der Hellenen verkraften würde, ist äußerst fraglich. Ökonomen warnen vor der Ansteckungsgefahr für weitere Sorgenkinder wie Spanien, Italien oder Portugal. Denn letztlich könnte sich kein Investor mehr darauf verlassen, dass nicht auch andere Länder aus dem Euroraum ausscheren.

Risikoaufschläge

Vermutlich würden die Risikoaufschläge für Staatsanleihen entsprechender Länder so stark steigen, dass diese ähnlich wie Griechenland an den Rand der Zahlungsunfähigkeit kämen. Letztlich könnte so der gesamte Währungsraum ins Wanken geraten. Aus Sicht von Politikern ist diese Gefahr jedoch deutlich geringer geworden, nachdem größere Euro-Rettungsschirme aufgespannt worden seien.

Auch im Internetnetzwerk Facebook lösten die Einlassungen Lagardes eine Welle der Empörung aus. Auf der Seite Lagardes waren rund 10.000 Kommentare zu ihren Äußerungen zu lesen. "Sie sollten das den Angehörigen der 3000 Griechen sagen, die Selbstmord begangen haben, und den Millionen arbeitslosen Griechen", schrieb etwa ein Nutzer sarkastisch. "Wir glauben an die Aufrichtigkeit, an harte Arbeit und Leistung, ich verbitte es mir, dass wir mit Dieben verglichen werden", ärgerte sich eine andere Nutzerin.

Kommentare (29)

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derostenistrot

28.05.2012, 15:11 Uhr

es könnte an der langen Türkenherrschaft (Epigenetik!)liege, daß Türken und Griechen bei der leisesten Kritik beleidigt sind und ausrasten.

ulrichhauck

28.05.2012, 15:16 Uhr

Frau Lagarde spricht endlich einmal deutlich aus was in Griechenland Realität ist - Steuerflucht , mangelhaft arbeitende Finanzbehörden , etc.
Diesem Land kann Deutschland nicht vertrauen und weitere Millionen Euro geben.

Account gelöscht!

28.05.2012, 15:24 Uhr

Das was Madame Lagarde gesagt hat, das teile ich uneingeschränkt. Den GR geht es immer noch so gut, dass die Zeit und Geld haben in den Kaffees zu sitzen und sich zu sonnen. Ich empfinde vor Mme. Hochachtung!!!

Dieser H...sohn Venizelos spricht von einer Beleidigung. Wie unverschämt ist dieser Typ nur. Da wurde betrogen und gelogen nach allen Regeln der Kunst und wenn man dem das dann vorhält, dann fühlt er sich auch noch beleidigt. Nein, so geht das nicht. Es ist eine Beleidigung aller die von diesem Pack belogen und betrogen wurden.

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