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10.02.2012

18:55 Uhr

Griechenland

„Oberlehrer“ Deutschland wird zur Reizfigur

Das harte Spardiktat lässt die Stimmung in Griechenlands Bevölkerung auf den Nullpunkt sinken. Besonders Deutsche bekommen den Unmut der Griechen zu spüren. Der Tourismusverband äußert sich besorgt.

Die Griechen fühlen sich durch den auferlegten Sparzwang zunehmend ungerecht behandelt. Vor allem Deutschland wird für die Misere verantwortlich gemacht. dpa

Die Griechen fühlen sich durch den auferlegten Sparzwang zunehmend ungerecht behandelt. Vor allem Deutschland wird für die Misere verantwortlich gemacht.

AthenIn Griechenland kochen die Emotionen hoch. Die auferlegten Sparzwänge lösen Wut und Verzweiflung aus. Ungerecht behandelt und erniedrigt fühlen sich viele von internationalen Finanzkontrolleuren und insbesondere vom großen Geldgeber Deutschland. Deutsche, die schon seit langem in Griechenland leben, bemerken zunehmend eine Verschlechterung der Stimmung gegen den „Oberlehrer“ Berlin. „Alles wisst ihr besser. Und wenn der andere am Boden liegt, dann könnt ihr gut auf ihn treten“, bekam eine Deutsche, die seit 32 Jahren im Land lebt, am Freitag auf dem Wochenmarkt im Athener Stadtteil Kypseli von einem Gemüsehändler zu hören.

Zeitungen nehmen Schlagzeilen der deutschen Presse, insbesondere die des Boulevards aufs Korn. In den vergangenen Tagen veröffentlichten sie Beispiele, die „die Griechen“ kollektiv und nicht ihre Politiker für das Schuldendebakel verantwortlich machten und gaben Bemerkungen wieder, wie die Südländer seien „faul“. Junge Leute in einer griechischen Bar kommentierten die ungerechtfertigten Verallgemeinerungen auf beiden Seiten: „In der DNA der Griechen ist die Faulheit nicht enthalten, so wie in der DNA der Deutschen nicht das Nazisein enthalten ist.“ Anti-Deutsche-Parolen und Nazi-Vergleiche nehmen in Griechenland zu. Zielscheibe ist speziell die deutsche Bundeskanzlerin. Die kleine Boulevardzeitung „Dimokratia“ veröffentlichte ein Bild von Kanzlerin Angela Merkel in Naziuniform und begleitete dies mit dem Titel „Memorandum (Absichtserklärung für das Sparprogramm) macht frei“ und stellte einen nationalsozialistischen Kontext her. Über den Toren von Konzentrationslagern stand der zynische Schriftzug „Arbeit macht frei“.

Griechenlands Reformen

Bereits umgesetzte Maßnahmen

• Grundstückssteuer (2 Mrd. Euro), die über die Stromrechnung eingezogen wird (ab 2012 durch Finanzamt)
• erstmals Entlassungen im öffentlichen Dienst (betrifft Beamte nahe Pensionsalter)
• Benzinsteuer und Heizölsteuer +10%
• Alkoholsteuer +10%
• Solidaritätsabgabe für 2011, 2012 und 2013 auf das Einkommen
• MwSt von 21 auf 23%
• Renteneintrittsalter heraufgesetzt, jedoch weiterhin keine einheitliche Regelung

Geplante Maßnahmen

• Beschleunigung der Privatisierung von Staatsunternehmen und Verwertung des öffentlichen Vermögens
• weitere Kürzung der Beamtengehälter
• weitere Kürzung von Sozialleistungen
• Aufbau nationaler Statistiken
• Abbau bürokratischer Hürden, Öffnung geschützter Berufe (Taxi, Apotheken u.v.m)
• Schließung von staatlichen Unternehmen
• Um die Pleite Griechenlands abzuwenden, erlassen die privaten Gläubiger (Banken und Versicherungen) dem Staat die Hälfte seiner Schulden (100 Mrd. Euro) oder mehr; dadurch soll der griechische Schuldenstand bis zum Jahr 2020 von 160 auf 120% des BIP verringert werden.
• Anleihen von EU-Staaten und EZB behalten ihren Wert, nur private Gläubiger machen Einschnitte; dafür gewährt EU weitere 100 Mrd. Euro bis 2014

Zuletzt verbrannten Demonstranten vor dem griechischen Parlament eine deutsche Fahne. „Das ist ein gefundenes Fressen für die sensationsgeilen Entsandten aus aller Welt und vor allem aus Deutschland“, sagt Dimitris Trimis, der Präsident des griechischen Journalistenverbandes, der dpa. Dies sei die gefährlichste Entwicklung, warnte er. Kleine relativ unbedeutende Zeitungen würden leichtfertig als „die griechische Presse“ allgemein präsentiert.

„Es geht ja nicht darum, das griechische Volk zu quälen durch Sparmaßnahmen“, betonte derweil Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU). Es gehe um Voraussetzungen dafür, dass Griechenland eine vernünftige wirtschaftliche Entwicklung nehmen und irgendwann seine Schulden wieder bedienen könne: „Wir können nicht Milliarden in ein Fass ohne Boden gießen.“ Sollte das griechische Parlament dem Sparpaket nicht zustimmen, stellte Schäuble klar: „Dann können wir diese Hilfe nicht geben.“

Kommentare (73)

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1a_fischgraete

10.02.2012, 19:14 Uhr

Na, da wäre ja nun gleich keiner drauf gekommen: 81 Millionen bessere Bundeskanzler, 81 Millioneen noch bessere Finanzexperten - und Europa muckt.

Na sowas.

Und wofür diese "Oberleherei"?
Für die Finanzmärkte?

Ja für wen denn eigentlich?

Account gelöscht!

10.02.2012, 19:16 Uhr

da haben die Politiker bei ihrem Projekt "der Euro vereinigt Europa" mal wieder beste Arbeit geleistet.

bobi

10.02.2012, 19:20 Uhr

Das wäre so geil, wenn Merkel und Sarkozy in Athen verhaftet werden. Sooooo geil!!

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