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26.10.2011

15:34 Uhr

Griechenland-Paket

Banken dämpfen Hoffnung auf Gipfel-Einigung

Banken und Euro-Länder kommen sich beim angestrebten höheren Gläubigeranteil an einem zweiten Griechenland-Paket näher. Doch die Gespräche verlaufen so zäh, dass eine Einigung heute schon unwahrscheinlich ist.

Illustration zum griechischen "Schuldenschnitt". dpa

Illustration zum griechischen "Schuldenschnitt".

Berlin/AthenEin Schuldenschnitt auf griechische Staatsanleihen von rund 50 Prozent rückt immer näher. „Man wird sich auf einen Abschlag von nominal 50 Prozent einigen“, sagte eine mit den Verhandlungen zwischen den europäischen Regierungen und dem Internationalen Bankenverband IIF vertraute Person der Nachrichtenagentur Reuters. Auf einen geringeren Abschlag werde sich die Politik nicht einlassen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel drängte am Mittwoch auf eine Lösung, die die Staatsschulden Griechenlands auf 120 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) senken würde. „Das geht nicht, ohne dass der private Sektor in erheblich höherem Umfang an den Lasten beteiligt wird als das am 21. Juli vorgesehen war“, sagte die Kanzlerin.

Die genannte Zahl entspräche einem Schuldenschnitt von 50 Prozent und einem Beitrag der Banken von mehr als 100 Milliarden Euro.

Die Banken haben bisher laut Branchenkreisen noch nicht so viel angeboten. Sie forderten insbesondere bessere Sicherheiten. Offen ist auch, ob andere Gläubiger wie Hedge-Fonds auf die Forderungen eingehen. Um zu vermeiden, dass der Schritt als Staatspleite gewertet wird, muss der Verzicht auf freiwilliger Basis erfolgen. Für eine Einigung noch am Mittwoch dürfte die Zeit kaum reichen. „Die Einzelheiten des endgültigen Vorschlags und die Alternativen (aus denen die Banken auswählen können)werden in den nächsten Tagen ausformuliert“, sagte ein hochrangiger Banker.

Planspiel: Euro-Zone ohne Griechenland

Welche Folgen hätte ein Austritt Griechenlands aus dem Euro?

Die konkreten ökonomischen Folgen eines Euro-Austritts Griechenlands sind kaum vorhersehbar, da es eine vergleichbare Situation bisher noch nicht gegeben hat. Viele Experten sind sich aber sicher, dass die Auswirkungen sowohl für Griechenland als auch für die anderen Länder des Währungsraums verheerend wären. Experten befürchten schwere Konsequenzen für den europäischen Bankensektor - dem Hauptkreditgeber Griechenlands. Und da keine entwickelte Volkswirtschaft ohne gesunde Banken auskommen kann, würden auch Verbraucher und Unternehmen stark getroffen werden.

Welche Folgen würden sich für Griechenland ergeben?

Für Griechenland würde ein Euro-Austritt vermutlich den wirtschaftlichen Zusammenbruch bedeuten. Ohne Euro müssten die Hellenen wieder ihre alte Währung Drachme einführen, die vermutlich drastisch abwerten würde. Über billigere Produkte würde dies zwar der internationalen Wettbewerbsfähigkeit Athens zugute kommen.

Was würde sich am Schuldenstand Athens ändern?

Die in Euro aufgenommenen Altschulden würden infolge der Abwertung der neuen eigenen Währung drastisch steigen. „Selbst ein starker Schuldenschnitt würde Griechenlands Probleme dann nicht lösen, da das Land über Jahre hinweg vom Kapitalmarkt abgeschnitten wäre“, unterstreicht ein HSBC-Experte. Hinzu kommt, dass das Land seine Staatsausgaben mangels Kreditfähigkeit nur aus seinen Einnahmen finanzieren könnte. Die Folge wäre ein vermutlich noch viel stärkerer Abschwung als bisher schon.

Ist ein Austritt Griechenlands im Interesse anderer Euro-Länder?

Mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit nicht. An den Finanzmärkten würden nach einem Euro-Austritt Griechenlands wohl schnell andere finanzschwache Länder unter starken Druck geraten, möglicherweise auch wirtschaftsstarke Länder. Denn letztlich könnte sich kein Investor mehr darauf verlassen, dass nicht auch andere Länder - möglicherweise in Verbindung mit einem Schuldenschnitt - aus dem Euroraum ausscheren. Die Risikoaufschläge für Staatsanleihen entsprechender Länder würden vermutlich drastisch steigen, und die jeweiligen Länder ähnlich wie Griechenland an den Rand der Zahlungsunfähigkeit führen. Letztlich könnte so der gesamte Währungsraums ins Wanken geraten.

Der griechische Finanzminister Evangelos Venizelos rechnet nach einem Bericht der Zeitung „Kathimerini“ ebenfalls mit einem Schuldenschnitt auf die Hälfte. Nach seinen Vorstellungen sollen die Banken 15 Prozent des in griechische Bonds investierten Geldes in bar zurückerhalten, 35 Prozent sollten in neue 30-jährige, mit sechs Prozent verzinste Anleihen gesteckt werden.

Bankenkreisen zufolge kann sich das Verhältnis auch noch ändern. Anders als bei der Einigung im Juli auf einen Schuldenschnitt von 21 Prozent sollen die neuen Papiere nicht vom Rettungsschirm EFSF garantiert werden, als Lockmittel für die Banken solle vielmehr der Bar-Anteil dienen.

Venizelos' Gespräche mit IIF-Direktor Charles Dallara seien am Dienstag „sehr positiv“ verlaufen, hieß es in der Zeitung unter Berufung auf Regierungskreise. Der erhoffte dreistellige Milliardenbetrag wird allerdings nicht ganz dem griechischen Staat zugutekommen. Weil er im Gegenzug seinen Banken, Versicherern und Pensionsfonds unter die Arme greifen muss, die einen solchen Schnitt nicht verkraften würden, kämen letztlich rund 65 bis 70 Milliarden beim Staat an, berichtete die Zeitung.

Welche Folgen hätte eine griechische Staatspleite für Europa?

Banken

Mangels Käufer müssten weltweit Banken ihre Hellas-Anleihen in den Bilanzen abschreiben: an erster Stelle griechische und andere europäische Banken. Auch viele andere Institutionen wie Versicherungen oder Pensionsfonds haben die Papiere in ihren Büchern. Zudem wird ein Dominoeffekt ausgelöst: Wer für seine Anleihen eine Kreditausfallversicherung am Markt abgeschlossen hat, muss nun ausbezahlt werden. Weitere Abschreibungen sind die Folge. Griechische Anleihen sind auch in strukturierten Wertpapieren enthalten, die ebenfalls an Wert verlören.

Ansteckungsgefahr

Höchstwahrscheinlich würden auch die Refinanzierungskosten der anderen Euro-Schwächlinge Portugal und Irland sofort in die Höhe schießen. An den Kapitalmärkten würde spekuliert, dass Portugal als nächstes seinen Schuldendienst einstellen muss. Bereits jetzt wird an den Märkten die Wahrscheinlichkeit einer Pleite binnen der kommenden 24 Monate als sehr hoch eingeschätzt. Wackelt Portugal, rückt auch Spanien erneut ins Visier der Spekulanten. Denn spanische Banken sitzen nach Angaben der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) auf portugiesischen Schulden in Höhe von 80 Milliarden Euro. Ein Ausfall würde das ohnehin angeschlagene Banksystem hart treffen und damit den spanischen Staat, der seine Geldinstitute stabilisieren müsste.

Reißt die Krise Spanien mit in den Abgrund, wäre der GAU voraussichtlich da: Das Land hat die viertgrößte Volkswirtschaft in Europa. Der Euro-Rettungsschirms EFSF wäre überfordert. In der Folge würden auch Deutschland und Frankreich angesteckt: Französische Banken halten der BIZ zufolge spanische Anleihen im Umfang von etwa 140 Milliarden Euro - doppelt so viel wie griechische. Deutsche Institute sind mit 180 Milliarden dabei, sechs Mal soviel wie sie in Griechenland investiert haben.

Sicherheiten

Bei einer Staatspleite könnten griechische Banken griechische Staatsanleihen nicht mehr bei der Europäischen Zentralbank (EZB) als Sicherheiten für ihre kurzfristige Refinanzierung hinterlegen. Das griechische Bankensystem wäre in Windeseile pleite, wenn keine kurzfristige Lösung gefunden wird. Ein „bank run“ wäre kaum noch zu vermeiden: Vor den Filialen würden sich Schlangen bilden, jeder würde versuchen, schnell noch Geld abzuholen. Die
griechische Regierung müsste Auszahlungs-Limits erlassen, um den endgültigen Kollaps der Banken und einen Zusammenbruch des Bargeldverkehrs zu stoppen.

Die Bevölkerung würde auch an anderer Stelle hart getroffen: Der Staat könnte die Gehälter für Staatsdiener nicht mehr zahlen und Rechnungen etwa für Bauprojekte nicht mehr begleichen. Die Folge wäre ein sprunghafter Anstieg der Arbeitslosigkeit. Würde sich die EZB entschließen, die Pleiteanleihen doch zu nehmen, würde sie damit voraussichtlich Verluste einfahren. Muss infolgedessen die EZB rekapitalisiert werden, träfe das die anderen Euro-Länder, an erster Stelle das größte: Deutschland.

Von

rtr

Kommentare (1)

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Mazi

26.10.2011, 16:13 Uhr

Weshalb überhaupt eine Einigung?

Die Banken haben die Anleihen erworben und Margen zu machen. Das war's.

Weshalb schaltet sich überhaupt die Politik ein? Es gibt in keinsterweise eine rechtliche Grundlage hierzu.

Ich halte die Abstimmung des Bundestages für Nonsens und für das Volk für nicht verpflichtend wie eine Abstimmung über's Wetter im nächsten Jahr.

Nicht zuletzt wurden die Abgeordneten vereidigt mit dem Zusatz: "zum Wohl des deutschen Volkes". Die Entscheidung ist zum Schaden des deutschen Volkes, nicht nach Meinung des deutschen Volkes und wird somit von dem geleisteten Eid nicht abgedeckt. Sie steht auch im Widerspruch zur Expertenmeinung.

Viele Abgeordneten haben eingestanden, dass das über das sie abstimmen. von Ihnen geistig nicht durchblickt wird. Wenn dies zutrifft, dann kann deren Entscheidung nur die Stimmenthaltung aber niemals ein Votum "dafür" sein.

Der Bundespräsident sollte sich in die negativen Auswüchse einschalten und für Verantwortlichkeit und Klarheit sorgen. Ich hoffe, dass es noch mutige Abgeordnete gibt, die eine einstweilige Verfügung erwirken.

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