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15.06.2012

22:05 Uhr

Griechenland

Samaras trommelt für Gemeinschaftswährung

Bleibt Griechenland in der Eurozone? Die linke Partei will den Rauswurf riskieren, der Chef der Konservativen plädiert erneut für den Euro. Allerdings will auch er den vereinbarten Sparkurs nicht ohne weiteres hinnehmen.

Der Chef der konservativen Nea Dimokratia, Antonis Samaras, wirbt für einen Verbleib in der Eurozone. dpa

Der Chef der konservativen Nea Dimokratia, Antonis Samaras, wirbt für einen Verbleib in der Eurozone.

AthenVor der Schicksalswahl in Griechenland steht Europa unter Hochspannung. Die EU-Kommission hielt sich am Freitag ebenso wie die Bundesregierung und andere Euro-Länder mit Äußerungen zu dem Urnengang am Sonntag zurück, der als Abstimmung über einen Verbleib des Landes in der Währungsunion gilt. Der Chef der griechischen Konservativen, Antonis Samaras, warnte eindringlich vor einer Abkehr der Sparvereinbarungen.

Griechenland werde im Falle eines Wahlsiegs seiner Nea Dimokratia die Krise hinter sich lassen, aber nicht die Gemeinschaftswährung, rief Samaras bei seiner letzten Wahlkampfkundgebung tausenden Anhängern auf dem Syntagma-Platz in Athen zu. Samaras zeichnete dabei ein düsteres Bild von einer Aufkündigung der internationalen Sparvereinbarungen, wie sie sein schärfster Konkurrent, Alexis Tsipras vom Linksbündnis Syriza, fordert.

Was ein Euro-Austritt Griechenlands kosten würde

Erhebliche Lasten

„Der Austritt eines Landes aus der Eurozone würde auch für uns eine Menge Turbulenzen mitbringen", warnte bereits Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble. Seriös lässt sich die Kostenfrage aber nicht beantworten, weil es kein Drehbuch für Pleite und Euro-Austritt gibt. Allenfalls eine Annäherung an eine Antwort ist möglich.

Umrisse des Problems

Aus dem ersten Hilfspaket hat Griechenland von anderen Euro-Ländern 53 Milliarden Euro erhalten. Hinzu kommen 35,4 Milliarden Euro aus dem zweiten Paket. Zudem hat der Euro-Rettungsschirm EFSF 25 Milliarden Euro bereitgestellt, damit das Land seine vom Schuldenschnitt im März angeschlagenen Banken rekapitalisieren kann. Berenberg-Chefvolkswirt Holger Schmieding zufolge ist das Geld aber offenbar noch nicht an die Banken geflossen.

Risikobewertung griechischer Anleihen

Der Analyst geht außerdem davon aus, dass die EZB noch griechische Anleihen im Nominalwert von gut 35 Milliarden Euro in den Büchern hat. Weil die Zentralbank diese vermutlich zu Kursen von rund 75 Prozent des Nominalwertes gekauft hat, rechnet Schmieding hier mit einem maximalen nominalen Verlustrisiko von 27 Milliarden Euro. Allerdings hat die EZB auch Gewinne mit Hellas-Anleihen gemacht. Verrechnet man die beiden Posten miteinander, kommt man für die EZB auf ein echtes Verlustrisiko von etwa 20 Milliarden Euro.

Target-II-Salden

Hinzu kommt aber ein weiteres Risiko, das sich hinter dem Begriff „Target II-Salden" verbirgt, von dem ebenfalls völlig unklar ist, wie und in welchem Umfang es sich realisieren könnte: Innerhalb des Verrechnungssystems der europäischen Notenbanken für den Zahlungsverkehr zwischen Banken (Target II) hatte die griechische Zentralbank gegenüber dem Eurosystem bis Ende Januar ein Negativ-Saldo von 107 Milliarden Euro aufgebaut. Schmieding zufolge dürfte es heute bei 120 bis 130 Milliarden Euro liegen.

Kreditsicherheiten

Abgesichert wird der Negativ-Saldo durch Kreditsicherheiten, die griechische Banken bei der griechischen Notenbank hinterlegt haben. Ob diese nach einem Euro-Austritt ihren Verpflichtungen gegenüber dem Eurosystem weiter nachkommen würde, Sicherheiten abtreten würde und welchen Wert diese Sicherheiten noch hätten, steht dabei in den Sternen. Von möglichen Verlusten, die sich aus Target II ergeben würden, müsste Deutschland über die Bundesbank ebenfalls 27 Prozent tragen.

Weitere Forderungen

Schließlich müssten in die Gesamtrechnung noch Forderungen europäischer Bürger und Unternehmen gegenüber griechischen Banken einfließen. Ende 2011 betrugen die Auslandsschulden griechischer Unternehmen etwa 100 Milliarden Euro, davon 91 Milliarden Bankschulden und neun Milliarden anderer Unternehmen.

Fazit

Weil nicht klar ist, welche Risiken eintreten würden, lassen sich die Kosten eines Staatsbankrotts und Euro-Austritts vorher nicht beziffern. Sicher ist aber: Es würde teuer werden.

"Wenn wir mit unseren (EU-)Kollegen brechen, werden sie uns zwingen, den Euro zu verlassen", sagte Samaras. Die Griechen wären dann nicht mehr in der Lage, etwas zu importieren und müssten "kapitulieren". Griechenlands Übergangsregierungschef Panagiotis Pikrammenos rief die politischen Parteien des Landes zur Einigkeit auf. Für eine Besserung der Lage sei es nötig, "unsere Meinungsverschiedenheiten zu überwinden und zusammenzuarbeiten, erklärte Pikrammenos.

SPD-Chef Sigmar Gabriel rief die EU und die Bundesregierung auf, der Regierung in Athen entgegenzukommen. Der Zeitplan für das Sparprogramm müsse gelockert werden, damit sich die griechische Wirtschaft erholen könne, sagte Gabriel "Spiegel Online".

Die Wahl in Griechenland wird weltweit mit Spannung beobachtet. Erwartet wird ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Nea Dimokratia und Syriza. Während der zur Politik-Elite des Landes zählende Samaras die Sparauflagen der internationalen Geldgeber nur nachverhandeln will, verspricht Tsipras den Griechen, die Vereinbarungen komplett aufzukündigen.

Ein solcher Schritt führe zu einem Stopp der internationalen Hilfszahlungen, warnte Bundesbank-Chef Jens Weidmann in der spanischen Zeitung "El País" und bezeichnete eine Lockerung der Sparauflagen als "nicht möglich". Ein Ausscheiden des Landes aus der Euro-Zone sei daher nicht ausgeschlossen. Ein solcher Schritt wäre politisch und wirtschaftlich mit unbekannten Risiken verbunden. Nicht nur in Europa, sondern auch in den USA und Asien werden Schockwellen für die Weltwirtschaft befürchtet.

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Eine Sprecherin der EU-Kommission in Brüssel lehnte einen Kommentar zu möglichen Krisenreaktionen ab. Hinter den Kulissen laufen aber Vorbereitungen, um auf einen Wahlsieg der Spargegner in Griechenland zu reagieren. "Wir haben uns technisch auf alle realistischen Szenarien vorbereitet, sogar auf das Undenkbare, wie es von verantwortungsvollen Politikern erwartet wird", sagte ein Vertreter eines Euro-Landes.

Von

afp

Kommentare (8)

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Account gelöscht!

15.06.2012, 22:03 Uhr

"Wenn wir mit unseren (EU-)Kollegen brechen, werden sie uns zwingen, den Euro zu verlassen"

Die Griechen und ihre Dolchstoßlegende. Niemand ausser den Tatsachen wird irgendjemanden zu irgendetwas zwingen. Tatsache ist, dass die griechischen Banken längst zu Konditionen frisch gedruckte Euros von der Europäischen Zentral Bad Bank erhalten, die vielleicht mit der Währung einer Bananenrepublik aber nichts mit dem Statut der EZB zu tun haben. Da die Währung bereits jetzt schon in bester Drachmen-Tradition gegen kaum valide Sicherheiten ausgegeben wird, mag noch Euro draufstehen, defacto ist es eine Drachme. Die einzige Frage ist nun, ob diese Euro-Drachme und die dazugehörige Wirtschaftskultur nun ganz Europa aufgezwungen wird oder ob man endlich den Mut hat, den Tatsachen ins Auge zu blicken und zu Recht und Gesetz zurückzukehren.

Rainer_J

15.06.2012, 22:07 Uhr

Der Euro ist nicht Sozialismus, sondern Kommunismus pur! Kommunismus ist Reinkultur und ein Kapitalverbrechen!

Isegrim

15.06.2012, 22:55 Uhr

Samaras ist ebenso ein Blender wie alle anderen Kandidaten auch. Es gibt nichts nachzuverhandeln! Alle beschlossenen Vereinbarungen müssen umgesetzt werden. In der EU ist die Angst vor den Radikalen Linken größer, als einem ´konservativen´ Kandidaten klar die Grenzen aufzuzeigen, dass sein Vorhaben zu Nachverhandlungen ebenso wenig akzeptabel ist. Griechenland hat den europäischen Gewaltfrieden zu fressen oder der Euro zerspringt in seine Einzelteile. Jedoch ist zu befürchten, dass sich die EU - allen voran unsere glorreiche Bundesregierung - tatsächlich noch einmal zu Nachverhandlungen überreden lässt und ein drittes Hilfspaket für Griechenland schnürt. Und DAS ist das nächste gefundene Fressen für die Märkte - denn weitere Spekulationen und Unsicherheiten werden für Feuer sorgen. Einzig die EU trägt für dieses Desaster die Verantwortung! Baut diesen Kerlen kein Denkmal, sondern gebt ihnen Mut!

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