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13.01.2014

15:47 Uhr

Griechenland

Top-Terrorist entkommt nach der Silvesterparty

VonGerd Höhler

Den griechischen Behörden ist ein Top-Terrorist entwischt. Jetzt fürchten die Fahnder einen spektakulären Anschlag. Vor dem Hintergrund der Krise gelten besonders deutsche Repräsentanten und Firmen als gefährdet.

Top-Terrorist Xiros: „Wir rechnen damit, dass er ein ‚großes Ding‘ vorbereitet“. dpa

Top-Terrorist Xiros: „Wir rechnen damit, dass er ein ‚großes Ding‘ vorbereitet“.

AthenAm Abend des 31. Dezember 2013 gab es im griechischen Hochsicherheitsgefängnis Korydallos bei Piräus eine Silvesterfeier. Mit von der Partie: Christodoulos Xiros, ein 2003 zu sechsmal lebenslanger Haft verurteilter Serienkiller der Terrororganisation „17. November“, und weitere inhaftierte Terroristen. Gefeiert wurde bis in die frühen Morgenstunden, es floss auch viel Alkohol. Die Stimmung sei ausgelassen gewesen, berichten Zeugen.

Kein Wunder: In der Nacht zuvor hatten vier Terroristen die Residenz des deutschen Botschafters im Athener Norden mit Kalaschnikow-Sturmgewehren unter Beschuss genommen. Eines der rund 60 Projektile schlug in einem Schlafzimmer der Diplomatenfamilie ein, verletzt wurde niemand. Aber außer dem Anschlag gab noch etwas zu „feiern“, und davon wusste wohl nur Xiros: Am Neujahrstag würde er einen neuntägigen Hafturlaub antreten – von dem er nicht in seine Zelle zurückkehren wollte.

Mit Hochdruck fahndet die griechische Polizei seit einer Woche nach dem 56-jährigen flüchtigen Gewalttäter. Die Ermittler vermuten ihn irgendwo in Athen. Zahlreiche Häuser wurden bereits durchsucht. Schwer bewaffnete Polizisten, aber auch Beamte in Zivil kontrollieren in der griechischen Hauptstadt Fahrzeuge und Passanten – bisher ohne Ergebnis. Mit jedem Tag, der vergeht, wächst die Nervosität. Die Fahnder vermuten, dass sich Xiros im Untergrund einer Terroristenzelle angeschlossen hat und wahrscheinlich einen Anschlag plant. „Wir rechnen damit, dass er ein ‚großes Ding‘ vorbereitet“, sagt ein Ermittler. Xiros sei in die Illegalität gegangen, „um einen großen Schlag vorzubereiten, der international Aufsehen erregen soll“, zitierte die Zeitung „To Vima“ einen Terrorismusexperten.

Vor dem Hintergrund der Krise, für die viele Griechen das „deutsche Spardiktat“ verantwortlich machen, gelten jetzt besonders deutsche Repräsentanten und Firmen in Griechenland als gefährdet. Die nächtlichen Gewehrsalven auf die Botschafterresidenz sprechen eine deutliche Sprache. Inzwischen wurden die Sicherheitsvorkehrungen verschärft. Alarmiert ist man auch in der Athener US-Botschaft, die in der Vergangenheit bereits mehrfach Ziel terroristischer Angriffe war. Nicht weniger als fünf US-Diplomaten und Botschaftsbedienstete hat der „17. November“ auf dem Gewissen. Auch die Delegationschefs der Troika, in denen manche Griechen so etwas wie moderne Kolonialherren sehen, sollen verstärkten Personenschutz bekommen, wenn sie demnächst zur Fortsetzung ihrer Prüfungen nach Athen zurückkehren. Nikos Dendias, Minister für Bürgerschutz und öffentliche Ordnung, räumt ein: „Wir haben ein Terrorismusproblem“.

Krisenländer im Check

Portugal

- LICHT: Das Land steckt in der tiefsten Rezession seit den 1970er-Jahren. Doch der Abwärtsstrudel verliert an Stärke: Die Arbeitslosenquote sank im Mai und im Juni, das Geschäftsklima hellte sich sieben Monate in Folge auf. Die gesamte Wirtschaft wuchs im zweiten Quartal überraschend um 1,1 Prozent, es war das erste Plus seit rund zweieinhalb Jahren.

- SCHATTEN: Die jüngste Regierungskrise hat Investoren verunsichert und Zweifel geschürt, dass sich Portugal ab Mitte 2014 wieder vollständig über den Finanzmarkt finanzieren kann. Nur ein Rettungspaket über 78 Milliarden Euro bewahrte das Land vor der Staatspleite.

Zypern

- LICHT: Die Troika aus Europäischer Zentralbank, EU-Kommission und Internationalem Währungsfonds hat dem Euro-Land jüngst Fortschritte bei der Sanierung seines Staatshaushalts bescheinigt. Die internationalen Geldgeber müssen Zypern mit insgesamt rund zehn Milliarden Euro vor der Staatspleite retten.

- SCHATTEN: Wegen des harten Sparkurses als Gegenleistung für das Rettungspaket steht Zypern konjunkturell noch ein tiefes Tal bevor. Die Arbeitslosenquote stieg zuletzt stetig auf gut 17 Prozent – dies ist hinter Griechenland, Spanien, und Portugal der höchste Wert in der EU. Im zweiten Quartal schrumpfte die Wirtschaft um 1,4 Prozent. Für das Gesamtjahr 2013 sagt die EU-Kommission ein Minus von 8,7 Prozent voraus.

Irland

- LICHT: Die Immobilienkrise, die das Land in den Abgrund getrieben hat, nähert sich ihrem Ende. Die Hauspreise stiegen im Juni erstmals seit Ausbruch der Misere wieder, und zwar um durchschnittlich 1,2 Prozent zum Vorjahresmonat. Sie waren seit 2008 um rund 50 Prozent eingebrochen. Dadurch erlitten die Banken des Landes milliardenschwere Verluste. Sie mussten mit Steuergeldern gerettet werden, was wiederum den Staat an den Rand der Pleite trieb. Da die Regierung zahlreiche Reformen umgesetzt hat, hob die Rating-Agentur S&P ihren Ausblick für die Kreditwürdigkeit des Landes von „stabil“ auf „positiv“ an.

- SCHATTEN: Die Konjunktur läuft schlechter als erwartet, die Wirtschaft schrumpfte zuletzt drei Quartale in Folge. Die Notenbank senkte deshalb ihre Wachstumsprognose für 2013 von 1,2 auf 0,7 Prozent. Damit wird es auch schwerer, das Defizit wie geplant auf 7,5 Prozent des Bruttoinlandsproduktes zu drücken.


Frankreich

- LICHT: Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Euro-Zone galt zuletzt als Sorgenkind. Nun verließ das Land aber die Rezession – und das mit deutlich mehr Schwung als erwartet. Im zweiten Quartal stieg das Bruttoinlandsprodukt um 0,5 Prozent und damit mehr als doppelt so schnell wie erwartet.

- SCHATTEN: Die Lage bleibt fragil. Die Regierung in Paris hatte zuletzt nicht mehr ausgeschlossen, dass das Bruttoinlandsprodukt 2013 leicht schrumpft. Die Arbeitslosigkeit ist gestiegen. Zudem hat die Regierung Mühe, den Haushalt in den Griff zu bekommen. Präsident François Hollande, dessen Popularität auf Tiefstwerte gerutscht ist, räumte kürzlich ein, Frankreich könnte sein Defizitziel von 3,7 Prozent der Wirtschaftskraft 2013 verfehlen. Der Internationale Währungsfonds legte Frankreich bereits nahe, aus Rücksicht auf die Konjunktur die Haushaltskonsolidierung abzubremsen.


Italien

- LICHT: Auch Italien hat ein Ende der Rezession vor Augen. Von April bis Juni schrumpfte die Wirtschaft zwar das achte Quartal in Folge, mit 0,2 Prozent aber nur halb so stark wie befürchtet. Zuletzt mehrten sich die Hinweise darauf, dass Italien der Dauer-Rezession in den Sommermonaten entkommen kann: Die Produktion im verarbeitenden Gewerbe wuchs im Juni mit 0,3 Prozent den zweiten Monat in Folge, der Einkaufsmanager-Index für die Industrie stieg im Juli auf den höchsten Stand seit mehr als zwei Jahren, der Einzelhandelsumsatz legte nach 14-monatiger Pause zuletzt wieder zu. Und auch die Kauflaune der Verbraucher besserte sich.

- SCHATTEN: Die schwache Konjunktur gefährdet die Sanierung des Haushalts. Im Juli lag das Defizit bei fast neun Milliarden Euro. Italien ist damit weit davon entfernt, die Neuverschuldung unter die EU-Obergrenze von drei Prozent der Wirtschaftskraft zu drücken. Gefährdet wird die Erholung auch von politischer Instabilität. Die Koalition von Silvio Berlusconis Partei Volk der Freiheit und der linken Demokratischen Partei hing zuletzt am seidenen Faden. Mit Warnungen vor einem Bürgerkrieg und Rücktrittsforderungen von Ministern und Abgeordneten machte das rechte Lager gegen die Verurteilung Berlusconis Front, der vom Obersten Gerichtshof zu vier Jahren Haft wegen Steuerhinterziehung verdonnert worden war.

Spanien

- LICHT: Das Land nähert sich dem Ende der Dauer-Rezession. Im zweiten Quartal schrumpfte das Bruttoinlandsprodukt mit 0,1 Prozent nur noch minimal. Für die zweite Jahreshälfte wird wieder ein leichtes Wachstum erwartet. Die Zahl der Arbeitslosen fiel im Juli den fünften Monat in Folge – um knapp 65.000 auf 4,7 Millionen. Hauptgrund dafür ist der Aufwind der Tourismusindustrie, die in der Ferienzeit viele zusätzliche Mitarbeiter benötigt. Die Branche macht etwa zehn Prozent des Bruttoinlandsproduktes aus. Auch einige Banken lassen die Krise nach der geplatzten Immobilienblase allmählich hinter sich. Branchenprimus Santander steigerte seinen Überschuss im ersten Halbjahr um 29 Prozent auf 2,25 Milliarden Euro.

- SCHATTEN: Die Industrie kommt nicht auf die Beine. Die Unternehmen drosselten ihre Produktion im Juni bereits den 22. Monat in Folge. Der Rückgang zum Vorjahresmonat fiel mit 1,9 Prozent sogar deutlicher aus als erwartet. Sorgen bereitet zudem das hohe Defizit. Der Staat musste bereits mehrfach den Reservefonds der Sozialversicherung anzapfen, um Pensionszahlungen leisten zu können. Spanien leidet immer noch unter den Folgen des 2008 geplatzten Immobilienbooms. Offiziellen Angaben zufolge sind die Grundstückpreise seit ihrem Höhepunkt 2007 um 43 Prozent eingebrochen. Immobilienexperten gehen sogar von einem Minus von mindestens 70 Prozent aus. Banken mussten deshalb milliardenschwere Abschreibungen vornehmen. Das Geld fehlt nun, um es in Form von Krediten an Unternehmen zu vergeben.

Griechenland

- LICHT: Der Tourismus brummt wieder. In diesem Jahr werden 17 Millionen Urlauber erwartet und damit so viele wie noch nie. Die Branche rechnet mit einem Umsatzplus von zehn Prozent auf elf Milliarden Euro. Der Tourismus macht etwa 17 Prozent der Wirtschaftsleistung aus; jeder fünfte Grieche arbeitet in dieser Branche. Auch bei der Sanierung der Staatsfinanzen kommt das Land langsam voran. Der Primärhaushalt – bei dem die Zinskosten nicht berücksichtigt werden – wies in den ersten sieben Monaten völlig unerwartet einen Überschuss von 2,6 Milliarden Euro aus.

- SCHATTEN: Die Wirtschaft schrumpfte im zweiten Quartal mit 4,6 Prozent so langsam wie seit fast zwei Jahren nicht mehr. Doch das reicht längst nicht aus, um neue Jobs zu schaffen. Die Arbeitslosenquote liegt derzeit mit 27,4 Prozent sehr hoch. Die Zentralbank geht davon aus, dass sie noch bis auf 28 Prozent steigen wird. Erst 2015 soll sie zurückgehen.

Dabei schien der Terrorismus in Griechenland besiegt, als es der Polizei mit tatkräftiger Hilfe von Scotland Yard 2002 gelang, den „17. November“ zu zerschlagen. Sie hatte Griechenland 27 Jahre lang mit zahllosen Bombenanschlägen und 23 Morden in Atem gehalten. Ihr erstes Opfer war 1975 der CIA-Chefagent Richard Welch, letztes Ziel der im Jahr 2000 in Athen ermordete britische Militärattaché Stephen Saunders.

Die linksextremistische Organisation tötete Polizisten, Unternehmer, Politiker, Journalisten und Diplomaten. Nachdem die Fahnder lange im Dunkeln getappt hatten, kam ihnen am 29. Juni 2002 der Zufall zur Hilfe: Bei der Explosion einer von ihm transportierten Bombe wurde Savvas Xiros, ein Bruder des jetzt untergetauchten Christodoulos, in Piräus schwer verletzt. Seine Festnahme führte zur Zerschlagung der Gruppe. 15 festgenommene Mitglieder wurden 2003 zu langen Haftstrafen verurteilt. Der damals 58-jährige Gründer der Organisation, Alexandros Giotopoulos, und andere führende Mitglieder, unter ihnen die beiden Xiros-Brüder, erhielten mehrfach Lebenslang.

Kommentare (7)

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cassandra

13.01.2014, 16:16 Uhr

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orakel

13.01.2014, 16:29 Uhr

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Account gelöscht!

13.01.2014, 16:34 Uhr

Wow, wie konnte der nur entkommen?

Immerhin musste er sich täglich beim örtlichen Polizeirevier zu melden!

Und dann, wie vom Erdboden verschwunden.Damit konnte doch keiner rechnen. Bei nur sechs mal lebenslänglich^^

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