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20.02.2012

22:04 Uhr

Griechenland

Troika: Sparziel ohne Entlastungen nicht machbar

Griechenland braucht laut neuestem Troika-Bericht mehr Entlastungen, um den angestrebten Schuldenabbau zu erreichen. Sonst könne der Schuldenberg nicht auf die geforderten 120 Prozent der Wirtschaftsleistung sinken.

Griechenland braucht laut Troika zusätzliche Entlastungen. dpa

Griechenland braucht laut Troika zusätzliche Entlastungen.

BrüsselGriechenland braucht nach Einschätzung der internationalen Geldgeber zusätzliche Entlastungen, um den angestrebten Schuldenabbau zu erreichen. Nach den bisher beschlossenen Schritten werde der Schuldenberg von derzeit 160 bis zum Jahr 2010 nur auf 129 Prozent der Wirtschaftsleistung sinken und damit deutlich über den geforderten 120 Prozent liegen, hieß es in der vertraulichen Analyse der Troika aus EU-Kommission, Europäischer Zentralbank (EZB) und Internationalem Währungsfonds (IWF), die Reuters am Montag vorlag. Die 120 Prozent waren verlangt worden, damit das Mittelmeer-Land sich in ferner Zukunft wieder alleine finanzieren kann und die Geldgeber damit Aussichten auf eine Tilgung der Hilfskredite haben.

In dem neunseitigen, auf den 15. Februar datierten Papier werden verschiedene Szenarien durchgespielt. Die geforderten 120 Prozent sind demnach nur zu erreichen, wenn private Anleihegläubiger und die Notenbanken als staatliche Gläubiger Griechenland stärker entlasten. Die Privatwirtschaft könnte auf bisher aufgelaufene Zinsen verzichten, dies würde die Schulden um 1,5 Prozentpunkte senken. Die nationalen Notenbanken und die Europäische Zentralbank könnten insgesamt neun Prozentpunkte beitragen, indem sie auf Forderungen verzichten.

Zukunftsszenarien für Griechenland

Szenario 1: Die Rettungspläne funktionieren

Die Eurogruppe billigt einen Schuldenschnitt, die Banken erlassen dem Land daraufhin 100 Milliarden Euro. Somit gibt es auch grünes Licht für weitere Hilfen der Eurozone in Höhe von insgesamt 130 Milliarden Euro. Die Europäische Zentralbank (EZB) füllt eine Finanzlücke, damit Griechenlands Schuldenstand bis 2020 wie angepeilt sinken kann. Im Gegenzug unterwirft sich Griechenland einer strikten Überwachung der EU und gibt Kompetenzen in der Haushaltspolitik ab. Das Land leidet noch jahrelang unter Einsparungen, innenpolitischer Unruhe und Rückschlägen. Der Weg zu einer Erholung ist lang und mühsam.

Szenario 2: Rettung auf Raten

Die Eurozone will zunächst keine weitere Hilfe zusagen. Problem ist der für 2020 trotz Hilfspaket und Gläubigerverzicht erwartete Schuldenstand von 129 Prozent der Wirtschaftskraft, anstatt der angestrebten 120 Prozent. Der Rettungsplan muss also überdacht werden. Zudem wählen die Griechen im April. Die Euro-Länder wollen das Votum abwarten und mit den dann regierenden Parteien Vereinbarungen über Einsparungen und Reformen treffen, bevor sie weiteres Geld überweisen. Mit restlichen Mitteln aus dem ersten Hilfsprogramm wird ein im März drohender Bankrott vorerst verhindert.

Szenario 3: Die Rettung scheitert, Griechenland bleibt aber im Euro

Nach zwei Jahren Schuldenkrise nimmt die Eurozone einen Kurswechsel vor: Griechenland soll kontrolliert in die Pleite geführt werden, jedoch in der Eurozone bleiben. Nun kommen Milliardenkosten nicht nur auf die privaten Gläubiger, sondern auch auf die EZB zu: Athen ändert per Gesetzesänderung die Haftungsklauseln für seine Staatsanleihen - und erzwingt einen Verzicht. Die EU arbeitet an einem finanziellen und wirtschaftlichen Neustart des Landes, der ebenfalls viel Geld kostet.

Szenario 4: Athen geht bankrott und steigt aus dem Euro aus

Der Rettungsplan scheitert, die Griechen haben zudem Vorschriften und Kontrolle der Euro-Länder satt. Das Land erklärt seinen Bankrott und die Rückkehr zur Drachme. Wirtschaft und Finanzbranche werden über das Land hinaus erschüttert, Firmen und Banken gehen pleite. Die Kaufkraft der Griechen nimmt massiv ab, soziale Unruhen sind die Folge. Mit der Drachme sind griechische Produkte auf dem Weltmarkt zwar billiger, ein positiver Effekt auf die marode Wirtschaft zeigt sich jedoch nur sehr langsam. Die Europäische Union bemüht sich mit Konjunkturprogrammen, den weiteren Absturz des Landes zu mildern.

Der Pleitegeier droht über dem Land aber weiter zu kreisen, wenn sich das schlimmste Szenario einstellt: ein Teufelskreis aus noch schlimmerer Rezession und steigender Staatsverschuldung. „Es besteht eine grundlegende Spannung zwischen den Programmzielen des Schuldenabbaus und der Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit“, heißt es in dem Bericht.

Der notwendige Kostenrückgang im Inland werde unweigerlich zu einer höheren Schuldenquote führen. Sollte sich die Rezession verschärfen und die Regierung in Athen Strukturreformen verweigern, könnte die Schuldenquote in acht Jahren wieder bei 160 Prozent liegen, schreiben die Experten. Der Bericht bildet die Grundlage für die Beratungen der Euro-Finanzminister, die am Abend über die Freigabe des zweiten Rettungspaketes im Volumen von 130 Milliarden Euro entscheiden sollten.

Von

rtr

Kommentare (4)

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klarafall

20.02.2012, 22:30 Uhr

Die geforderte Entlastung könnte so einfach sein: Der Rettungsschirm müsste nur darauf verzichten, für die "Rettung" wesentlich höhere Zinsen zu verlangen als er selbst für die Beschaffung des Geldes zahlen muß (derzeit etwa 5% gegenüber weit unter 1% für den Beitrag, den Deutschland leistet).

Euyonimus

20.02.2012, 23:27 Uhr

Anlegerschützer empfehlen Privatanlegern, den geplanten Schuldenschnitt bei Griechenland-Anleihen trotz der damit verbundenen finanziellen Einbußen mit zu tragen.

"Es besteht das Risiko, dass die alten Papiere von Griechenland nicht mehr bedient werden", sagte der Sprecher der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz, Jürgen Kurz, dem "Tagesspiegel".


Was sagt uns das? Eine Pleite steht irgendwann an.

Account gelöscht!

21.02.2012, 06:33 Uhr

Das griechische BIP befindet sich seit 2008 fast schon im freien Fall. Da muß man sich wirklich fragen, auf welchem Weg denn im Vorjahrzehnt bis 2008 das BIP erzeugt und sogar noch regelmäßig gesteigert wurde - in erster Linie nämlich durch Verschuldung.

Damit wurde die eigene mangelhafte wirtschaftliche Leistungsfähigkeit über sehr viele Jahre hinweg lediglich verschleiert. Übrigens haben die USA ein ähnliches Problem.

So schnell baut sich keine wettbewerbsfähige Angebotsseite auf; auch ein kompletter Schuldenschnitt und neue reine Investitionskredite mit Nullzins werden keine Wunder bewirken.

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