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21.08.2012

11:45 Uhr

Griechenland und der Euro

Austritt: Eine teure Option

VonDonata Riedel

Im Austritt von Griechenland sehen Befürworter vor allem Chancen. Das Land könnte die tiefe Rezession überwinden und die Euro-Zone wäre vom insolventen Staat befreit. Doch viele Ökonomen fürchten unbeherrschbare Folgen.

Niemand weiß genau, welche Folgen ein Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone hätte. dpa

Niemand weiß genau, welche Folgen ein Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone hätte.

Ob Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) oder Ifo-Chef Hans-Werner Sinn: Die Befürworter eines Austritts Griechenlands aus dem Euro sehen in dem harten Schnitt vor allem Chancen: Das Land könnte mit einer stark abgewerteten Drachme seine Produkte sofort billig auf dem Weltmarkt anbieten und damit schneller die tiefe Rezession überwinden.

Die übrige Euro-Zone wäre befreit von einem insolventen Staat, und auch gegenüber den Finanzmärkten wäre klar: Die Haushaltsregeln der Euro-Zone gelten. Wer sie bricht, muss die Konsequenzen tragen. Die Gegner eines „Grexit“ sind dagegen überzeugt, dass die Kettenreaktionen im Weltfinanzsystem nicht beherrschbar wären und aus dem angestrebten Ende mit Schrecken ein Schrecken ohne Ende wird.

Die Europäische Zentralbank und die EU-Kommission wollen den Austritt vermeiden. Die deutschen Wirtschaftsweisen etwa fürchten einen zweiten Lehman-Schock, wenn nur ein einziges Land aus dem Euro austritt: Der Kollaps griechischer Banken könnte französische und südeuropäische Banken treffen. Und wer garantiert den Finanzmärkten, dass nicht weitere Austritte - Spanien, Italien, vielleicht sogar Frankreich - folgen?

Was ein Euro-Austritt Griechenlands kosten würde

Erhebliche Lasten

„Der Austritt eines Landes aus der Eurozone würde auch für uns eine Menge Turbulenzen mitbringen", warnte bereits Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble. Seriös lässt sich die Kostenfrage aber nicht beantworten, weil es kein Drehbuch für Pleite und Euro-Austritt gibt. Allenfalls eine Annäherung an eine Antwort ist möglich.

Umrisse des Problems

Aus dem ersten Hilfspaket hat Griechenland von anderen Euro-Ländern 53 Milliarden Euro erhalten. Hinzu kommen 35,4 Milliarden Euro aus dem zweiten Paket. Zudem hat der Euro-Rettungsschirm EFSF 25 Milliarden Euro bereitgestellt, damit das Land seine vom Schuldenschnitt im März angeschlagenen Banken rekapitalisieren kann. Berenberg-Chefvolkswirt Holger Schmieding zufolge ist das Geld aber offenbar noch nicht an die Banken geflossen.

Risikobewertung griechischer Anleihen

Der Analyst geht außerdem davon aus, dass die EZB noch griechische Anleihen im Nominalwert von gut 35 Milliarden Euro in den Büchern hat. Weil die Zentralbank diese vermutlich zu Kursen von rund 75 Prozent des Nominalwertes gekauft hat, rechnet Schmieding hier mit einem maximalen nominalen Verlustrisiko von 27 Milliarden Euro. Allerdings hat die EZB auch Gewinne mit Hellas-Anleihen gemacht. Verrechnet man die beiden Posten miteinander, kommt man für die EZB auf ein echtes Verlustrisiko von etwa 20 Milliarden Euro.

Target-II-Salden

Hinzu kommt aber ein weiteres Risiko, das sich hinter dem Begriff „Target II-Salden" verbirgt, von dem ebenfalls völlig unklar ist, wie und in welchem Umfang es sich realisieren könnte: Innerhalb des Verrechnungssystems der europäischen Notenbanken für den Zahlungsverkehr zwischen Banken (Target II) hatte die griechische Zentralbank gegenüber dem Eurosystem bis Ende Januar ein Negativ-Saldo von 107 Milliarden Euro aufgebaut. Schmieding zufolge dürfte es heute bei 120 bis 130 Milliarden Euro liegen.

Kreditsicherheiten

Abgesichert wird der Negativ-Saldo durch Kreditsicherheiten, die griechische Banken bei der griechischen Notenbank hinterlegt haben. Ob diese nach einem Euro-Austritt ihren Verpflichtungen gegenüber dem Eurosystem weiter nachkommen würde, Sicherheiten abtreten würde und welchen Wert diese Sicherheiten noch hätten, steht dabei in den Sternen. Von möglichen Verlusten, die sich aus Target II ergeben würden, müsste Deutschland über die Bundesbank ebenfalls 27 Prozent tragen.

Weitere Forderungen

Schließlich müssten in die Gesamtrechnung noch Forderungen europäischer Bürger und Unternehmen gegenüber griechischen Banken einfließen. Ende 2011 betrugen die Auslandsschulden griechischer Unternehmen etwa 100 Milliarden Euro, davon 91 Milliarden Bankschulden und neun Milliarden anderer Unternehmen.

Fazit

Weil nicht klar ist, welche Risiken eintreten würden, lassen sich die Kosten eines Staatsbankrotts und Euro-Austritts vorher nicht beziffern. Sicher ist aber: Es würde teuer werden.

Teuer wäre der Austritt sogar, wenn die große Kettenreaktion ausbliebe. Die übrigen Euro-Länder müssten die bisher gewährten Kreditbürgschaften über 73 Milliarden Euro über ihre Haushalte finanzieren, Deutschland wäre mit 16,5 Milliarden Euro dabei. Hinzu kämen die Verbindlichkeiten Griechenlands gegenüber der EZB von 210 Milliarden Euro - von denen Deutschland entsprechend seines 27-Prozent-Anteils an der EZB ein gutes Viertel zahlen müsste.

Bei diesen Milliarden wird es im Austrittsszenario nicht bleiben. Die griechische Wirtschaft dürfte infolge des Bankenzusammenbruchs kollabieren. Die EU müsste ein Wiederaufbauprogramm starten und womöglich eine Hungersnot bekämpfen.

Kommentare (7)

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Account gelöscht!

21.08.2012, 14:22 Uhr

"Die Gegner eines „Grexit“ sind dagegen überzeugt, dass die Kettenreaktionen im Weltfinanzsystem nicht beherrschbar wären und aus dem angestrebten Ende mit Schrecken ein Schrecken ohne Ende wird."

Klar, diese Gegner sind ja diejenigen, deren Arbeitsplatz direkt am Euro hängt. Hier werden uns jetzt ca. 100 Milliarden vorgerechnet, die wir in Griechenland bislang in weniger als 3 Jahren versenkt haben. Und das ist ja auch nur eine vorsichtige Schätzung, die wahren Zahlen dürften deutlich höher sein. Wenn wir das Spielchen aber bis zum Sanktnimmerleinstag fort führen, erschrecken mich diese Kosten deutlich mehr.

Und, sollte Griechenland austreten und es geht dem Land überraschend schnell besser, werden auch andere Staaten über ein Verlassen der Eurozone nachdenken, und das ist das eigentliche Problem der Gegner.

Steuerschaetzer

21.08.2012, 14:41 Uhr

"Teuer wäre der Austritt sogar, wenn die große Kettenreaktion ausbliebe. Die übrigen Euro-Länder müssten die bisher gewährten Kreditbürgschaften über 73 Milliarden Euro über ihre Haushalte finanzieren, Deutschland wäre mit 16,5 Milliarden Euro dabei. Hinzu kämen die Verbindlichkeiten Griechenlands gegenüber der EZB von 210 Milliarden Euro - von denen Deutschland entsprechend seines 27-Prozent-Anteils an der EZB ein gutes Viertel zahlen müsste." So Frau Riedel.

Klar wird es bei einem jetzigen Ausstieg teuer, aber je länger Griechenland im Euro bleibt, um so teurer wird es. Wer glaubt denn ernsthaft, dass Griechenland mit seinen heutigen wirtschaftlichen und politischen Strukturen in absehbarer Zeit oder besser jemals seine derzeitigen Schulden an die Gläubiger wie EZB oder die französischen und italienischen Banken oder Deutschland zurückzahlen kann? Doch nur wer auch an den Weihnachtsmann glaubt. Und je länger Griechenland im Euro bleibt, um so höhere Schulden laufen auf. Die billigste Version wäre gewesen, wenn Griechenland sofort bei Beginn der Krise den Euro-Raum verlassen hätte oder zum Verlassen gezwungen worden wäre (z.B. ohne unterstützende Zahlungen der anderen Länder). Dann wäre es heute nicht schon so teuer, Frau Riedel. Aber ein weiterer Verbleib macht es nur noch teuerer, denn der Austritt ist "unabweisbar".

GEO2012

21.08.2012, 15:13 Uhr

Die billigste Lösung wäre gewesen den Griechen die immer noch offenen Reparationszahlungen sowie den seinerzeit vom deutschen Reich erzwungenen Milliardenkredit auf einen Schlag zurückzuzahlen. Dann hätten sie einen großen Teil ihrer Schulden sofort bezahlen können und wären gar nicht erst in diese nicht enden wollende Schuldenspirale geraten. Ach ja, und die anständigste Lösung wäre es auch gewesen seine Schulden zurückzuzahlen statt auf Zeit zu spielen und sich immer wieder zu drücken. Schließlich haben die Griechen 1953 schon auf einen großen Teil ihrer Forderung verzichtet, um das deutsche Wirtschaftswunder nicht zu behindern. Spätestens nach der Wiedervereinigung 1990 hätte aber der Rest gezahlt werden müssen,zuzüglich des angesprochenen Darlehens mit Zins und Zinseszins für mittlerweile 68 Jahre. Selbst bei einem Minimalzins, und trotz der wohl schlechtesten Politiker Europas, hätte Griechenland heute wohl keine Probleme, wenn das passiet wäre.
Ein kleines Feuer kann man am Anfang noch mit einem Fuß austreten, brennt erst einmal der Wald kann es oftmals nicht einmal von Feuerwehrwagen und Löschflugzeugen kontrolliert werden.

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