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06.01.2015

16:29 Uhr

Griechenland und die Drachme

Anleitung für den Euro-Austritt in vier Schritten

VonJan Mallien

Die Angst vor einem Euro-Austritt Griechenlands hält die Finanzmärkte in Atem. Dabei hat er doch angeblich seinen Schrecken verloren. Wie könnte der Austritt ablaufen? Eine Gebrauchsanweisung in vier Schritten.

Der Euro-Austritt: Ein Vorschlag mit vielen Tücken.

Der Euro-Austritt: Ein Vorschlag mit vielen Tücken.

DüsseldorfFür die Bundesregierung hat ein Austritt Griechenlands angeblich an Schrecken verloren. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) seien inzwischen zuversichtlich, dass die Eurozone dies wegstecken könnte, berichtete am Montag „Der Spiegel“ unter Berufung auf Regierungskreise.

Die Spekulation kommt zu einem Zeitpunkt, an dem Griechenland und die Eurozone vor schweren Entscheidungen stehen. Ende Januar wählen die Griechen ein neues Parlament. Dabei könnte laut Umfragen das linksradikale Syriza-Bündnis als Wahlsieger hervorgehen. Dessen Chef, Alexis Tsipras, hat angekündigt,  er wolle die Kreditverträge mit der EU und dem Internationalen Währungsfonds (IWF) „zerreißen.“ Hinter den Worten steht die Forderung nach einem massiven Schuldenerlass. Syriza-Fraktionschef Panagiotis Kourouplis beispielsweise schlägt einen einseitigen Schuldenschnitt von 70 Prozent vor, was eine Insolvenz des griechischen Staates bedeuten würde.

Was der „Grexit“ bedeuten würde

Worum geht es?

Dem griechischen Parlament ist es nicht gelungen, einen neuen Präsidenten zu wählen. Deshalb stehen am 25. Januar Neuwahlen an. Nach Umfragen könnte die linkspopulistische Partei Syriza die künftige Regierung anführen. Deren Chef Alexis Tsipras gilt als Gegner der Sparauflagen der Troika aus Europäischer Zentralbank (EZB), Internationalem Währungsfonds (IWF) und EU-Kommission. Er will im Falle eines Wahlsieges Griechenlands Sparpolitik beenden und einen Schuldenerlass verlangen. Die Griechen könnten keine Sozialkürzungen mehr ertragen. (Quelle: dpa)

Wie reagiert das Ausland?

Die Bundesregierung pocht auf Erfüllung griechischer Spar- und Reformzusagen. Man erwarte von der griechischen Regierung – „egal wer sie stellt – dass die mit der EU getroffenen Vereinbarungen eingehalten werden“, sagte Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“ (Montag). Mit anderen Worten: Hält sich Athen nicht an die Vereinbarungen, dreht die Troika den Geldhahn zu.

Was würde das bedeuten?

In der Folge würde die EZB griechische Staatsanleihen nicht mehr als Sicherheiten für Zentralbankgeld akzeptieren, so dass griechische Banken von der Versorgung mit Euro abgeschnitten würden. Das könnte das Ende Griechenlands als Mitglied des Währungsraums bedeuten. Das Land müsste eine eigene Währung einführen, die schwächer als der Euro wäre. Das würde die Rückzahlung von Schulden zusätzlich erschweren.

Kann Europa Griechenland aus der Eurogruppe werfen?

Nein. Das sehen die europäischen Verträge nicht vor. Deshalb wird wieder vermehrt über einen „Grexit“ diskutiert: Das Wort setzt sich aus „Greece“ und „exit“ zusammen und meint, dass Griechenland selbst seinen Austritt aus der Eurozone erklärt. Auch das wäre Neuland für das Eurosystem, das für einen solchen Schritt keine Regelungen kennt. Auch deshalb warnen Ökonomen wie Clemens Fuest, Chef des Zentrums für europäische Wirtschaftsforschung (ZEW): „Ein Austritt wäre mit erheblichen Risiken behaftet, vor allem für Griechenland selbst, aber auch den Rest der Eurozone.“ Er würde es daher vorziehen, wenn Griechenland im Euroraum bliebe und seine Reformanstrengungen verstärke, sagte Fuest der „Rheinischen Post“ (Montag).

Was würde der „Grexit“ Deutschland kosten?

SPD-Fraktionsvize Carsten Schneider schätzt, dass ein Euro-Austritt Griechenlands Deutschland 30 Milliarden Euro oder mehr kosten könnte. „Wir haben fast 240 Milliarden an Krediten an Griechenland gegeben, um sie zu stabilisieren und im Euro zu halten“, sagte Schneider der Deutschen Presse-Agentur. Bei einem Umstieg auf die Drachme könne Athen das nicht zurückzahlen.

Nach Commerzbank-Berechnungen summieren sich die Schulden Griechenlands bei den europäischen Partnern, dem IWF und der EZB auf gut 257 Milliarden Euro. Diesen Berg könnte das Land im Falle eines Austritts nicht mehr abtragen. „Die Politiker in Geberländern wie Deutschland müssten ihren Wählern erklären, dass die Hilfskredite anders als stets behauptet verloren sind“, kommentierte Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. „Das wäre sehr unpopulär und würde eurokritische Parteien wie die AfD stärken.“

Wie groß ist die Gefahr, dass die Euro-Schuldenkrise zurückkehrt?

Experten halten das Risiko eines Flächenbrands für gering - auch deshalb, weil ausländische Banken ihr Engagement in Griechenland in den vergangenen Jahren tendenziell verringert haben. Die Bundesregierung hält einen „Grexit“ einem „Spiegel“-Bericht zufolge inzwischen für verkraftbar. Denn anders als beim Schuldenschnitt 2012 haben EU und EZB inzwischen Brandmauern eingezogen. Dazu gehört der Europäische Stabilitäts-Mechanismus (ESM), der Staaten im Notfall mit bis zu 500 Milliarden Euro beispringen kann. Die EZB hat ihre Geldpolitik extrem gelockert und versprochen, alles Erforderliche zu tun, um den Euro zu retten. Dadurch ist Vertrauen an den Finanzmärkten zurückgekehrt. Zudem haben Länder wie Spanien, Irland oder Portugal Reformen durchgesetzt, ihre Volkswirtschaften gesunden.

Wie wahrscheinlich ist der „Grexit“?

Das kann niemand vorhersagen. Noch gehen Ökonomen eher davon aus, dass Syriza die Wahlen entweder verlieren und die bisherige Regierung unter der Führung der konservativen „Neuen Demokratie“ Strukturreformen und Haushaltskonsolidierung fortsetzen wird – oder dass Tsipras zwar die Wahl gewinnt, dann aber von Wahlversprechen abrückt. „Er verspricht, Geld auszugeben, das er nicht hat und das ihm niemand leihen würde“, erklärt Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Berenberg Bank. Er schätzt das „Grexit“-Risiko auf 30 Prozent.

Anders als 2012, als Griechenland vor allem bei privaten Gläubigern in der Kreide stand, wären dieses Mal von einem solchen Schritt vor allem öffentliche Gläubiger und damit letztendlich die Steuerzahler betroffen. Der größte Anteil der griechischen Staatsschulden von insgesamt über 320 Milliarden Euro entfällt auf die Rettungsschirme EFSF und ESM (141,8 Milliarden Euro), weitere Gläubiger sind IWF (35,4 Milliarden Euro) und EZB (etwa 27 Milliarden Euro). Deshalb steht sowohl für die Steuerzahler als auch für Griechenland viel auf dem Spiel.

In der Praxis wäre ein Euro-Austritt extrem schwierig – und teuer. Rein rechtlich sieht der Maastrichter-Vertrag ein solches Szenario gar nicht vor. Handelsblatt Online skizziert, wie der Ausstieg ablaufen könnte.

Kommentare (23)

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Herr Tom Schmidt

06.01.2015, 16:43 Uhr

Wieso Rezession?

Dann gibt es eben Drachmen, die sind nichts wert können aber gedruckt werden. Unsere Wirtschaftler nennen so etwas dann Wachstum. Der Lebensstandard der Bevölkerung wird massiv sinken, das wird er aber auch im Euro, da sie nicht wettbewerbsfähig sind...

also so ein richtiger Unterschied ist das mit und ohne Euro für die Griechen nicht...

G. Nampf

06.01.2015, 16:45 Uhr

"..., hätte dies vermutlich Konsequenzen. „Dies wäre ein Rechtsbruch, den EU und EZB wahrscheinlich nicht einfach hinnehmen würden“,..."


Hihi, der ist gut.
Die EZB, die EU-Kommission und die Bundesregierung begehen laufend Rechts- und Vertragsbrüche, ohne daß es irgendjemanden interessiert.

Account gelöscht!

06.01.2015, 16:59 Uhr

Vor allem für Griechenland wäre ein erklärter Austritt eine einfache Sache. Wer will das Land daran hindern, wieder komfortable Verhältnisse bei sich selbst einzuführen - mit der eigenen abwertbaren Währung.

Über alles andere ließe sich dann viel später reden - wenn etwa weitere Länder folgen sollten.

Folgekosten für den Austritt/Rauswurf werden von allen zu zahlen sein. Das ist teuer, aber viel billiger als der Euro für das Land. Und vor allem wären sie endlich, der Euro ist eine Qual ohne Ende.

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