Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

03.02.2015

10:00 Uhr

Griechenland und die Troika

Tsipras schießt nur Eigentore

VonAlexander Kritikos

Griechenland stößt die Verhandlungspartner im Minutentakt vor den Kopf. So gewinnt man keine Partner, dabei hat Athen das dringend nötig. Denn es geht um mehr als nur den vermaledeiten Schuldenschnitt. Ein Gastkommentar.

Alexis Tsipras, der neue griechische Ministerpräsident, hat sich im Jahr des Mauerfalls den stalinistisch orientierten Kommunisten angeschlossen. dpa

Der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras

Alexis Tsipras, der neue griechische Ministerpräsident, hat sich im Jahr des Mauerfalls den stalinistisch orientierten Kommunisten angeschlossen.

Die vergangenen Parlamentswahlen in Griechenland brachten eine Zäsur. Die beiden Altparteien, die das Land über 41 Jahre hinweg in den Ruin gewirtschaftet haben, sind abgewählt. Zeit für einen hoffnungsvollen Neuanfang? Nein. Nach 24 Stunden ging es los – im Stakkato zwar, aber nicht hoffnungsvoll.

Montag: Bildung einer Koalition zwischen Syriza - im Europaparlament mit der „Linken“ verbunden – und den Rechtspopulisten – in Europa in einer Fraktion mit der AfD. Eine Koalition, die ohne Verhandlungen, Regierungsprogramm oder ähnliches Geplänkel nach fünf Minuten per Handschlag zustande kommt. Aufschrei in der Bevölkerung? Fehlanzeige!

Offensichtlich sind die Wähler von Syriza gar keine Linksextremen, sondern nur die Verlierer des Sparkurses der vergangenen fünf Jahre. Ihnen scheint es egal zu sein, wer mit wem eine Regierung bildet, Hauptsache nicht die Altparteien.

Alexander Kritikos ist Forschungsdirektor am DIW. DIW

Alexander Kritikos ist Forschungsdirektor am DIW.

Dienstag, das Kabinett: Mit Alexis Tsipras bekommt das Land einen Ministerpräsidenten, der sich im Jahr des Mauerfalls den stalinistisch orientierten Kommunisten anschließt. Einen angeblich unverbrauchten Außenminister, der bereits Giorgos Andrea Papandreou als enger Vertrauter diente.

Einen Verteidigungsminister, Panos Kammenos, der sich durch Nähe zu griechischen Oligarchen auszeichnet – also zu denen, die sein Koalitionspartner ja nun so stark besteuern will. Und dann noch einen Finanzminister, Yanis Varoufakis, der vorher Spieltheoretiker war, und nun glaubt, besser verhandeln zu können als die deutsche Bundeskanzlerin. Glück auf!

Die wichtigsten Player bei den Verhandlungen mit Griechenland

Wer sind die wichtigsten Gesprächspartner?

Wer sind die wichtigsten Gesprächspartner in der Griechenland-Krise? Seit dem Sieg von Syriza ist das Verhandeln mit dem Staat von der Größe Brandenburgs komplizierter geworden...

Jean-Claude Juncker

Der 60-Jährihe gilt als Europäer aus Leidenschaft. Er war und ist eine der Schlüsselfiguren bei der Euro-Rettung. Acht Jahre lang (von 2005 bis 2013) war der Luxemburger Vorsitzender der Eurogruppe, der die Finanzminister der Staaten mit Euro-Währung angehören. In dieser Funktion hat Juncker seit 2010 maßgeblich die Rettungsprogramme für Krisenstaaten wie Griechenland ausgehandelt. Der Christsoziale war 18 Jahre lang (bis Ende 2013) Premierminister in Luxemburg – inzwischen ist er Präsident der EU-Kommission.

Mario Draghi

Der 67 Jahre alte italienische Bankmanager und Wirtschaftswissenschaftler ist seit November 2011 Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB). Unter seiner Führung pumpte die Notenbank billiges Geld in das Bankensystem, schaffte die Zinsen im Euroraum quasi ab und schuf ein Kaufprogramm, um notfalls unbegrenzt Anleihen von Euro-Krisenstaaten zu erwerben. Kritiker werfen ihm vor, die Befugnisse der Notenbank überdehnt zu haben.

Christine Lagarde

Die französische Politikerin steht seit Juli 2011 an der Spitze des Internationalen Währungsfonds (IWF). Zuvor war sie Wirtschafts- und Finanzministerin in Paris. Die 59 Jahre alte Juristin erwarb sich während der Finanzmarkt- und Euro-Turbulenzen einen Ruf als umsichtige Krisenmanagerin. Auf ihr lastet jedoch, dass die französische Justiz gegen sie in einer Affäre um mutmaßliche Veruntreuung öffentlicher Mittel aus ihrer Zeit als Ministerin ermittelt.

Angela Merkel und Wolfgang Schäuble

Bundeskanzlerin Merkel hatte mit Beginn der dramatischen Finanzkrise in Griechenland auf die Bremse gedrückt. Die eiserne Devise von Merkel und Finanzminister Wolfgang Schäuble: Keine Leistung ohne Gegenleistung, europäische Solidarität gegen griechische Anstrengung. In Athen wurde Merkel dann bei einem Besuch mit Plakaten begrüßt, auf denen sie mit Hitler-Bart zu sehen war. Nach dem Regierungswechsel in Athen ist Berlin für Kompromisse offen: Ein verlängertes Hilfsprogramm oder nochmalige Krediterleichterungen. Ein weiterer Schuldenschnitt wird aber abgelehnt.

Da kann man nur noch mit Adenauer sprechen, der zur ersten deutschen großen Koalition 1966 äußerte: „Na, die Zusammensetzung, wenn ich dat so sehe - ein bißchen gespenstisch.“

Mittwoch: Es folgen die vollmundigen Ankündigungen, 10.000 Staatsbeamte wieder einzustellen, die Privatisierung zu stoppen, den Leiter der Privatisierungsbehörde zu entlassen, und die Löhne wieder zu erhöhen. Die Folge: Die griechischen Aktien brechen ein. Geldabflüsse bringen das griechische Bankensystem ins Wanken.

Donnerstag/Freitag: War es das schon? Weit gefehlt. Während der griechische Außenminister nach Brüssel fährt, um sich den gerade eingeschlagenen Russlandkurs wieder ausreden zu lassen, wirft der neue Verteidigungsminister vom Helikopter Blumen über umstrittenes Gebiet im türkisch-griechischen Grenzraum ab, was sofort türkische Kampfjets auf den Plan ruft. Gleichzeitig verkündet der Spieltheoretiker den nächsten Eklat: das einseitige Ende der Verhandlungen mit der Troika.

Kommentare (67)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Vittorio Queri

03.02.2015, 10:27 Uhr

>> Eine Vision, wohin die neue Regierung das Land führen will, haben wir dafür noch nicht gehört.>>

Diese Vision kann sich nur in eine Richtung bewegen......die Griechen müssen raus aus dem € und aus der EU. Griechenland ist Pleite, durch die EUtopia mit ruiniert und muss deshalb auch die Schulden erlassen bekommen. Denn diese Schulden KANN Griechenland niemals abtragen.

Die Europäischen Gauner, die den Pleitestaat Griechenland die letzten Jahre mit europäischen Steuergeldern durchgefuttert haben ( und sich wohl mittels Fakelaki auch bereichert haben ) müssen zur Verantwortung gezogen werden.

Das sind in erster Linie die EU-Schmarotzer aus Brüssel und die Bänkster aus der EZB-Mafia um Draghi herum.

Die Griechen landen nach dem Schuldenschnitt dort, wo sie vor dem € waren...als Olivenbauer und Schaafszüchter auf ihren schönen Inselchen.

Nach Einführung der Drachme wir Griechenland auch für die Touristen wieder attraktiver.

Die Griechen müssen kapieren, daß der europäische Steuerzahler NICHT dazu verpflichtet ist, diese durchzufuttern und auszuhalten. Sie können ihr Land nur durch harte Arbeit und Fleiß auf Vordermann bringen.

Alles andere ist eine Illusion. Falls die neue Griechische Regierung versucht, sich im € - Land zu halten, werden sie unglaubwürdig und scheitern.

Denn ein Verbleib im € - Raum verschleppt das Griechendrama nur weiter und mit europäischen Steuergeldern wird Zeit gekauft.

Das Europäische Haus ist auf Sand gebaut.

Die Flut naht und spült die Jauche demnächst weg.

Die Griechen können sich für die Solidarität der Europäer damit bedanken, in dem sie das faule und marode EUtopia-Haus an vorderster Front miteinreissen.

Die patriotischen Europäer würden es den Griechen danken.

Frau Ute Umlauf

03.02.2015, 10:28 Uhr

Sie werden dort landen, wo sie hin gehören ... auf dem staubigen Boden.
Das Lebensmotto korrumpieren, Fakelaki, chillen u. betrügen hat nicht funktioniert. Das ist gut so. Null Mitleid ... da alle mitgemacht haben.

Frau Frauke Müller

03.02.2015, 10:30 Uhr

Quatsch! Tsipras macht alles richtig!

Er führt aggressive Verhandlungen und unsere Politiker knicken schon ein. Die EU will die Troika abschaffen und die SPD einen Schuldenfonds einrichten


Ich wünschte wir hätten solche Politiker! Wir haben nur Volksverräter - mit Ausnahme der AfD...

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×