Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

13.01.2016

16:01 Uhr

Griechenland

Varoufakis wollte wohl doch eine Parallelwährung

Ein halbes Jahr nach der jüngsten Krise scheint sich die Lage in Griechenland wieder zu normalisieren. Inzwischen mehren sich die Lichtblicke für Athen. Der Notenbankchef hat nun pikante Details aus der Krisenzeit verraten.

Im Mai 2015 waren Berichte erschienen, wonach Athen sich auf die Einführung einer Parallelwährung vorbereite. Dies hatte der damalige griechische Finanzminister Gianis Varoufakis dementiert. dpa

Yanis Varoufakis

Im Mai 2015 waren Berichte erschienen, wonach Athen sich auf die Einführung einer Parallelwährung vorbereite. Dies hatte der damalige griechische Finanzminister Gianis Varoufakis dementiert.

AthenGriechenlands Notenbankchef Ioannis Stournaras hat nach eigener Aussage im Sommer 2015 Pläne der damaligen Führung des Finanzministeriums in Athen verhindert, eine Parallelwährung in Griechenland einzuführen. „Ja ich hatte damals Informationen darüber“, sagte Stournaras dem griechischen Nachrichtensender Skai am späten Dienstagabend. Um dies zu verhindern, habe er Kontakt mit dem Staatspräsidenten und auch ehemaligen Regierungschefs aufgenommen. „Wir haben sozusagen eine Mauer zur Verteidigung gegen solche Entwicklungen gebaut“, fügte er hinzu.

Im Mai 2015 waren vor allem in der internationalen Presse Berichte erschienen, wonach Athen sich angesichts einer drohenden Staatspleite auf die Einführung einer Parallelwährung vorbereite. Dies hatte der damalige griechische Finanzminister Gianis Varoufakis dementiert.

Eine Parallel- oder Komplementärwährung kann der Anfang für die Einführung einer neuen Währung sein. Der Staat gibt in diesem Fall Schuldscheine (IOU nach dem englischen I owe you - ich schulde Dir) aus, mit denen im Inland Schulden, Renten und Löhne bezahlt werden.

Die Chronologie der griechischen Schuldenkrise

Blockierte Hilfsgelder

Das hoch verschuldete Griechenland wird seit 2010 mit internationaler Hilfe vor der Pleite bewahrt. Die seit einigen Monaten amtierende Links-Rechts-Regierung will jedoch die harten Sparauflagen abschütteln. Hilfsgelder in Höhe von 7,2 Milliarden Euro sind blockiert.

Januar 2015

Die Linkspartei Syriza unter Alexis Tsipras gewinnt die Parlamentswahl. Seine Popularität verdankt er der Ablehnung des vereinbarten Sparkurses.

Februar

Finanzminister Gianis Varoufakis beantragt weitere Unterstützung. Im dritten Anlauf einigen sich die Euro-Finanzminister grundsätzlich auf eine Verlängerung der Finanzhilfen.

März

Athen legt eine Liste mit Reformen vor, die pro Jahr drei Milliarden Euro einbringen sollen. Die internationalen Geldgeber verlangen Nachbesserungen. Ein drittes Rettungspaket ist im Gespräch.

April

Bei einem Treffen der Euro-Finanzminister im lettischen Riga ist die Stimmung gereizt. Trotz leichter Fortschritte gibt es weiter keine Einigung auf das Reformpaket. Nach dem ursprünglichen Zeitplan sollte es bereits Ende April vereinbart sein. Es werden Spekulationen über einen „Plan B“, der auch einen Euro-Austritt Griechenlands umfassen könnte, laut.

Mai

Das Tauziehen um Reformen geht weiter. Die Finanznot in Athen wird immer größer. Die Regierung sucht nach Geld, um Kreditschulden beim Internationalen Währungsfonds bezahlen zu können.

3. Juni

Nachdem Expertenverhandlungen keine Ergebnisse gebracht haben, lotet nun Griechenlands Regierungschef Alexis Tsipras mit EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker und Eurogruppenchef Jeroen Dijsselbloem Kompromisslinien aus. Eingebunden sind auch Kanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Staatspräsident François Hollande.

4./5. Juni

Der Internationale Währungsfonds (IWF) gewährt Griechenland einen Zahlungsaufschub bis Monatsende. Insgesamt sind knapp 1,6 Milliarden Euro fällig. Griechenland lehnt Vorschläge der Euro-Partner und des IWF zur Lösung der Schuldenkrise trotz weiterer Zugeständnisse ab.

10./11. Juni

Neuerliche Krisentreffen auf Spitzenebene in Brüssel. Zuvor hatte Athen weitere Reformvorschläge vorgelegt.

12. Juni

Athen hält eine Einigung bis zur Tagung der Eurogruppe am 18. Juni für möglich, die Euroländer erörtern bereits Notfallpläne.

14. Juni

EU-Kommissionspräsident Juncker bricht einen Vermittlungsversuch ab.

26. Juni

Die Gläubiger schlagen eine Verlängerung des Hilfsprogramms um fünf Monate vor, Athen hält die geforderten Bedingungen aber für unzumutbar und lehnt das Angebot ab.

27. Juni

Tsipras kündigt überraschend eine Volksabstimmung über den Gläubigervorschlag an. Die Euro-Finanzminister verweigern daraufhin eine Programmverlängerung über den 30. Juni hinaus.

28. Juni

Tsipras ruft die Griechen auf, mit Nein zu stimmen. Das Parlament in Athen beschließt in der Nacht die Volksabstimmung.

29. Juni

Die Regierung führt Kapitalverkehrskontrollen ein und schließt Börse und Banken für eine Woche. Bürger können täglich nur noch 60 Euro an Bankautomaten erhalten.

3. Juli

Das Oberste Verwaltungsgericht genehmigt die Volksabstimmung.

5. Juli

In dem Referendum stimmen über 60 Prozent der griechischen Wähler mit Nein, sie weisen die Gläubigervorschläge damit klar zurück.

6. Juli

Finanzminister Yanis Varoufakis tritt zurück. Sein Nachfolger wird der Wirtschaftsprofessor Euklid Tsakalotos.

9. Juli

Die griechische Regierung reicht einen Reformplan ein, der den Vorschlägen der Institutitonen in weiten Teilen ähnelt.

11. Juli

Das griechische Parlament stimmt den Reformplänen mehrheitlich zu. Allerdings verpasst Tsipras bei der Abstimmung eine eigene Mehrheit: Zehn der 149 Syriza-Abgeordneten stimmen gegen die Reformpläne oder enthalten sich, sieben erscheinen gar nicht erst zum Votum.

17. Juli

Premier Alexis Tsipras bildet seine Regierung um: Er entlässt zehn Vertreter des linken Syriza-Flügels aus seinem Kabinett und ersetzt sie mit Parteifreunden, die für das Reformpaket gestimmt haben.

20. Juli

Griechenlands Banken öffnen wieder.

25. Juli

Griechenland beantragt einen dreijährigen Kredit beim IWF. Eigentlich hatte die Regierung zuvor erklärt, mit dem Fonds nicht mehr zusammenarbeiten zu wollen.

30. Juli

Der IWF erteilt neuen Griechenland-Krediten eine Absage: Ohne einen Schuldenschnitt sei keine Beteiligung an einem dritten Hilfspaket für die Hellenen vorgesehen, sagt IWF-Chefin Christine Lagarde.

31. Juli

Die Athener Börse öffnet wieder.

11. August

Tsipras kann die Experten der Gläubiger überzeugen: In den Verhandlungen über weitere Finanzhilfen bis zu 86 Milliarden wird eine Grundsatzeinigung erzielt. Aber der linke Syriza-Flügel läuft erneut Sturm gegen die Sparmaßnahmen.

14. August

Bei der Abstimmung über das neue Hilfsprogramm verfehlt Tsipras erneut eine eigene Mehrheit seiner Koalition. Aus Regierungskreisen heißt es, er wolle nach Zahlung der ersten Tranche der Finanzhilfe die Vertrauensfrage stellen.

19. August

Der Bundestag stimmt weiteren Krediten zu. Die Euro-Finanzminister bewilligen die erste Kredittranche von 26 Milliarden Euro.

20. August

Tsipras tritt zurück, um den Weg für vorgezogene Parlamentswahlen am 20. September zu ebnen. Er erhofft sich dadurch ein frisches Mandat, ehe die harten Sparmaßnahmen des neuen Sparprogramms greifen.

27. August

Vasiliki Thanou-Christofilou wird zur vorübergehenden Ministerpräsidentin ernannt. Bis zur Parlamentswahl leitet die Präsidentin des obersten griechischen Gerichtshofs Areopag die Übergangsregierung.

18. September

Zwei Tage vor der Wahl widersprechen sich die Prognosen der Wahlbeobachter. Die einen sehen Tsipras vorne, die anderen seinen konservativen Herausforderer Vangelis Meimarakis von der Nea Dimokratia.

Stournaras rief die politischen Kräfte seines Landes auf, zu kooperieren, damit Griechenland sein Reformprogramm umsetzt. „Jetzt wo wir den größten Teil (der Anstrengungen) hinter uns haben, wäre ein Rückfall schade“, sagte Stournaras.

Griechenland wird seit 2010 mit internationalen Milliardenkrediten vor der Staatspleite bewahrt. Im Gegenzug muss das Land seit Jahren immer neue harte Sparprogramme über sich ergehen lassen - mit entsprechenden Folgen für die Konjunktur.

Einen Lichtblick verheißen die Verbraucherpreise, die nach 33 Minus-Monaten in Folge nun erstmals wieder steigen - ein Indiz dafür, dass das pleitebedrohte Land sich aus der Deflation bewegt und die Wirtschaft anzieht. Wie die griechische Statistikbehörde Elstat mitteilte, legten die Verbraucherpreise im Dezember 2015 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 0,4 Prozent zu.

Wie tief die griechische Wirtschaft lange Zeit in der Deflationsfalle steckte, zeigen die Jahreszahlen. Demnach lagen die Verbraucherpreise im Jahresdurchschnitt 2015 1,1 Prozent unter dem Vorjahresniveau, nach einem Rückgang um 1,4 Prozent 2014.

Eine Deflation gilt als große Gefahr für die Wirtschaft: Verbraucher und Unternehmen halten sich angesichts fallender Preise mit Ausgaben und Investitionen zurück, was die Wirtschaftsleistung drückt und die Preise weiter fallen lässt. Im Gegenzug gelten kräftig steigende Preise als Indiz für eine positive Konjunktur.

Von

dpa

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×