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28.01.2012

18:07 Uhr

Griechenland

Verhandlungen über Schuldenschnitt beendet

Griechenlands Regierung und Bankenvertreter haben ihre Gespräche über einen Schuldenschnitt zunächst ohne Einigung beendet. Ein Ergebnis soll aber kurz bevor stehen. Zuvor hatte Deutschland den Druck auf Athen erhöht.

Der Parthenon auf der Akropolis in Athen dpa

Der Parthenon auf der Akropolis in Athen

Die Verhandlungen zwischen der griechischen Regierung und Privatgläubigern über einen Schuldenschnitt für Athen stehen offenbar kurz vor dem Durchbruch. Die an den Gesprächen beteiligten Parteien stünden kurz vor einer Einigung auf eine freiwillige Beteiligung des Privatsektors, hieß es am Samstag in einer Erklärung von Charles Dallara und Jean Lemierre, die bei den Verhandlungen die Gläubigerseite vertreten. Eine Einigung werde für nächste Woche erwartet. In der Erklärung wurde auch auf die „Rahmenbedingungen“ Bezug genommen, die Eurogruppen-Chef Jean-Claude Juncker Anfang der Woche genannt hatte. Demnach sind die Privatgläubiger offenbar bereit, beim freiwilligen Schuldentausch einen Zinssatz von weniger als vier Prozent für neue Staatsanleihen zu akzeptieren. Am Abend wollte der griechische Finanzminister Evangelos Venizelos die Vertreter der sogenannten „Troika“ über den Werdegang der Verhandlungen mit den Bankenvertretern informieren, hieß es. Die Experten von EU, Internationalem Währungsfonds (IWF) und Europäischer Zentralbank (EZB) nehmen als eine Art unsichtbare Teilnehmer an den zähen Verhandlungen der Griechen mit den Banken teil.

Zuvor hatte sich die Debatte über ein zweites Hilfspakets für Griechenland verschärft: Angesichts wachsender Zweifel an die Reformfähigkeit des Landes kommt aus Deutschland jetzt der Vorschlag, dass Griechenland im Gegenzug für weitere Finanzhilfen eine internationale Kontrolle über seine Haushaltspolitik zulassen soll. In Berliner Regierungskreisen wurde am Samstag ein Bericht bestätigt, wonach die Idee eines Sparkommissars oder eines Vetorechts gegen einen Etat in die Debatte auf EU-Ebene eingebracht wurde.

Während Griechenland auf seine nationale Souveränität pocht, findet die Forderung einer nationalen Aufsicht Zustimmung in der Koalition. „Angesichts der Tatsache, dass offenbar viele Vorgaben von Griechenland nicht umgesetzt wurden, ist der Vorschlag einer Kontrolle und Aufsicht des Etats Ziel führend“, sagte der haushaltspolitische Sprecher der Unions-Fraktion, Norbert Barthle. Die Idee eines „Sparkommissars“ ist nicht neu und findet sich etwa bereits im CDU-Europa-Papier, das auf dem Bundesparteitag im November beschlossen worden war. Die Bundesregierung speiste sie nun aber auf EU-Ebene in die Beratungen über das zweite Griechenland-Hilfspaket ein, als die Regierungen um Stellungnahmen gebeten wurden. „Angesichts der enttäuschenden Umsetzung (der Reformen) muss Griechenland akzeptieren, dass die Budget-Hoheit für eine bestimmte Zeit
auf europäische Ebene übertragen wird“, zitierte auch die „Financial Times“ aus dem entsprechenden Papier.

In Berlin wird aber betont, dass es nicht um eine „Lex Griechenland“ geht, sondern um einen allgemeinen Vorschlag, wie mit Programmländern zu verfahren ist, die ihre im Gegenzug zu Finanzhilfen zugesagten Reformen nicht umsetzen. Zugleich wurde der Vorwurf eines Diktats zurückgewiesen. „Alle Optionen können selbstverständlich nur in Abstimmung etwa mit den Griechen zum Zuge kommen“, hieß es in den Regierungskreisen am Samstag.

Über die Zukunft Griechenlands wird derzeit auf verschiedenen Ebenen beraten. Ministerpräsident Lucas Papademos hatte am Freitag im Reuters-Interview gesagt, er erwarte eine Einigung innerhalb weniger Tage. „Deutschland besteht auf einem Forderungsverzicht der privaten Gläubiger im Umfang von 100 Milliarden Euro“, betonte der Parlamentarische Geschäftsführer der Unions-Bundestagsfraktion, Peter Altmaier, in der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ (Samstagausgabe).
Zum anderen prüft die Troika aus IWF, EZB und EU-Kommission in Athen die Umsetzung der Verpflichtungen aus dem ersten Hilfspaket sowie die wirtschaftliche Entwicklung im Land. Ein positives Urteil ist Voraussetzung dafür, dass das hoch verschuldete Land weitere Kredite im Rahmen eines zweiten Hilfspaketes erhält. Nach Informationen des „Spiegel“ reichen dabei die bisher kalkulierten 130 Milliarden Euro bis Ende 2014 nicht aus. Statt dessen würden 145 Milliarden Euro benötigt.

Auch die Unionspolitiker Barthle und Michael Meister halten eine höhere Stumme für möglich - und stellen zugleich Bedingungen dafür, dass der Bundestag einem zweiten Hilfsaspekt zustimmt. „Ich kann mir durchaus vorstellen, dass 145 Milliarden Euro benötigt werden“, sagte Barthle zu Reuters. Die Zahl sei aber nicht so entscheidend etwa für ein positives Votum des deutschen Parlaments. „Voraussetzung für die Zustimmung ist vielmehr, dass die Troika Griechenland bescheinigt, auf dem richtigen Weg zu sein. Sonst wird es keine Hilfe geben.“ Auch der stellvertretende Unions-Fraktionschef Meister schloss angesichts der schlechten wirtschaftlichen Entwicklung in dem südlichen Euro-Land einen höheren Kreditbedarf nicht aus.
Zugleich forderte er im „Tagesspiegel“ strenge Strukturreformen. „Wir mussten bei der Freigabe der ersten Griechenland-Hilfen schon ein Auge zudrücken. Das werden wir nicht noch einmal tun“, sagte er mit Blick auf die nötige Zustimmung des Bundestages zu einem neuen Hilfspaket. „Die griechische Führung und die politische Klasse muss endlich verstehen, dass die EU das Land nicht auf Dauer am Tropf lassen will“, warnte auch Barthle.


Kommentare (58)

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Mazi

28.01.2012, 17:49 Uhr

Was soll Griechenland denn tun, wenn es bereits an einem funktionierenden Staatswesen mangelt?

Beitreten wie die ehemalige DDR? Aber bei wem? Italien etwa?

Das wäre nicht unpassend. Das Problem wäre zwar nicht gelöst. Aber man hätte aus 2 Problemen 1 Problem gemacht. Das wären dann schon einmal 50 %.

Ich warte nur noch auch die Verbreitung obiger Logik. Dafür sollte sich doch kein Politiker zu schade sein.

Ernsthaft:
Vielleicht wäre es wirklich sinnvoll, wenn Griechenland als erster Staat der EU "beitreten" würde und die eigene staatliche Souveranität aufgibt. Das wäre zwar schwer, aber nicht nur ein konstruktiver Schritt in die richtige Richtung sondern auch eine Blaupause für die anderen. Die richtige Paarung für Risiko und Chance.

wutbuerger

28.01.2012, 18:09 Uhr

Wir können es drehen und wenden (oder nennen) wie wir wollen. Egal, wir kriegen das Fell über die Ohren gezogen!

rxm

28.01.2012, 18:11 Uhr

Dass dieser Vorschlag mit der Abgabe nationaler Souveränität ausgerechnet aus Deutschland kommt, erschreckt mich zutiefst. Das ist doch schlichtweg eine Diktatur, was hier angestrebt wird. Absolut illegitim und nicht demokratisch. Und wenn Griechenland einen EU-Statthalter dann doch akzeptieren würde, wer ist dann der nächste Kandidat? Portugal? Und danach Spanien oder Italien? Und glaubt tatsächlich jemand, dass das funktionieren würde? Es würde mit Sicherheit zu Aufständen und schweren Unruhen in den betroffenen Ländern führen. Derartige Gedankenspiele sollte man also tunlichst unterlassen.
Griechenland muss die Eurozone verlassen. Schluß, Aus. Alles andere wird nicht funktionieren.

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