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02.07.2015

13:37 Uhr

Griechenland vor dem Referendum

Propaganda-Schlacht um Athen

Tsipras‘ Anhänger und Euro-Gegner kleben eifrig Plakate und verteilen Flugblätter. Sie werben für ein „Nein“ beim Referendum. Wahlhilfe kommt sogar aus Venezuela. Aber auch die „Ja“-Kampagne hat prominente Unterstützer.

Dieses Foto hat ARD/SWR-Hörfunk-Mann Michael Lehmann aus Athen getwittert. Gezeichnet ist das Plakat von „To Choni“ (Frei übersetzt: Die Flüstertüte), einer Syriza-nahe Sonntagszeitung.

Nein-Kampagne

Dieses Foto hat ARD/SWR-Hörfunk-Mann Michael Lehmann aus Athen getwittert. Gezeichnet ist das Plakat von „To Choni“ (Frei übersetzt: Die Flüstertüte), einer Syriza-nahe Sonntagszeitung.

AthenAuch der Lieblingsfeind darf nicht fehlen: Wolfgang Schäuble. Sein strenger Blick prangt auf einem der Plakate der „Nein“-Kampagne. Drei Tage vor dem Referendum hat in die Griechenland die Propaganda-Schlacht begonnen. Und die Aktivisten der Regierungspartei Syriza kleben besonders eifrig.

Im ganzen Land tauchen ihre Plakate auf. Sie verteilen Flugblätter. „OXI“ – „Nein“ – steht in Großbuchstaben auf ihren Zetteln. Sie wollen, dass die Mehrheit der Griechen bei der Volksabstimmung am Sonntag gegen die Angebote der Gläubiger von IWF, EZB und EU stimmt und den Kurs der Regierung von Premier Alexis Tsipras stützt.

Plakat der Anhänger von EPAM

Euro-Gegner

Plakat der Anhänger von EPAM

Diejenigen, die in der europäischen Gemeinschaftswährung den Hauptgrund für die wirtschaftlichen Probleme Griechenlands sehen, sind besonders laut. Abends versammeln sich Euro-Gegner der Organisation „EPAM“ (Vereinte Volksfront) vor dem Parlamentsgebäude. Die betont patriotischen Anhänger der Bewegung wollen raus aus dem Euro und die Drachme wieder einführen. „Wir schenken euch eure Fahne und euren Euro“, steht auf einem ihrer Plakate.

Auch der Staatsapparat kommt nun auf Touren: Das Gesundheitsministerium habe per E-Mail die Direktoren der staatlichen Kliniken angewiesen, ihr Personal auf Nein-Linie zu bringen, berichten griechische Medien – Gesundheitsminister Panagiotis Kourouplis spricht von einer „Informationsmail“.

Botschaft am Finanzministerium. dpa

Nein-Kampagne

Botschaft am Finanzministerium.

An der Fassade des griechischen Finanzministeriums am Athener Syntagmaplatz hing am Mittwoch ein riesiges Plakat: „Nein zu Erpressung und Austerität“ steht in Englisch und Griechisch darauf. Das Plakat ist wohl nicht zufällig vom 6. Stock aufgehängt worden – dort befindet sich das Büro von Finanzminister Yanis Varoufakis.

Der hat auch für seinen Blog noch einmal in die Tasten gegriffen und in sechs kurzen Punkten beschrieben, warum seine Regierung ein „Nein“ am Sonntag für richtig hält. Er schreibt beispielsweise, dass der IWF und viele Regierungen der Meinung sind, dass ein Schuldenschnitt nötig sei. Ein Punkt, der von den europäischen Gläubigern abgelehnt wird. Auch auf Twitter verbreiten Varoufakis und Tsipras ihre Botschaften mit Verve.

Dirk Müllers Cashkurs

„Es wird schlimmer - egal was Tsipras tut“

Dirk Müllers Cashkurs: „Es wird schlimmer - egal was Tsipras tut“

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Griechenlands Premier führt die Nein-Kampagne an. Ein „Nein“ bei der Volksabstimmung werde seine Verhandlungsposition gegenüber den Geldgebern stärken, sagte der Premier noch einmal in seiner Fernsehansprache am Mittwoch. Die Befürworter eines „Ja“ widersprechen: Wenn die Griechen das Finanzierungsangebot und die Reformauflagen der Gläubiger ablehnten, sei das der Abschied vom Euro, warnen sie.

Die „Ja“-Kampagne hat viele Gesichter. Zu ihnen gehören der populäre parteilose Bürgermeister von Thessaloniki, Giannos Boutaris, der Athener Oberbürgermeister Giorgos Kaminis, der frühere Premier Kostas Simitis, der das Land Ende der 1990er-Jahre mit Reformen und einer Haushaltskonsolidierung in den Euro führte und der konservative Ex-Premier Konstantinos Mitsotakis. Trotz seiner 97 Jahre begab sich der griechische Polit-Methusalem diese Woche zur Kundgebung der „Ja“-Befürworter auf den Athener Syntagmaplatz.

Das Dilemma Griechenlands in Zahlen und Fakten

Arbeitslosigkeit

Die Arbeitslosigkeit liegt bei 25,5 Prozent. Bei den unter 25-jährigen Erwerbspersonen ist sogar fast jeder zweite ohne Job. Nach jüngsten Erhebungen liegt die Jugendarbeitslosigkeit bei 48,4 Prozent.

Staatsschulden

Griechenland hat insgesamt Schulden in Höhe von rund 320 Milliarden Euro (Stand September 2014). Das sind fast 180 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Die EU und der Internationale Währungsfonds haben dem Land mit Darlehen in Höhe von rund 240 Milliarden Euro unter die Arme gegriffen.

Einkommen

Nach übereinstimmenden Angaben von Regierung und Gewerkschaften mussten die Menschen in Griechenland seit 2009 im Durchschnitt Einkommenseinbußen von 30 Prozent hinnehmen. Im öffentlichen Dienst wurden Urlaubs- und Weihnachtsgeld gestrichen. Auch Renten wurden massiv gekürzt.

Öffentlicher Dienst

Nach jüngsten Zahlen arbeiten derzeit 675 000 Menschen im öffentlichen Dienst. Das sind rund 277 000 weniger als noch 2009. Allein im Jahr 2014 wurden 9500 Staatsbedienstete entlassen. Zudem wurden viele Stellen nach altersbedingtem Ausscheiden von Angestellten nicht nachbesetzt. Die Regierung Tsipras steuerte der Entwicklung jedoch gegen – und stellte per Gesetz rund 4000 zuvor entlassene Staatsdiener wieder ein.

Wirtschaftswachstum

Erstmals nach vielen Rezessionsjahren wuchs die Wirtschaft 2014 nach vorläufigen Zahlen um 0,7 Prozent. Für 2015 erwartet die EU-Kommission einen Zuwachs von nur 0,5 Prozent.

Neuste Umfragen sagen ein spannendes Rennen voraus: 47,1 Prozent der Befragten würden demnach am 5. Juli für „Ja“ und damit für eine Zustimmung zu den unlängst von den internationalen Gläubigern des Landes vorgeschlagenen Reformmaßnahmen stimmen. 43,2 Prozent wären dagegen, ergab die aktuellste Befragung im Auftrag der konservativen Zeitung „Eleftheros Typos“.

Kommentare (49)

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02.07.2015, 13:41 Uhr

Die (lächerliche) Drohung von V. ist doch das beste und einzige, was GRE noch möglicherweise vor dem Untergang retten kann. Die andere Flachpfeife und Dilettant Tsipras soll er gleich mitnehmen.

Stolz ... muss man(n) sich auch (finanziell) leisten können. In diesem Sinne., Game-Over GRE - R.I.P.

Herr Fritz Yoski

02.07.2015, 13:49 Uhr

Abstimmung. Wie waere es in den anderen Euro Laendern abstimmen zu lassen ob man Griechenland noch in der Eurozone haben will.
Griechenland soll sein eigenes Ding machen ohne sich dauern von der EU/IWF/Deutschland bevormunden zu lassen. Auf sich allein gestellt sind die mindestens so erfolgreich wie Venezuela oder Argentinien.

Account gelöscht!

02.07.2015, 13:55 Uhr

Ebenso wie der venezolanische Präsident versichere auch ich, an der Seite von Alexis Tsipras zu stehen! Nur die Nutznießer des EU-Apparates und die Verursacher des ganzen finanziellen Desasters sind gegen ihn.

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