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14.06.2012

22:11 Uhr

Griechenland-Wahl

Zentralbanken bereiten sich auf Notoperation vor

Am Sonntagabend werden die Euro-Finanzminister über das Ergebnis der Griechenlandwahl konferieren, die großen Notenbanken halten sich für Notoperationen bereit. Kanzlerin Merkel verschiebt den Abflug zum G-20-Gipfel.

Die großen Zentralbanken der Welt sind für einen Notfalleingriff am griechischen Wahlwochenende gewappnet (Symbolbild). dpa

Die großen Zentralbanken der Welt sind für einen Notfalleingriff am griechischen Wahlwochenende gewappnet (Symbolbild).

BerlinDie wichtigsten Notenbanken der Welt stehen G20-Kreisen zufolge für eine Notfalloperation zur Stabilisierung der globalen Finanzmärkte bereit, sollte das Ergebnis der Parlamentswahl in Griechenland zu Kursturbulenzen führen. „Die Zentralbanken bereiten sich auf eine koordinierte Aktion zur Bereitstellung von Liquidität vor“, erfuhr die Nachrichtenagentur Reuters am Donnerstag von einem hochrangigen G20-Vertreter, der mit den Beratungen internationaler Finanzdiplomaten vertraut ist. Ziel sei es, eine Kreditklemme zu verhindern. Bundesbank und EZB waren zunächst für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. An der Wall Street bauten Aktien nach dem Bericht ihre Gewinne aus. Der Euro gewann gegenüber dem Dollar an Wert.

Die Finanzminister der Euro-Zone wollen am Sonntagabend in einer Telefonkonferenz über das Ergebnis der Griechenland-Wahl beraten. Das teilten zwei Euro-Zonen-Vertreter mit. Die Hauptsorge sei das Risiko von größeren Kapitalabflüssen, sollte sich die spar- und reformkritische radikale Linkspartei Syriza eindeutig durchsetzen, sagte einer der Vertreter. Ein weiterer Vertreter ergänzte, es gehe dabei noch nicht einmal hauptsächlich um einen befürchteten Sturm auf die Banken am Montag. Durch Internetbanking sei es möglich, dass Kunden noch am Sonntagabend Transfers tätigten.

Was ein Euro-Austritt Griechenlands kosten würde

Erhebliche Lasten

„Der Austritt eines Landes aus der Eurozone würde auch für uns eine Menge Turbulenzen mitbringen", warnte bereits Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble. Seriös lässt sich die Kostenfrage aber nicht beantworten, weil es kein Drehbuch für Pleite und Euro-Austritt gibt. Allenfalls eine Annäherung an eine Antwort ist möglich.

Umrisse des Problems

Aus dem ersten Hilfspaket hat Griechenland von anderen Euro-Ländern 53 Milliarden Euro erhalten. Hinzu kommen 35,4 Milliarden Euro aus dem zweiten Paket. Zudem hat der Euro-Rettungsschirm EFSF 25 Milliarden Euro bereitgestellt, damit das Land seine vom Schuldenschnitt im März angeschlagenen Banken rekapitalisieren kann. Berenberg-Chefvolkswirt Holger Schmieding zufolge ist das Geld aber offenbar noch nicht an die Banken geflossen.

Risikobewertung griechischer Anleihen

Der Analyst geht außerdem davon aus, dass die EZB noch griechische Anleihen im Nominalwert von gut 35 Milliarden Euro in den Büchern hat. Weil die Zentralbank diese vermutlich zu Kursen von rund 75 Prozent des Nominalwertes gekauft hat, rechnet Schmieding hier mit einem maximalen nominalen Verlustrisiko von 27 Milliarden Euro. Allerdings hat die EZB auch Gewinne mit Hellas-Anleihen gemacht. Verrechnet man die beiden Posten miteinander, kommt man für die EZB auf ein echtes Verlustrisiko von etwa 20 Milliarden Euro.

Target-II-Salden

Hinzu kommt aber ein weiteres Risiko, das sich hinter dem Begriff „Target II-Salden" verbirgt, von dem ebenfalls völlig unklar ist, wie und in welchem Umfang es sich realisieren könnte: Innerhalb des Verrechnungssystems der europäischen Notenbanken für den Zahlungsverkehr zwischen Banken (Target II) hatte die griechische Zentralbank gegenüber dem Eurosystem bis Ende Januar ein Negativ-Saldo von 107 Milliarden Euro aufgebaut. Schmieding zufolge dürfte es heute bei 120 bis 130 Milliarden Euro liegen.

Kreditsicherheiten

Abgesichert wird der Negativ-Saldo durch Kreditsicherheiten, die griechische Banken bei der griechischen Notenbank hinterlegt haben. Ob diese nach einem Euro-Austritt ihren Verpflichtungen gegenüber dem Eurosystem weiter nachkommen würde, Sicherheiten abtreten würde und welchen Wert diese Sicherheiten noch hätten, steht dabei in den Sternen. Von möglichen Verlusten, die sich aus Target II ergeben würden, müsste Deutschland über die Bundesbank ebenfalls 27 Prozent tragen.

Weitere Forderungen

Schließlich müssten in die Gesamtrechnung noch Forderungen europäischer Bürger und Unternehmen gegenüber griechischen Banken einfließen. Ende 2011 betrugen die Auslandsschulden griechischer Unternehmen etwa 100 Milliarden Euro, davon 91 Milliarden Bankschulden und neun Milliarden anderer Unternehmen.

Fazit

Weil nicht klar ist, welche Risiken eintreten würden, lassen sich die Kosten eines Staatsbankrotts und Euro-Austritts vorher nicht beziffern. Sicher ist aber: Es würde teuer werden.

In Griechenland muss am Sonntag neu gewählt werden, nachdem die Parteien es nach dem vorigen Votum Anfang Mai nicht schafften, eine Regierung zu bilden. Die Wahl gilt auch als Abstimmung über den Verbleib Griechenlands in der Euro-Zone und die Zukunft des 130 Milliarden Euro schweren internationalen Rettungsprogramms. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wird am Wahltag deutlich später zum G20-Gipfel der führenden Wirtschaftsmächte in Mexiko abreisen. Wie das Bundespresseamt am Donnerstag mitteilte, wurde der Abflug aus Berlin auf Sonntagmitternacht verschoben - 14 Stunden später als ursprünglich geplant. Gründe wurden zunächst nicht genannt. Der zweitägige G20-Gipfel im mexikanischen Los Cabos beginnt an diesem Montag.

Mögliche Szenarien nach den Griechenland-Wahlen

Szenario 1

Das Szenario der breiten Regierung der Nationalen Rettung: An dieser könnten die drei wichtigsten Parteien, die Konservativen, die Linksradikalen und die Sozialisten teilnehmen. Hinzu könne auch die gemäßigte kleine linke Partei Demokratische Linke kommen. Gemeinsamer Nenner dieser Koalition wäre, dass das Land im Euroland bleibt. Gleichzeitig soll aber auch eine Lockerung des Sparprogramms gefordert werden, weil die Sparmaßnahmen die Wirtschaft abgewürgt haben. Dies Regierung würde stabil und handlungsfähig sein, weil sie mehr als 70 Prozent der Bevölkerung vertreten und eine überragende Mehrheit im Parlament haben würde.

Szenario 2

Das zweite Szenario wäre eine Kooperation zwischen den klar pro-europäischen Parteien der Konservativen der Nea Dimokratia (ND), der Sozialisten (Pasok) und der kleinen Demokratischen Linken (Dimar). Hier beginnen aber schon die ersten Probleme. Denn das Bündnis der radikalen Linken (Syriza), zu dem mittlerweile die meisten etablierten und ehemals privilegierten Gewerkschaftsführer von den Sozialisten übergelaufen sind, könnten zusammen mit den Kommunisten (KKE) das Land mit Streiks und Demonstrationen ins totale Chaos stürzen.

Szenario 3

Das letzte und schlimmste Szenario ist, dass die Politiker sich erneut nicht einigen. Dann müssten wieder Neuwahlen angesetzt werden. Das Land wäre dann für weitere sechs Wochen ohne handlungsfähige Regierung und könnte irgendwann einfach zusammenbrechen. Das Geld für Medikamente, Löhne und Renten reicht nur noch bis Mitte Juli.

Szenario 4

Eine dritte mögliche Regierungskoalition wäre eine Kooperation der Linksradikalen mit der Demokratischen Linken, falls beide genug Sitze im Parlament erobern. Die Demokratische Linke scheint jedoch nicht bereit zu sein, an einer solchen linken Koalition teilzunehmen. Das Gleiche gilt auch für die Kommunisten. Demnach wäre eine Koalition der Linksradikalen mit den Sozialisten und der Demokratischen Linken eine Lösung, aber diese könnte daran scheitern, dass viele linke Politiker nicht mit den Sozialisten zusammenarbeiten wollen.

Kommentare (13)

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so_what

14.06.2012, 23:29 Uhr

So verlief die Chose:

"Zunächst Marktgerücht: Zentralbanken bereiten sich auf eine koordinierte globale Aktion im Falle eines Grexit vor

Der Dow Jones springt zwischenzeitlich um bis zu 120 Punkte an, nachdem die Zentralbanken eine koordinierte Aktion im Falle eines Grexit in Aussicht gestellt haben sollen.

Die anfängliche Euphorie über die Aussagen von G20-Seite verfliegt wieder, nachdem die Notenbanken NUR ihre GRUNDSÄTZLICHE BEREITSCHAFT zu koordiniertem Handeln in Aussicht gestellt haben.

Der Dow Jones gibt danach rund 50% seiner anfänglichen Gewinne wieder ab.

Die EZB ist zu keinem Kommentar bezüglich möglichen Interventionen bereit.

Floor Talk: Die Aussagen bezüglich möglichen Notenbankinterventionen im Falle von Marktverwerfungen durch die anstehenden Wahlen in Europa und Ägypten sind eigentlich No-News."

Bei den heftigen Anstiegen handelte es sich wohl um einen kleinen Short-Squeeze."

So die Nachrichten vom Markt.


Am Freitag ist großer Verfallstag an den Börsen (Shortpositionen wurden eingedeckt, dito in Griechenland, wo nicht plötzlich die große Euphorie ausbrach)

Rita_Hoffmann

15.06.2012, 00:02 Uhr

Notoperation

Es geht immer nur um die Finanzmärkte, die ja schon fast überwiegend mit virtuellem Geld handeln.
Die hätte man von Anfang an in die Schranken weisen müssen mit Kontrollen und Steuern. Echten Mehrwert schafft eben nur die Wirtschaft.

yoski

15.06.2012, 01:58 Uhr

Notoperation
Na dann hoffen wir mal das es eine Amputation wird. Wenn GR, Spanien und Portugal den Euro verlassen koennte es sogar noch was werden. Ich glaube Irland und Italien sind vielleicht reformfaehig (wishful thinking). Groessere Sorgen macht mir FR. Am besten waere es natuerlich wenn D den Euro verlaesst, dann koennen die Schwachmaten sich gegenseitig retten.

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