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20.12.2012

10:54 Uhr

Griechenland

Wer wenig hat, hat nichts zu verlieren

VonGerd Höhler

Wie gemalt liegt Organi zwischen Tabakplantagen und Obstgärten. Doch die Idylle trügt. Nirgendwo in Griechenland sind die Menschen ärmer als im 500-Seelen-Dorf. Trotzdem lassen sie sich nicht unterkriegen. Eine Reportage

Auch Mustafa Nisan kommt gerade mal so über die Runden. Foto: Gerd Höhler.

Auch Mustafa Nisan kommt gerade mal so über die Runden. Foto: Gerd Höhler.

OrganiIn sanften Kurven schlängelt sich die Straße durch die Hügellandschaft. Der Weg von Komotini in der nordgriechischen Präfektur Rodopi hinauf nach Bulgarien führt vorbei an Obstgärten, frisch gepflügten Feldern und saftig-grünen Tabakplantagen.

Dann geht es durch dichte Eichenwälder immer höher in die Berge, die Fahrbahn wird schmaler, die Kurven werden enger. Das letzte Herbstlaub leuchtet golden in der Abendsonne. Kurz vor der Grenze ist das Ziel erreicht. „Organi“ steht auf dem verwitterten Schild am Eingang des Dorfes. Aus den Kaminen der kleinen Häuser mit ihren roten Dachziegeln steigt weißer Rauch in den ruhigen Abendhimmel. In den Stuben gehen die Lichter an.

Willkommen im ärmsten Dorf Griechenlands. Foto: Gerd Höhler.

Willkommen im ärmsten Dorf Griechenlands. Foto: Gerd Höhler.

Aber die malerische Adventsidylle täuscht. Rodopi ist die wirtschaftlich schwächste Region Griechenlands. Und kein Dorf hier ist ärmer als das 501 Einwohner zählende Organi. Das zumindest sagt die Statistik. Danach müssen die Leute von Organi mit einem durchschnittlichen Familieneinkommen von 8.620 Euro im Jahr über die Runden kommen. Zum Vergleich: Im Athener Villenvorort Ekali hat eine Familie im Schnitt 122.879 Euro im Jahr zur Verfügung. Im Landesdurchschnitt beträgt das mittlere Familieneinkommen immerhin 20.202 Euro und 35 Cents.

Das ärmste Dorf Griechenlands? „Ja, davon habe ich gehört“, sagt Aydin Basoglou und lächelt. Der 37-Jährige ist Dorfvorsteher von Organi, und ein wenig scheint er sogar stolz zu sein auf diesen letzten Platz, der ihm offenbar nicht wie ein Makel sondern wie eine Art Auszeichnung vorkommt. Denn wer hätte je von Organi gehört, wenn es nicht das ärmste Dorf Griechenlands wäre? Und würde jemals ein ausländischer Journalist die 790 Kilometer aus dem fernen Athen hier herauffahren, wenn nicht wegen der Armut?

Aydin Basoglou ist der Dorfvorsteher von Organi. Foto: Gerd Höhler.

Aydin Basoglou ist der Dorfvorsteher von Organi. Foto: Gerd Höhler.

Obwohl: Wer in Organi zerlumpte Kinder und bettelnde Greise erwartet, wird angenehm überrascht. Auf dem Schreibtisch des Dorfvorstehers stehen ein Faxgerät, ein Computer, ein Drucker und ein poliertes Messingschuld mit seinem Namen. Aydin ist kein griechischer Vorname. Basoglou gehört, wie alle Dorfbewohner, zur muslimischen Minderheit, die in der Präfektur Rodopi lebt. Die rund 150.000 Muslime Griechenlands sind überwiegend ethnische Türken.

Kommentare (23)

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dbu

20.12.2012, 11:14 Uhr

''Die rund 150.000 Muslime Griechenlands sind überwiegend ethnische Türken''
Leider in Rodopi - Griechenlad sind nicht alle Muslime ethnisch Tuerken. Die 120.000 Pomaken haben keine tuerkische Abstammung. Sie sind Griechen seit 300 v.Cr und als Griechen haben im Byzant gelebt.


Account gelöscht!

20.12.2012, 12:09 Uhr

Das stimmt, dies sind keine ethnischen Türken sondern wie schon erwähnt Pomaken.
Die Türkei versucht, über das Konsulat in Komotini, diese Pomaken zu Türken zu machen.
Wie? Indem man zum Beispiel sagt: Wenn du weiterhin im Büro des Dorfvorstehers einen Job haben willst, dann musst du türkisch reden und nicht griechisch. Wer sich weigert fliegt.
Frauen werden bis zu 200€ gezahlt wenn Sie ein Kopftuch tragen.
Folgendes Vorgehen ist auch weit verbreitete Praxis:
Die erwähnte Minderheit in Griechenland hat ein Anrecht auf türkischsprachige Schulen.
Direktor ist immer ein Angehöriger der Minderheit, Vertreter ein Grieche. Jede Schule bekommt zu Beginn des Jahres Gelder zur Verfügung gestellt. Diese Gelder müssen bis Ende des Jahres verbraucht werden oder zurückgesendet werden. Der Rektor entscheidet über die Verwendung. Nur gibt er die Gelder nicht aus. Er sendet Sie jedes Jahr artig zurück und beschwert sich international in was für einem miserablen Zustand die Schule ist. Lehrer die sich dagegen wehren werden überfallen, wie die Lehrerin Fr. Nikopoulou die lange bedroht und der letztendlich der Arm gebrochen wurde. Oder Emine Mbouroutzi die bedroht und angespuckt wird. Deren Eltern sich nicht trauen mit ihr zu reden da Sie bedroht werden.

Bis jetzt wehren sich die Pomaken erfolgreich gegen diese Art der „Türkisierung“

Mit wenigen Worten hier wurde schlecht oder gar nicht recherchiert.
Oder noch schlimmer man hat sich zu instrumentalisieren lassen. Vielleicht auch nicht ganz uneigennützig?

Vicario

20.12.2012, 12:29 Uhr

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