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26.04.2015

12:10 Uhr

Griechenland

Wie Bayern den Griechen einst Geld lieh...

VonOliver Stock

...und nach einem Schuldenschnitt davon sogar etwas wieder sah. Eine historische Episode erzählt viel über levantinisch-deutsche Finanzverhältnisse.

Ludwig I.; Bayerns König, lieh den Griechen bereits Geld. Imago

Spendierfreudiges Bayern

Ludwig I.; Bayerns König, lieh den Griechen bereits Geld.

DüsseldorfGriechenland. Immer wieder Griechenland. Ob beim Gipfel der Finanzminister an diesem Wochenende in Riga, beim Treffen der Staats- und Regierungschefs in Brüssel, bei Vier-Augen-Gesprächen in Berlin oder in Moskau – immer wieder geht es um die Pleite-Republik der Hellenen. Ein Blick in die Geschichtsbücher zeigt, dass die Diskussion nicht nur nicht neu, sondern in Wahrheit ziemlich alt ist. Und in einer Region seit nun bald 200 Jahren besonders intensiv geführt wurde: in Bayern.

Es war Ludwig I., der dem Land der Helden, Götter und Antike Geld geliehen hatte, das er zeitlebens nicht wiedersah. Niemand kennt seither das Gefühl, Gläubiger Griechenlands zu sein, so gut wie ausgerechnet die Vorfahren des bayrischen Ministerpräsidenten Horst Seehofers. Vielleicht liegt darin der Grund, weshalb Seehofer einen gewissen Langmut gegenüber Griechenland an den Tag legt.

Der Historiker Hans Philippi jedenfalls hat die Episode um den Märchenkönig und die Folgen seiner Schwärmerei in der Zeitschrift für Bayerische Landesgeschichte bereits 1963 aufgeschrieben. Was Hoffnung macht: Der Streit damals ging für die Bayern glimpflich aus. Allerdings: Man zankte sich auch damals beinahe ein halbes Jahrhundert um das liebe Geld.

Fragen und Antworten zur Griechenland-Krise

Wann geht Athen ohne Unterstützung das Geld aus?

Das von der Staatspleite bedrohte Griechenland hängt seit 2010 am Tropf internationaler Geldgeber. In den kommenden Monaten muss Athen Milliardenhilfen an den Internationalen Währungsfonds (IWF) und die Europäische Zentralbank (EZB) zurückzahlen. Nach den jüngsten Äußerungen von Finanzminister Giannis Varoufakis bei der IWF-Frühjahrstagung in Washington gehen EU-Vertreter nun davon aus, „dass die Griechen letztlich bis Ende Juni durchhalten können“. Im Juli und August müsste das Land dann insgesamt neun Milliarden Euro aufbringen, um seine Verpflichtungen zu erfüllen - ohne Hilfe von außen ist das kaum zu schaffen.

Wieviel Geld kann Griechenland aus den Hilfsprogrammen noch bekommen?

Im bis Ende Juni laufenden zweiten Hilfsprogramm der Euro-Länder stehen noch 1,8 Milliarden Euro zur Verfügung. Zudem wurden Athen auch Zinsgewinne der Europäischen Zentralbank (EZB) mit griechischen Staatsanleihen in Höhe von 1,9 Milliarden Euro in Aussicht gestellt. Etwa 3,5 Milliarden Euro hat bis 2016 zudem der IWF noch an Griechenland zu vergeben. Insgesamt wären dies also rund 7,2 Milliarden Euro.

Was muss Athen tun, um Hilfsgelder zu erhalten?

Griechenland muss nicht nur bald Vorschläge für belastbare Reformen vorlegen, sondern auch sichtbar mit der Umsetzung begonnen haben. Eigentlich hängt „jegliche Auszahlung“ aus dem Hilfsprogramm nach einer Vereinbarung mit den Euro-Staaten vom 20. Februar davon ab, dass Athen der „Abschluss der Überprüfung“ des verlängerten Hilfsprogramms bescheinigt wird. Das ist aber kaum noch zu erwarten. Spekuliert wird deshalb inzwischen über Teilzahlungen vor diesem Zeitpunkt.

Wie versucht sich die griechische Regierung über Wasser zu halten?

Per Dekret hat Athen öffentliche Einrichtungen und Behörden in Griechenland am Montag aufgefordert, vorübergehend Reserven an die Zentralbank zu überweisen. Damit hoffe die Regierung, dringend benötigte Geldmittel für die Zahlung von drei Milliarden Euro für die kommenden zwei Wochen zusammen zu bekommen, heißt es in dem Dekret. Der Plan stößt aber insbesondere bei Regionen und Kommunen auf Widerstand.

Könnte Moskau Griechenland zu Hilfe kommen?

Athen setzt offenbar auf Geld aus Moskau im Zusammenhang mit einem Pipeline-Projekt, um kurzfristig seine Finanzlage zu verbessern und im Poker mit den Euroländern um die weitere Unterstützung bessere Karten zu haben. Nach Angaben der griechischen Regierung könnte Griechenland dabei in den kommenden Monaten für die Verlängerung der geplanten Gaspipeline Turkish Stream eine Vorauszahlung von drei bis fünf Milliarden Euro erhalten.

Ist nach Ende Juni ein drittes Hilfsprogramm nötig?

Viele Fachleute und Finanzpolitiker gehen davon aus, dass ein drittes Hilfspaket für Griechenland unumgänglich ist. Citigroup-Volkswirt Guillaume Menuet schätzt den Finanzbedarf dabei auf weitere 25 bis 50 Milliarden Euro. Die Athener Regierung will dagegen möglichst ohne weitere Unterstützung auskommen. Finanzminister Varoufakis spekuliert offenbar weiter auf einen teilweisen Schuldenerlass oder zumindest die Streckung von Rückzahlungsfristen. Damit stößt er aber bei den Euro-Ländern bisher auf taube Ohren.

Passiert ist folgendes: Griechenland befreit sich im Jahr 1829 in blutigen Kämpfen von der Herrschaft der Osmanen, wozu allerdings die Hilfe anderer Mächte wie Frankreich, Russland und England vonnöten ist. Die drei verordnen Griechenland nach seiner Unabhängigkeit, es solle eine Erbmonarchie errichten. Allerdings fehlt ein geeigneter Herrscher – jedenfalls bis der bayerische König Ludwig I. die Lage analysiert.

Er hat ein Faible für das Land am Mittelmeer, sieht eine Chance seinen politischen Einfluss zu vergrößern und schlägt kurzerhand seinen Sohn Otto als regierenden Monarchen für Athen vor. Die Großmächte stimmen zu, Otto kommt ins Amt und das Verhängnis nimmt seinen Lauf.

Die junge Monarchie ist finanziell nicht lebensfähig und Otto muss seinen Vater in den Jahren 1835 bis 1837 dreimal anpumpen, um nur einigermaßen über die Runden zu kommen. König Ludwig besorgt die Darlehen, zweimal sind es eine Million Franken, zum Schluss gibt es nochmal den gleichen Betrag in Gulden, was nach heutigem Wert einer hohen dreistelligen Millionensumme in Euro entspräche. Doch der König von Bayern ist, so sehr ihn auch manche Untertanin liebt, kein absoluter Herrscher. Im Landtag beschert ihm seine Freizügigkeit in Geld- und anderen Dingen zunehmend Ärger. 1848 wirft Ludwig I. hin und verzichtet auf den Thron.

Kommentare (2)

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Herr Marcus T.

27.04.2015, 07:32 Uhr

"1880 hat sich im Vergleich zur Regierungszeit des Märchenkönigs in Europa einiges getan."

Aus Sicht eines Bayern ein böses Foul, Herr Stock.
Ludwig I. von Bayern, der seinerzeit die Darlehen an GR vergeben hatte, war nicht der "Märchenkönig", sondern dessen Großvater und dankte bereits 1848 ab. Sein Enkel, König Ludwig II., also der echte Märchenkönig der ab 1868 die Schlösser Linderhof, Neuschwanstein, Herrenchiemsee bauen ließ und im Starnberger See ertrank regierte zu Zeiten Bismarck´s, also als die GR-Darlehen nach ca. 50 Jahren wieder getilgt wurden.

Als Strafe für diesen Fauxpas, den ihnen ein Monarchist im übrigen wohl nicht so schnell verzeihen würde, sollten Sie dringend ihren nächsten Urlaub in Altbayern verbringen und sich der heimischen Geschichte und den Lehren daraus widmen... ;-)

Herr Reinhold Lowin

29.04.2015, 12:35 Uhr

Ich darf an die "Lateinische Münzunion" erinnern. Auch da hat Griechenland seine Partner ganz geziehlt betrogen.
Es ist in der Tat so, daß dort ein leben auf Kostern anderer gute Tradition ist

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