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15.06.2012

17:38 Uhr

Griechenlands Linke

Alexis Tsipras: Ein Mann mit vielen Gesichtern

VonGerd Höhler

Tsipras will die griechische Politik und Gesellschaft von Grund auf erneuern. Der Sohn aus gutem Hause ist der mit Abstand jüngste griechische Parteiführer. Doch ein Anfänger ist er deshalb nicht.

Chef des Bündnisses der radikalen Linken: Alexis Tsipras. AFP

Chef des Bündnisses der radikalen Linken: Alexis Tsipras.

Er gilt als der neue Star auf der politischen Bühne Griechenlands: Alexis Tsipras, der Chef des Bündnisses der radikalen Linken (Syriza). Der 37-jährige Senkrechtstarter schaffte, was noch vor kurzem utopisch schien: bei der Wahl vom 6. Mai konnte er den Stimmenanteil seiner Partei gegenüber 2009 fast vervierfachen. Am Sonntag wird in Griechenland erneut gewählt, und nun liegt Syriza in manchen Meinungsumfragen sogar auf dem ersten Platz.

Wenn Tsipras bei seinen Wahlkundgebungen die geballte Faust schwingt und gegen das „Memorandum“ wettert, wie man in Griechenland die Konsolidierungsauflagen der EU nennt, dann klingt das gut für viele Griechen, die wegen des Sparkurses Einkommenseinbußen erlitten oder sogar ihren Job verloren haben. Reden kann der Demagoge Tspiras, keine Frage. Aber kann er auch regieren?

Der kometenhafte Aufstieg treffe die Partei völlig unvorbereitet, meinen manche Beobachter. Zumal Syriza ein Bündnis aus zwölf mitunter heftig widerstreitenden Gruppierungen ist. Darunter sind politische Sekten wie die trotzkistische „Internationale Werktätige Linke“ oder die maoistische „Kommunistische Organisation Griechenlands“. Keiner der maßgeblichen Syriza-Politiker verfügt über Regierungserfahrung. Auch Tsipras brachte es bisher nur zu einem 2006 gewonnenen Sitz im Athener Stadtrat.

Er ist der mit Abstand jüngste griechische Parteiführer, aber er ist kein politischer Anfänger. Der Sohn aus gutem Hause war schon Anfang der 90er Jahre als Mitglied der kommunistischen Jugend aktiv, organisierte an seinem Gymnasium im Athener Stadtteil Ambelokipi Streiks und Schulbesetzungen, trat mit radikalen Sprüchen in Fernseh-Talkshows auf.

Welche Parteien bei der Griechenland-Wahl eine Chance haben

Nea Dimokratia (ND)

Die Konservative Partei wird vom Ökonomen Antonis Samaras geführt. Die Partei hatte Griechenland 1981 in die damalige Europäische Gemeinschaft geführt und spricht sich vehement für den Verbleib des Landes im Euroland aus. Samaras hat den Gläubigern des Landes versprochen, am Sparprogramm für Griechenland festzuhalten. Nach den schweren Verlusten vom 6. Mai setzt sich die ND für eine Lockerung des Sparprogramms ein. Umfragen erwarten ein Kopf-an-Kopf-Rennen der Nea Dimokratia mit dem Bündnis der Radikalen Linken (Syriza).

Bündnis der Radikalen Linken (Syriza)

Ein buntes Bündel linker Bewegungen, das sogar mit der extrem Linken liebäugelt. Syriza ist zwar für den Verbleib in der EU und dem Euroland. Athen sollte aber einseitig erklären, dass es seine Schulden nicht bezahlen wird. Parteichef Alexis Tsipras hatte das Bündnis bei den Wahlen am 6. Mai zur zweitstärksten Kraft im Land gemacht. Die Syriza konnte sich auf 16,8 Prozent steigern (2009: 4,7 Prozent).

Panhellenische Sozialistische Bewegung (Pasok)

Die im November 2011 abgelösten Sozialisten unter ihrem neuen Chef Evangelos Venizelos sind wie die Konservativen für den Verbleib Griechenlands in der Eurozone. Dafür müsse das Sparprogramm konsequent durchgesetzt werden. Nach dem Erfolg des Linksbündnisses fordern nun auch die Sozialisten eine Lockerung des Sparprogramms. Umfragen sagen den Sozialisten weitere Verluste voraus. Demnach dürften sie nur noch drittstärkste Kraft im neuen Parlament mit rund 13 Prozent oder sogar darunter werden (2009: 44 Prozent).

Kommunistische Partei Griechenlands (KKE)

Die Hardliner- Kommunisten sprechen sich offen für den „Austritt Griechenlands aus der Eurozone und der EU jetzt“ aus. Kein Cent solle an die Gläubiger gezahlt werden. Die Partei liegt in Umfragen bei etwa sieben Prozent.

Unabhängige Griechen (AE)

Ein Abspaltung aus der konservativen Nea Dimokratia. Die Führung der Unabhängigen Griechen meint, das Land sei „besetzt“ von den Geldgebern und müsse „befreit“ werden. Athen sollte nichts an die Banken zurückzahlen. Die Partei ist ausländerfeindlich und fordert zudem deutsche Reparationszahlungen aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Umfragen zeigen, dass auch diese Partei bis etwa sechs Prozent bekommen könnte.

Demokratische Linke (DA)

Eine Abspaltung aus dem Bündnis der Linken. Die gemäßigten Linken setzen sich für den Verbleib im Euroland ein. Umfragen geben dieser Partei etwa bei fünf Prozent.

Goldene Morgenröte (XA)

Eine rassistische, ausländerfeindliche und faschistische Partei. Die Partei spricht sich für die „Vertreibung“ aller Migranten aus Griechenland aus. Viele ihrer Mitglieder sind gewaltbereit. Umfragen sehen die Ultrarechten bei 4,5 Prozent.

Andere Parteien

Die Ökologen, die freidemokratische Aktion-Partei und die Völkische Orthodoxe Gesamtbewegung (LAOS) müssen um ihren Einzug ins Parlament zittern. Darüber hinaus gibt es zahlreiche Parteien und Protestbewegungen, wie etwa die griechischen Piraten, die bislang noch keinen Erfolg hatten, sowie Maoisten und andere linke und rechte Splitterparteien.

Schon damals konnte man Tsipras einen Mangel an Selbstbewusstsein nicht vorwerfen. Heute genießt er es sichtlich, wenn ihn ausländische Medien als „griechischen Che Guevara“ bezeichnen. Dass Tsipras in der globalen Liga spielen will, erfuhren kürzlich auch die in Athen akkreditierten Botschafter der EU-Staaten. Eine gemeinsame Einladung der Diplomaten zu einem Hintergrundgespräch schlug Tsipras aus. Stattdessen beraumte er ein Treffen mit den Botschaftern der G-20-Staaten an. Einen „Hang zum Größenwahn“ attestiert die Zeitung „To Vima“ dem Polit-Star.

Nach dem überraschenden Wahlerfolg im Mai brach Tsipras nach Paris und Berlin auf, um sich vorzustellen. Aber die erhoffte Verabredung mit dem neu gewählten französischen Präsidenten Francois Hollande kam nicht zustande. Tsipras verspottete den französischen Staatschef daraufhin als „Hollandreou“ – eine Anspielung auf den gescheiterten griechischen Premier Giorgos Papandreou.

Umfrage unter Ökonomen : Griechenlands Stunde Null

Umfrage unter Ökonomen

Griechenlands Stunde Null

Für die Griechen geht es bei der Wahl am Sonntag um alles oder nichts.

Dass Hollande dann den griechischen Sozialistenchef Evangelos Venizelos zu einem langen Gespräch empfing, war für Tsipras erst recht demütigend. Auch in Berlin blitzte Tsipras ab. Die Linke arrangierte für ihn zwar einen Auftritt in der Bundespressekonferenz. Aber Kanzlerin Merkel empfing ihn nicht. Tsipras bezeichnet Merkel  gern verächtlich als „Madame“, was im Griechischen eine Anrede aus dem Rotlichtmilieu ist. SPD-Chef Sigmar Gabriel nahm sich zwar ein wenig Zeit für den Gast aus Athen, ermahnte ihn aber kühl, die Sparzusagen einzuhalten. Die Reise nach Frankreich und Deutschland dürfte Tsipras nicht in guter Erinnerung haben. Das Klima sei in beiden Hauptstädten „eisig“ gewesen, heißt es in der Umgebung des Syriza-Chefs.

Kommentare (3)

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gerhard

15.06.2012, 19:42 Uhr

Das kleine Griechenland sitze am längeren Hebel, erklärt Tsipras – weil es so riesige Schulden hat. Die Geldgeber könnten das Land deshalb gar nicht fallenlassen.(Zitat)

Eine sehr interessante Meinung von Tsipras – wie Griechenland also hofft- dass die anderen europäischen Länder mit dem Prinzip „weiter so“ gar keine andere Chance haben. Natürlich ist jetzt Europa gefragt, wie verhalten sich die anderen EU- Staaten wohl nach der Wahl. Europa hat nämlich noch gar keine feste Position bezogen, wie sie mit Griechenland in naher Zukunft umgehen wird. Die Zeit löst aber nicht automatisch das Problem. Und Europa spricht nicht mit einer Stimme und das wird zu einem gewissen Problem werden, denn halbe Sachen kann sich die EU eigentlich jetzt nicht mehr leisten!

Kroisos

15.06.2012, 22:17 Uhr

Ich hege keine Sympathie für Tsipras. Auch weil ich mehr weiss, als die internationale Presse bisher über ihn veröffentlicht hat. Aber im Hinblick auf die mehr oder weniger erzwungenen kreditfinanzierten Militärausgaben, würde ich den deutschen bzw. auch französischen Politikern auch den Finger zeigen ....wenn ich denn am Abgrund stehen würde. Wer bürgt wird gewürgt.

filmdenken.de

17.06.2012, 19:24 Uhr

Alexis Tsipras hat wohl noch mehr Gesichter ... Die Figur des Oppositionellen wird derzeit mit einer denkwürdigen Kontinuität besetzt. Vielleicht ist auch das nur ein Theater, das bestimmten Zwecken nutzt ...
http://filmdenken.de/gesichterwissen/blog/alexis-tsipras-julian-assange-rebellen-oppositionelle.htm

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