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30.10.2013

13:39 Uhr

Griechische Abhörpraktiken

„Bei der Drecksarbeit gehören wir zu den Besten“

VonGerd Höhler

Der griechische Geheimdienst ist im eigenen Land berüchtigt für Abhöraktionen. Laut Ex-Außenminister Pangalos hat Griechenland jahrelang den US-Botschafter abgehört. Telefon-Spionage hat im Land eine lange Tradition.

Griechisches Wahrzeichen Akropolis: Auch die Griechen sind in Sachen Spionage nicht faul. dapd

Griechisches Wahrzeichen Akropolis: Auch die Griechen sind in Sachen Spionage nicht faul.

AthenDie US-Botschaft in der griechischen Hauptstadt Athen soll zu einem Netzwerk von Abhörstationen gehören, mit dessen Hilfe die US-Geheimdienste rund um den Globus Telefonate und andere Kommunikationsmittel belauschen. Aber auch die Griechen sind nicht faul: Ihr Geheimdienst EYP habe das Telefon des US-Botschafters abgezapft, enthüllte jetzt der frühere griechische Außenminister Theodoros Pangalos.

Das Botschaftsgebäude der Vereinigten Staaten an der Athener Königin-Sofia-Allee ist eines der wenigen architektonischen Highlights im modernen Athen. Die Kanzlei wurde zwischen 1956 und 1961 nach Plänen des berühmten Bauhaus-Architekten Walter Gropius errichtet. Aber ein merkwürdiger Aufbau verschandelt die klaren, klassischen Linien des Gebäudes. Auf dem Flachdach befindet sich seit einigen Jahren eine Art Verschlag.

Die fensterlose Baracke ist sowohl von einer Seitenstraße aus zu sehen, wie auch auf Luftbildern und bei Google Earth und Maps. Der Aufbau steht auf der südwestlichen Ecke des Dachs. Von hier sind wichtige Gebäude des Athener Regierungsviertels – der Amtssitz des Premierministers, das Palais des Staatspräsidenten, das Außenministerium und das Parlamentsgebäude, in dem das Kabinett tagt, nur rund drei Kilometer Luftlinie entfernt – zu sehen. Auch eine Anzahl von Botschaftsgebäuden befindet sich in direkter Sichtverbindung, darunter die Vertretungen Deutschlands, Großbritanniens, Frankreichs, Italiens, Ägyptens, der Türkei und Kanadas sowie die Vertretung der EU-Kommission in Athen.

Wo die NSA im Ausland spioniert hat

Frankreich

Für Empörung sorgt diese Woche ein Bericht der französischen Tageszeitung „Le Monde“, wonach die NSA allein innerhalb eines Monats – zwischen dem 10. Dezember 2012 und dem 8. Januar 2013 – 70,3 Millionen Telefonverbindungen in Frankreich überwachte. Bereits Anfang Juli hatte der britische „Guardian“ berichtet, der Geheimdienst habe unter anderem Frankreichs diplomatischen Vertretungen in Washington und bei den Vereinten Nationen in New York ausgespäht. Im September berichtete der „Spiegel“ auch von Spähangriffen gegen das französische Außenministerium in Paris.

USA

Die „Washington Post“ und der „Guardian“ berichten Anfang Juni, die NSA und die US-Bundespolizei FBI würden auf Serverdaten der großen Internetkonzerne wie Yahoo, Facebook, Google und Microsoft zugreifen. Der Name des geheimen Überwachungsprogramms: Prism.

Großbritannien

Der „Guardian“ berichtet Mitte Juni unter Berufung auf die Snowden-Dokumente, der britische Geheimdienst habe vor vier Jahren Delegierte von zwei in London stattfindenden G-20-Treffen ausgespäht. Ziele waren demnach die Delegationen Südafrikas und der Türkei. Die NSA soll bei der Gelegenheit versucht haben, ein Satelliten-Telefongespräch des damaligen russischen Präsidenten Dmitri Medwedew nach Moskau abzuhören.

EU und Uno

In seiner Ausgabe vom 1. Juli berichtet der „Spiegel“, die NSA habe in EU-Vertretungen in Washington, New York und Brüssel unter anderem Wanzen installiert. Auch sollen interne Computernetzwerke infiltriert worden sein. Ende August berichtet der „Spiegel“, die NSA habe auch die Zentrale der Vereinten Nationen in New York ausspioniert. Dem Geheimdienst gelang es demnach, in die interne Videokonferenzanlage der Uno einzudringen.

Brasilien

Der brasilianische Sender „Globo“ berichtet Anfang September, die NSA habe Telefonate und Internetkommunikation von Staatschefin Dilma Rousseff und ihren Mitarbeitern überwacht. Auch Unternehmen wie der Ölkonzern Petrobras und Millionen brasilianischer Bürger sollen ausgespäht worden sein. Verärgert verschiebt Rousseff einen für Oktober geplanten Staatsbesuch in den USA auf unbestimmte Zeit.

Mexiko

Der „Spiegel“ berichtet diese Woche, schon 2010 sei es einer NSA-Spezialabteilung gelungen, in das E-Mail-Konto des damaligen mexikanischen Präsidenten Felipe Calderón einzudringen. Calderóns Nachfolger Enrique Peña Nieto forderte Anfang September Erklärungen von den USA, nachdem Globo berichtet hatte, die NSA habe ihn während des Wahlkampfs 2012 ausgespäht.

China

In einem Interview mit der Zeitung „South China Morning Post“ aus Hongkong gibt Snowden an, die NSA hätten chinesische Mobilfunk-Konzerne gehackt und Millionen von SMS ausgespäht. Demnach verübte die NSA auch Cyber-Attacken auf die Tsinghua-Universität in Peking. Dort sind sechs zentrale Netzwerk-Schaltstellen untergebracht, über die Chinas gesamter Internetverkehr läuft.

Fachleute vermuten, dass sich in der hellgrauen, fensterlosen Hütte auf dem Dach des US-Botschaftsgebäudes jene Abhöreinrichtungen befinden, mit denen die Amerikaner Mobilfunknetze, WLAN-Netze, Satellitentelefone und andere Formen der Kommunikation ausspähen können.

Doch bevor die griechischen Medien so richtig in das brisante Thema eingestiegen waren, meldete sich Theodoros Pangalos zu Wort. Der 75-Jährige ist ein politisches Urgestein in Griechenland, sitzt seit 1981 ununterbrochen im Parlament und hatte zahlreiche Regierungsämter inne, darunter in den Jahren 1996 bis 1999 auch das des Außenministers. Wenn sich der schwergewichtige Pangalos äußert, greifen die Reporter zum Notizblock, denn meist kommt eine Schlagzeile dabei heraus – etwa wenn Pangalos, wie 1993, das wiedervereinigte Deutschland als „Riesen mit der Kraft eines Ungeheuers und dem Verstand eines Kindes“ bezeichnet oder von türkischen Politikern als „Räubern, Mördern und Vergewaltigern“ spricht.

Kommentare (7)

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norbert

30.10.2013, 14:01 Uhr

Täte mich nicht wundern, wenn Siemens die dazugehörige Technik geliefert hätte ...

no_bebo

30.10.2013, 14:50 Uhr

Kann man diese Baracken auf den Botschaftsgebäuden (in Athen, Berlin, Genf etc.) nicht mit harter Strahlung "schädigen"? Ganz unverdächtig.

Franz

30.10.2013, 15:41 Uhr

Es ist wirklich erstaunlich, ...

wie freimütig Herr Pangalos über seine Untaten spricht, während Obama und Cameron nur das zugeben was nicht mehr zu leugnen ist. Das sieht nach Hilfe unter Verbündeten aus - ihr habt uns beim Schummeln geholfen also geben ich euch nun politische Rückendeckung.

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