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29.10.2011

17:52 Uhr

Griechische Rentner

„Merkel soll uns nicht noch mehr Euros wegnehmen“

VonDiana Fröhlich

Die griechischen Rentner haben Angst. Nicht vor der eigenen Regierung, sondern vor der deutschen Kanzlerin. Ein Besuch bei zwei älteren Damen in Athen.

Griechische Rentner protestieren gegen Reformen. dpa

Griechische Rentner protestieren gegen Reformen.

AthenDie deutsche Kanzlerin solle ihnen nicht noch mehr Euros wegnehmen, da sind sich Elisabetha Koukoumelou (75) und Jakomina Pateraki (76) einig.

Noch können die beiden Schwestern recht gut von dem Geld leben, dass sie erhalten – trotz Angela Merkel. Mit 60 Jahren haben sie aufgehört, für die Papierfabrik ihres Bruders zu arbeiten. Immerhin 550 Euro monatlich bekommt jede von ihnen, abzüglich Wasser, Strom, Kleidung und Lebensmitteln bleibe ihnen aber nur selten ein kleines Taschengeld für die Enkel übrig.

Und es macht sie richtig wütend, dass sie seit Dezember vergangenen Jahres auf einen Teil ihrer Ansprüche komplett verzichten müssen: Denn seitdem ist ihre Rente von 14 Zahlungen jährlich auf zwölf geschrumpft. Ob das erst der Anfang war? „Wir leben mit der ständigen Unsicherheit. Irgendwann landen wir noch auf dem Niveau von Ländern wie Bulgarien“, empören sich die Frauen.

Dabei müssen sie sich noch nicht einmal um die Miete Sorgen machen. Sie leben schon seit vielen Jahren in Eigentumswohnungen in der Athener Innenstadt. Beide sind längst abbezahlt. Elisabetha Koukoumelou und Jakomina Pateraki schwelgen nicht im Luxus, aber sie wissen, dass es ihnen im Gegensatz zu vielen anderen ihrer Generation recht gut geht.

Ergebnisse des Euro-Krisengipfels

Neue Kredite

Griechenland soll vom europäischen Krisenfonds für wackelnde Eurostaaten (EFSF) Kredite zu niedrigen Zinssätzen von rund 3,5 Prozent bekommen. Die Laufzeiten der Kredite sollen von bisher siebeneinhalb Jahren auf 15 bis 30 Jahre gestreckt werden. Ein umfangreiches Wachstums- und Investitionsprogramm soll Griechenland in Zusammenarbeit mit der EU-Kommission wieder auf die Beine bringen. Der Internationale Währungsfonds (IWF) wird angehalten, sich am Hilfsprogramm zu beteiligen. Auch die Laufzeiten der Kredite aus dem bereits existierenden Rettungsprogramm von 2010 sollen deutlich verlängert werden.

Einbeziehung von Banken

Der Finanzsektor wird sich auf freiwilliger Basis mit einer Reihe von Optionen an der Rettung Griechenlands beteiligen. Der Nettobeitrag der Banken soll bei 37 Milliarden Euro liegen - für die Zeit von jetzt bis 2014. Zusätzlich wird ein Betrag von 12,6 Milliarden Euro genannt für ein Schuldenrückkaufprogramm. Legt man den Zeitraum von 2011 bis 2019 zugrunde, beträgt der Nettobeitrag des privaten Sektors laut Abschlusserklärung 106 Milliarden Euro.

Neue Aufgaben für Krisenfonds

Der EFSF-Fonds bekommt neue Aufgaben. Er kann künftig zum Ankauf von Staatsanleihen genutzt werden - aber unter strikten Bedingungen. Zudem soll der Rettungsfonds vorbeugende Programme für Wackelkandidaten im Eurogebiet auflegen dürfen. Der EFSF wird nicht aufgestockt.

Irland und Portugal

Auch für Portugal und Irland, die ebenfalls von milliardenschweren Hilfsprogramm der Partner profitieren, sollen die Ausleihbedingungen des EFSF gelten.

Budgetdefizite

EU-weit sollen Budgetdefizite bis 2013 möglichst auf unter drei Prozent gedrückt werden. Das Sparpaket Italiens, mit dem dies bis 2012 erreicht werden soll, fand lobende Worte. Ebenso wurden die Reformanstrengungen von Spanien begrüßt.

Banken-Stresstests

Für durchgefallene Banken sollen die Euro-Länder entsprechende Auffangmaßnahmen bereitstellen.

Wirtschaftliche Koordination

Bei der geplanten Wirtschaftsregierung machen die Staats- und Regierungschefs Druck: Die seit Anfang Juli amtierende polnische EU-Präsidentschaft hat den Auftrag, die festgefahrenen Verhandlungen mit dem Europäischen Parlament voranzubringen.

Rating-Agenturen

Die Regierungschefs sind sich einig, dass die Macht der Rating-Agenturen eingedämmt werden muss. Vorschläge der Kommission zum Umgang mit den Agenturen werden erwartet. Außerdem wollen die Europäer eine eigene international bedeutende Ratingagentur etablieren.

Krisenmanagement

In der Eurozone soll das Krisenmanagement verbessert werden. Bis Oktober sollen EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy, Kommissionspräsident José Manuel Barroso und der Vorsitzenden der Eurogruppe, Jean-Claude Juncker, konkrete Vorschläge machen.

Zu verdanken haben sie das vor allem ihrem Bruder, der seine 150 Mitarbeiter von Beginn an vernünftig versichert habe, erzählen sie. Und überhaupt sei die Familie gerade im Alter sehr wichtig. „Wir müssen zusammen halten, uns gegenseitig helfen“, sagt die ältere der beiden. Im Grunde werfen sie ihre Renten jeden Monat in einen Topf und gucken, was sie sich davon leisten können.

Über die Bankangestellten, die in Ausnahmefällen schon mit 40 Jahren in Rente gehen können und dann nebenbei weiterarbeiten und abkassieren, regen sich die beiden Damen gerne auf. Sie wissen, dass man auf diese Weise ein Land kaputt macht – und verweisen darauf, dass sie selbst jahrzehntelang in die Rentenkasse eingezahlt haben: So seien sie heute zwar nur untere Mittelschicht, aber sie hätten sich eben auch nichts vorzuwerfen.

Kommentare (32)

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kriegundfrieden

29.10.2011, 18:25 Uhr

Es ist halt ein alternativloses Friedensprojekt und Deutschland schwelgt im Reichtum. Es geht uns gut.

Account gelöscht!

29.10.2011, 18:46 Uhr

Tja, die griechischen Medien werden wohl kaum darüber berichten, dass ihr Land ihre Beamten mit 53 in die Vollrente mit 130% Bezügen schickt und die Lokführer um die 7500 Euro pro Monat verdienen, etc.

Da ist es schon besser das Feindbild des häßliche Deutschen mal wieder stärker zu bemühen! Armes Griechenland, aber für mich gestorben!

EinBuerger

29.10.2011, 18:53 Uhr

Klar, die griechischen Medien erzählen den Bürgern natürlich nicht die Wahrheit, nämlich dass beim Leistungsbilanzdefizit Griechenlands niemand den Griechen etwas wegnimmt, sondern dass Europa es sich nicht leisten kann Griechenland auf ewig durchzufüttern.
Unter dieser Wahrheit würde wohl der Stolz der Griechen zu sehr leiden. Also besser ein Feindbild aufbauen.
Toll, wie der Euro Frieden und Freundschaft nach Europa bringt.

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