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03.06.2011

11:52 Uhr

"Griechischer als die Griechen"

Die kranke Wirtschaftsmacht USA

Quelle:Zeit Online

Amerika steckt in einem Schuldensumpf von 14 Billionen Dollar und erstickt in Sorgen. Das Problem ist nicht die Wirtschaft, die Gesellschaft ist zerrissen. Bricht das Land auseinander?

Ein Obdachloser in New York: Amerika ist in Arm und Reich gespalten. Quelle: ap

Ein Obdachloser in New York: Amerika ist in Arm und Reich gespalten.

New YorkDer Bund ist mit fast 100 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung verschuldet. Im dritten Jahr in Folge gibt der Staat so viel aus, dass sich allein sein aktuelles Defizit auf rund zehn Prozent beläuft. Trotzdem wächst die Wirtschaft nur zögerlich und kreiert unter dem Strich kaum Jobs.

Was so bedrückend nach Griechenland klingt, sind die Kerndaten der Vereinigten Staaten von Amerika anno 2011. Das kleine Griechenland hält die Finanzwelt in Atem, obwohl doch das große Land 6.000 Kilometer weiter westlich ebenfalls unter seinen Schulden zusammenbrechen könnte. Jedenfalls mangelt es nicht mehr an Warnzeichen. Die Rating-Agentur Standard & Poor's warnt, seine Bewerter müssten das führende Land der Welt herunterstufen, wenn es die Schuldenwende nicht bald schaffe. Das führende Investmenthaus Pimco trennt sich von US-Staatsanleihen. Zu gefährlich, sagt ihr Anlage-Guru. Und das wirtschaftshistorische Gewissen Amerikas, die Washingtoner Ökonomin Carmen Reinhart, kann sich ein Szenario vorstellen, "in dem sich die USA eines Tages gezwungen sehen, mit ihren Gläubigern die Schulden neu zu verhandeln".

Harte Worte sind das, die jedoch ihre Wirkung verfehlen. Die bei jeder Gelegenheit aufregungsbereite Welt weigert sich in diesem Falle, Angst zu haben. Für immer noch historisch niedrige Zinsen leiht sie den Vereinigten Staaten weiter die nötigen Milliarden - und mehr. Allein China hält weit mehr als eine Billion Dollar in amerikanischen Schuldpapieren. Mögen die USA ihre öffentlichen Schulden in den vergangenen acht Jahren auch auf über 14 Billionen Dollar verdoppelt haben, das Vertrauen ihrer allermeisten Gläubiger haben sie noch nicht eingebüßt.

Es ist das Vertrauen in eine Nation, die sich in den vergangenen 100 Jahren noch aus jeder finanziellen Klemme befreit hat, deren Niedergang mehrfach besiegelt schien und die dann umso stärker aus der Krise hervorging. Aus der Depression der dreißiger Jahre ebenso wie aus dem Schuldendesaster der achtziger Jahre samt dem 1987er Börsencrash oder aus dem Zusammenbruch der New Economy vor gerade einmal zehn Jahren. Stets hat sich Amerika gesundgestoßen, dank am Ende pragmatischer Politiker und genialer Erfinder - und weil die Welt mitbezahlte, wenn Amerika seine Schulden herunterinflationierte.

Was also sollte diesmal anders sein?

Die Antwort: gefährlich viel! Die größte Schwäche hat sich über die vergangenen zwanzig Jahre in die amerikanische Gesellschaft gefräst. Ihr fehlt die Mitte. Rasant haben sich die Reichen und die Armen im Land auseinanderentwickelt, so rasant, dass das oberste Prozent der Bürger fast ein Viertel aller Einkommen an sich zieht - doppelt so viel wie vor 25 Jahren. Amerika wuchs zuletzt fast nur noch für seine Reichen, die mittleren und unteren Schichten büßten im Schnitt sogar Kaufkraft ein. Und Jobs dazu.

Immer noch, nach drei Jahren der Konjunkturankurbelung, beklagen die USA eine Arbeitslosigkeit von neun Prozent. Fast die Hälfte der Jobsucher ist schon länger als sechs Monate ohne Broterwerb, ein echtes Armutszeugnis für das flexibelste Industrieland der Welt. Und noch eine Zahl gehört hierher: Rund ein Viertel der Männer ohne College-Abschluss zwischen 25 und 54 Jahren lebt joblos. Eine Besonderheit Amerikas war lange Zeit, dass die Unterklasse arbeitete, egal, was geschah. Jetzt muss der Staat für sie einstehen, und das kann er sich eigentlich gar nicht leisten.

Kommentare (3)

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keeper

03.06.2011, 16:12 Uhr

"Die bei jeder Gelegenheit aufregungsbereite Welt weigert sich in diesem Falle, Angst zu haben. Für immer noch historisch niedrige Zinsen leiht sie den Vereinigten Staaten weiter die nötigen Milliarden - und mehr."

das würde ich mal als klare Fehlinterpretation deuten...
... Fakt ist, daß in den letzten 12 Monaten 70-75 Prozent der US-Staatsanleihen von der US-Notenbank FED gekauft werden mussten - da es sonst -bis auf China(kauft inoffiziell über London) und einige andere Notenbanken- keine Käufer für diese "Trashuries" mehr gibt.
Und diese Staaten sind auch nicht dumm - nur: sie wissen um die Gefahr eines US-Staatsbankrotts,
und da deren Volkswirtschaften fundamental am US-Konsum hängen,
stecken die dort halt das Geld rein - Hauptsache, die Entwicklung (technologisch und gesellschaftlich) im eigenen Lande geht weiter. so lange wie möglich.

... dementsprechend falsch ist auch die Annahme,
die Weltwirtschaft könne einen kurzen Ausfall der US-Nachfrage schon verkraften,
und durch steigende nachfrage in China kompensieren.
das Gegenteil ist der Fall:
wenn China weniger in die USA verkaufen können,
dann heißt dies zwangsläufig auch weniger Wachstum in China.


Moika

03.06.2011, 16:41 Uhr

Vielen Dank an das HB, diesen guten Beitrag aus der Zeit hier eingestellt zu haben.

Es gibt in den USA aber nicht nur das über die finanzielle Situation definierte gesellschaftliche Problem mit der Gefahr des Auseinaderbrechens.

Ich kenne den Süden der USA sehr gut und mußte schon vor Jahren erstaunt feststellen, daß von Florida über New-Mexico bis Texas in weiten Regionen das Englische als Amtssprache faktisch durch die spanische Sprache abgelöst worden ist. Der in Teilen immer noch ungebremste Zuzug von Mittel- und Südamerikanern in die Vereinigten Staaten wird in wnigen Jahren ein weiteres und sehr schwerwiegendes Problem in den Focus rücken: Ein ethnisches Problem.

Vor fünf Jahren sagten mir politisch aktive Hispanos klipp und klar: Wir werden irgendwann die Mehrheit der Wähler hier stellen. Geht Washington dann auf unsere Forderungen nicht ein, könnten wir uns überlegen, uns von den USA loszusagen. Dieses drohende Problem hat die Regierung zwar schon lange erkannt, aber sie unternimmt nichts.

Und ein weiteres Problem drückt dieses Land: Rund 40% der produzierenden Betriebe sind von der maschinellen Ausstattung her einfach hoffnungslos überaltert. Viele dieser Unternehmen können sich nur noch dank der günstigen Darlehen notdürftigst über Wasser halten und leben von der Hand in den Mund - viele werden dieses Jahr nicht überleben. Wo da die gewünschten neuen und zusätzlichen Arbeitsplätze herkommen sollen, wird mir ein Rätsel bleiben.

Account gelöscht!

03.06.2011, 22:20 Uhr

Daß die Amerikaner Pleite sind würde nicht mal Gott himself abnehmen. Momentan würde ihm auch nicht abnehmen, wenn er behaupten würde, Europa ist nicht Pleite. Es ist zwar alles bezahlt, aber für mehr und für die Zukunft ist kein Kapital und auch Humankapital vorhanden.

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