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23.07.2014

17:18 Uhr

Grobschlächtige Propaganda

Kriegs-Kinderbücher für den Soldaten von morgen

Millionen Kinder wurden im Ersten Weltkrieg geprägt, auch weil ihnen die Grausamkeiten der Front nicht vorenthalten wurden. Der Horror wurde in Kinderbüchern nahegebracht. Auch, um die Kinder zu instrumentalisieren.

Ein Junge bringt am 01.08.1914 während des Ersten Weltkrieges den Koffer und das Gewehr seines Vaters zum Bahnhof. dpa

Ein Junge bringt am 01.08.1914 während des Ersten Weltkrieges den Koffer und das Gewehr seines Vaters zum Bahnhof.

FrankfurtWas bekamen Kinder in Deutschland vom Ersten Weltkrieg zu sehen? Kinderbücher von damals erzählen Geschichten zum Krieg, sie verherrlichen ihn oder zeigen drastisch seine Realität. „Ganz grausam“, sagt Hans-Heino Ewers vom Institut für Kinder- und Jugendbuchforschung an der Goethe Universität in Frankfurt am Main.

Dort sind solche historischen Dokumente bis zum 15. Juli in einer kleinen, beeindruckenden Ausstellung zu sehen. „Die Propaganda ist wahnsinnig grobschlächtig in diesen Büchern“, sagt Ewers. Krieg und Nationalismus werden für Kinder vereinfacht. Auf den vergilbten Seiten in den Vitrinen prangen kräftige Bilder und Worte, mit denen die Schlachten der Großen nahegebracht werden sollen.

Bekannte Künstler und Schriftsteller

Zeitzeugen

Bekannte Künstler und Schriftsteller nahmen am Ersten Weltkrieg teil. Ein Überblick:

Max Beckmann

Er meldet sich freiwillig zum Sanitätsdienst. Im Sommer 1915 erleidet Beckmann aufgrund seiner Erlebnisse mit Kriegsopfern einen Nervenzusammenbruch.

Otto Dix

Der Kriegsfreiwillige war 1914 bis 1918 Soldat bei der Feldartillerie sowie als MG-Schütze in Frankreich und Russland. Als Unteroffizier meldet er sich gegen Kriegsende noch zu einer Fliegerausbildung. Das Grauen des Krieges wird zum Grundbestandteil seiner Bilder.

Alfred Döblin

Der Kriegsfreiwillige war 1914 bis 1918 Soldat bei der Feldartillerie sowie als MG-Schütze in Frankreich und Russland. Als Unteroffizier meldet er sich gegen Kriegsende noch zu einer Fliegerausbildung. Das Grauen des Krieges wird zum Grundbestandteil seiner Bilder.

Georg Grosz

Er versucht, seine Kriegserlebnisse mit düsteren Zeichnungen von mit Leichen übersäten Schlachtfeldern zu verarbeiten. Wegen einer Krankheit wird er 1915 als dienstuntauglich aus der Armee entlassen.

Ernst Ludwig Kirchner

Er wird im Oktober 1915 wegen einer Lungeninfektion und allgemeiner Schwäche krankgeschrieben. Kirchner erholt sich nie von seinen Kriegserlebnissen.

Oskar Koroschka

Der Kriegsfreiwillige beim 15. österreichisch- ungarischen Dragonerregiment wird 1915 an der ukrainischen Front durch Kopfschuss und Bajonettstich in die Brust schwer verwundet. 1916 wird er beim Einsatz an der Italien-Front erneut verletzt.

Wilhelm Lehmbrück

Der Bildhauer meldet sich freiwillig zum Dienst als Sanitätsgehilfe in einem Militärhospital. Gezeichnet von den Schrecken des Krieges, flieht er in die Schweiz. 1919 begeht er in Berlin Selbstmord.

August Macke

Er wird am 3. August 1914 zum Militärdienst eingezogen und fällt nur wenige Wochen später am 26. September in einem Gefecht in der französischen Champagne.

Max Pechstein

Der Maler wird vom Ausbruch des Krieges in der deutschen Kolonie Palau-Inseln im Pazifik überrascht und gerät in japanische Gefangenschaft. 1915 freigelassen, kehrt er nach Deutschland zurück. In Berlin findet er seine Wohnung besetzt und sein Atelier geräumt. Bis 1916 leistet Pechstein dann Militärdienst an der Westfront in Flandern.

Georg Trakl

Der Lyriker meldet sich im August 1914 als Freiwilliger Sanitäter und erlebt an der Ostfront den Krieg zwischen Österreich-Ungarn und Russland. Als Sanitätsoffizier hat er zeitweise rund 100 Menschen allein zu versorgen und erleidet in der Folge einen Nervenzusammenbruch. Im Militärlazarett Krakaus stirbt Trakl am 3. November 1914 an einer Überdosis Kokain.

Ewers deutet auf die Verse in einem Buch mit schwarzen Scherenschnitten: „Der Russenlaus erklärten wir den Krieg. Der Kampf war hart, uns blieb der Sieg. Kommen noch Überläufer bei Nacht, die werden im Nahkampf unschädlich gemacht“, liest man dort. Die rassistische Darstellung der Feinde, sagt Ewers, sei ein verheerendes Kapitel dieser Zeit.

Die Zeichnungen in den Bilderbüchern sind dem heutigen Betrachter fremd. Nicht nur, weil die Farben, Kleider und Formen aus einer anderen Zeit stammen. Sondern auch, weil so viele Soldaten zu sehen sind: „Es ist oft eine Mischung aus Niedlichkeit und Kriegsverherrlichung“, sagt Maria Linsmann, Leiterin des Bilderbuchmuseums im rheinischen Troisdorf.

Zu Kriegsbeginn schreiten oder reiten die Soldaten noch heroisch und stolz über die Seiten. Es sind zunächst die Infanteristen und Reiter des 19. Jahrhunderts. Wer 1914 Bilderbücher macht, kennt die Front des industriellen Kriegs noch nicht.

„Das Hurra hat sich verkauft“, berichtet Ewers. In den verherrlichenden Büchern sterben die Deutschen nicht. Da ist stattdessen „klein Willi, der tapfere Streiter“, pausbäckig - und stark. Dabei leiden die meisten Kinder bald unter Hunger und Krankheiten, wie die Paderborner Historikerin Barbara Stambolis sagt.

„Er will ja nach dem Schützengraben“

Als die Realität des Krieges per Feldpost und Kriegsurlaub in die Familien kommt, passt sich die Literatur an. „Der moderne Krieg räumte schnell auf mit dem Heroischen“, sagt Ewers. Jetzt erkennen kleine Bilderbuch-Figuren die entstellten Gesichter der Väter nicht mehr, gehen als Soldaten-Trost in Lazarette, stricken für die Front. Dazu gibt es Text wie: „Hoppe, hoppe Reiter, fällt er auch - nie schreit er, will ja nach dem Schützengraben, mit viel kleinen Liebesgaben.“

Die aktuellen Bücher zum Ersten Weltkrieg

Wer mehr wissen möchte

Zum 100. Jahrestag des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs erscheinen bereits seit Monaten zahlreiche neue Bücher: Gesamtdarstellungen, Neueditionen von Antikriegsromanen, zeitgenössische Verse, Bücher zu Einzelthemen. Bis zum Sommer sind weitere geplant. Einige Neuerscheinungen im Überblick:

(Christopher Clark: Die Schlafwandler

Christopher Clark zeigt in seiner detaillierten Gesamtdarstellung die komplexen globalpolitischen Entwicklungen vor dem Ersten Weltkrieg. Er zeichnet die Entscheidungsmöglichkeiten nach und stellt dar, wie die Verantwortlichen «Schlafwandlern» gleich in einen Krieg hineinsteuern, weil Alternativen nicht genutzt werden.
(Christopher Clark: Die Schlafwandler - Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog, DVA, 39,99 Euro, 896 Seiten, ISBN-13: 978-3421043597)

Jörn Leonhard, Die Büchse der Pandora

Der Historiker Jörn Leonhard beschreibt in seiner umfassenden Studie "Die Büchse der Pandora. Geschichte des Ersten Weltkrieg" den Weg in einen Krieg, an dessen Ende ein völlig neue Welt steht. Dazu beschreibt er die Erfahrungen unterschiedlichen Zeitgenossen.
(Leonhard, Jörn, Die Büchse der Pandora. Geschichte des Ersten Weltkriegs, 1157 S., 38 €, ISBN 978-3-406-66191-4)

Niall Ferguson, Der falsche Krieg

Das komplexe Ursachengeflecht, das zum Ersten Weltkrieg führte, beleuchtet der Harvard-Professor Niall Ferguson in «Der falsche Krieg. Der Erste Weltkrieg und das 20. Jahrhundert». Er beschreibt das politische Unvermögen, den Ehrgeiz und die Fehleinschätzungen, die zur Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts führten.
(Ferguson, Niall, Der falsche Krieg. Der Erste Weltkrieg und das 20. Jahrhundert, Pantheon, 512 S., 16,99 €, ISBN 978-3-570-55200-1)

Herfried Münkler: Der Große Krieg

Herfried Münkler legt ebenfalls eine Gesamtdarstellung zur «Urkatastrophe» mit zahlreichen Neubewertungen vor. Zentrale These: "Wenn wir den Ersten Weltkrieg nicht verstehen, wird uns das ganze 20. Jahrhundert ein Rätsel bleiben."
(Herfried Münkler: Der Große Krieg, Rowohlt, Berlin, 2013, 928 Seiten, 29,95 Euro, ISBN

978-3-87134-720-7)

Adam Hochschild: Der große Krieg

Adam Hochschild erzählt die historischen Ereignisse auch anhand zeitgenössischer Charaktere. Herausragend ist die Beschreibung der Unfähigkeit einzelner Handelnder, die Armeen in den Krieg schicken, ohne dass teils die Grundvoraussetzungen geschaffen sind.
(Adam Hochschild: Der große Krieg. Der Untergang des alten Europa im Ersten Weltkrieg, 2. Auflage 2013, 525 S., 26,95 Euro, ISBN 978-3-608-94695-6)

Oliver Janz: 14 - Der Große Krieg

 Eine Gesamtdarstellung bietet auch Oliver Janz. Er geht Fragen der Verantwortung und der Möglichkeiten der Handelnden nach. Das Buch ist dabei sehr militärhistorisch geprägt.
(Oliver Janz: 14 Der Große Krieg, Campus, 2013, 415 S., 24,99 Euro ISBN 978-3-593-39589-0)

Gerd Krumeich: Der Erste Weltkrieg

Der Historiker Gerd Krumeich gibt in seinem schnellen Überblick "Der Erste Weltkrieg. Die 101 wichtigsten Fragen" kurze prägnante Antworten über verschiedene Themenfelder wie die Schuldfrage, die Waffentechnik, aber auch den Keim zum Aufstieg des Nationalsozialismus.
(Gerd Krumeich: Der Erste Weltkrieg. Die 101 wichtigsten Fragen, Verlag C.H.Beck, München, 155 S., 10,95 €,  ISBN 978-3-406-65941-6)

Tillmann Bendikowski, Sommer 1914

An Hand von fünf Zeitgenossen erläutert der Historiker Tillmann Bendikowski, dass es im August 1914 keineswegs eine allgemeine Kriegsbegeisterung in Deutschland gab. An ihrem Beispiel beschreibt er die Gefühlswelten in den Wochen vor dem Kriegsausbruch.
(Tillmann Bendikowski, Sommer 1914. Zwischen Begeisterung und Angst - wie Deutsche den Kriegsbeginn erlebten, C.Bertelsmann, 464 S., 19,99 €, ISBN: 978-3-570-10122-3)

Olaf Jessen, Verdun 1916

Den Ablauf der Schlacht von Verdun 1916 beschreibt der Historiker Olaf Jessen in «Verdun 1916. Urschlacht des Jahrhunderts». Neben Plänen der Entscheidungsträger beschreibt er auch das Leid der Soldaten und die Konsequenzen der bis dato größten Materialschlacht der Geschichte.
(Jessen, Olaf, Verdun 1916. Urschlacht des Jahrhunderts, C.H. Beck, 496 S., 24,95 €, ISBN 978-3-406-65826-6)

Winterberg, Kleine Hände im Großen Krieg

Yury und Sonya Winterberg beschreiben in "Kleine Hände im Großen Krieg" die Schicksale von Kindern im Krieg. Sie zeichnen nach, wie Hurrapatriotismus Ernüchterung weicht, der Krieg unbeschwerte Kindheit zerstörte und den Rest des Lebens prägte.
(Kleine Hände im Großen Krieg. Kinderschicksale im Ersten Weltkrieg. Aufbau Verlag, Berlin, 368 Seiten, 22,99 Euro, ISBN 978-3-351-03564-8)

Sean McMeekin, Juli 1914

Die diplomatischen Verwicklungen im Juli 1914 zeichnet der amerikanische Historiker Sean McMeekin nach. In seinem Buch «Juli 1914. Der Countdown in den Krieg» erstellt er in einer Chronologie ein Stimmungsbild anhand von Depeschen, Protokollen und Schriftwechseln. (McMeekin, Sean, Juli 1914. Der Countdown in den Krieg, Europaverlag, 560 S., 29,99 €, ISBN 978-3-944305-48-6)

Guido Knopp, Der Erste Weltkrieg

Anhand von Fotos erzählt Guido Knopp in zwei- bis vierseitigen Kapiteln über den Alltag an der Front und in der Heimat. Das Buch ist keine Gesamtdarstellung, gewährt aber einen kurzweiligen Einblick in die Geschehnisse vor 100 Jahren.
(Guido Knopp: Der Erste Weltkrieg. Die Bilanz in Bildern, Verlag Edel Books, Hamburg, 2013, 384 S., 24,95 Euro, ISBN 978-3-8419-0241-2)

Auch heute noch werden Kinder eingesetzt, um Kriegshandlungen zu unterstützen, wie Ewers betont: „Das ist mitnichten weg.“ Auch deshalb hält er es für wichtig, die Bücher von damals zu kennen.

Kindheit im Krieg: Jubel, Trauma und große Not

Kindheit im Krieg

Jubel, Trauma und große Not

Uniformen, Zinnsoldaten und Parolen: Vielen Kindern erschien der Erste Weltkrieg zu Beginn vor allem spannend. Doch bald wurde aus dem Spiel harte Realität. Väter starben, Menschen hungerten, das Leid war allgegenwärtig.

Die Kinderbücher lassen erahnen, wie der Erste Krieg auch die ganz junge Generation geprägt hat. Die Grausamkeit in den Büchern habe die Menschen an der Heimatfront mobilisiert, erklärte Ewers, die Bücher hätten als Durchhaltepropaganda gewirkt. „Tapfer sein, nicht weinen“, so beschreibt Historikerin Stambolis die Werte. Und Ihre Frankfurter Fachkollegin Silke Fehlemann ergänzt: „Ein sehr großer Prozentsatz der Führungsriege der Hitlerjugend waren Personen, die im Ersten Weltkrieg kleine Kinder waren.“

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