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14.01.2017

10:42 Uhr

Großbritannien

Die Angst vor dem harten Brexit

Wenn Theresa May sich zu einem möglichen „harten Brexit“ äußert, bricht das Pfund ein. Grund dafür ist die Angst vor hohen Zöllen auf Exporte in die EU. Viele Brexit-Befürworter werben trotzdem für die „harte“ Variante.

Seit dem Brexit-Referendum vom 23. Juni 2016 hat das Pfund etwa 20 Prozent seines Werts verloren. AP

Auswirkungen am Devisenmarkt

Seit dem Brexit-Referendum vom 23. Juni 2016 hat das Pfund etwa 20 Prozent seines Werts verloren.

LondonIst es Kabeljau oder Schellfisch? Fragen dieser Art werden für Großbritannien künftig von großer Bedeutung sein, falls das Land den zollfreien EU-Binnenmarkt verlässt und sich stattdessen den Regeln der Welthandelsorganisation (WTO) unterwirft. Im Zuge eines solchen „harten Brexits“ wäre London mit EU-Zöllen auf schätzungsweise 15.000 Waren konfrontiert. Einige Exporte wie etwa Medikamente würden zwar nicht darunter fallen, die große Mehrheit allerdings schon.

Die Höhe der Zölle wird von einer Vielzahl komplexer Faktoren abhängen. So mögen zwar Schellfisch und Kabeljau in den Küchen vieler britischer „Fish And Chips“-Restaurants direkt nebeneinander liegen. Doch von der EU werden die beiden Fischsorten unterschiedlich klassifiziert: Kabeljau ist mit zwölf Prozent zu verzollen, Schellfisch dagegen nur mit 7,5 Prozent. Und das ist nur ein Beispiel von vielen.

Im Durchschnitt würde der Zoll auf britische Exporte in die EU laut einer Analyse des Londoner Thinktanks Civitas bei etwa 4,5 Prozent liegen. Viele Experten, darunter auch Brexit-Befürworter, halten dies für das schlimmste Szenario für die britische Wirtschaft. Aus dem Grund bricht das Pfund jedes Mal prompt ein, sobald Premierministerin Theresa May sich zu einem möglichen „harten Brexit“ äußert. Ihre nächste Rede zu dem Thema am Dienstag wird auch deshalb mit großer Spannung erwartet.

Großbritanniens Optionen nach dem Brexit

Zollunion

Großbritannien könnte es machen wie die Türkei und der Zollunion beitreten. Dadurch würden die Zölle wegfallen und die Handelsabkommen mit der EU behielten bestand. Andererseits wäre London aber dabei eingeschränkt, eine eigene Handelspolitik zu betreiben, da man sich an den gemeinsamen Zolltarif halten müsste. Ob dies den Briten gefallen würde, bleibt fraglich. Immerhin folgt die Brexit-Entscheidung dem Ruf nach völliger nationaler Souveränität.

Europäischer Wirtschaftsraum (EWR)

Der Europäische Wirtschaftsraum (EWR) umfasst derzeit 31 Länder. Die teilnehmenden Staaten haben gemeinsame Aufsichtsbehörden, Gerichte und Regeln. Zudem gelten die vier Binnenmarktfreiheiten beim Waren-, Personen-, Dienstleistungen- und Kapitalverkehr. Allerdings will die britische Regierung weder der Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofes unterliegen noch die Kontrolle über die Immigration abgeben.

Der „Schweizer Weg“

Am liebsten wäre der englischen Regierung wohl ein Modell wie der „Schweizer Weg“. So könnten für die einzelnen Wirtschaftsbereiche maßgeschneiderte Abkommen ausgehandelt werden. Die EU hat allerdings schon durchblicken lassen, eine derartige Lösung abzulehnen.

Freihandelsabkommen

Die wahrscheinlichste Option ist für die Briten wohl ein gesondert ausgehandeltes Freihandelsabkommen, wie es zwischen der Europäischen Union und Kanada (Ceta) vereinbart wurde. Damit würden die Briten ihre durch den Brexit forcierte Unabhängigkeit behalten und könnten spezielle, aber umfassende Handelsbedingungen im Gespräch mit der EU festlegen.

Die Frage nach der Art und Weise des EU-Austritts drängt immer mehr, da May Ende März die formalen Gespräche darüber aufnehmen will. Der Vorsitzende des Brexit-Ausschusses im britischen Parlament, Hilary Benn von der oppositionellen Labour-Partei, erklärte am Samstag May müsse bis spätestens Mitte Februar einen detaillierten Fahrplan zum Austritt aus der Europäischen Union (Brexit) veröffentlichen.

Zudem müsse die Regierung ihre künftigen Beziehungen Londons zur EU bis zu diesem Datum darlegen. Die Frist sei nötig, damit Parlament und Öffentlichkeit das Dokument prüfen könnten. Daneben müsse May ökonomische Bewertungen für die verschiedenen Optionen mit Blick auf den Marktzugang und Handel mit der EU abliefern. Die Verhandlungen über die Trennung sollen möglichst bis zum Oktober 2018 abgeschlossen werden.

Bundeskanzlerin Angela Merkel und andere EU-Regierungschefs haben wiederholt davor gewarnt, dass das Königreich den Zugang zum Binnenmarkt nicht behalten kann, wenn es die Einwanderung von EU-Bürgern begrenzen will. Da May weiterhin die Notwendigkeit von Grenzkontrollen betont, deutet vieles auf einen Ausschluss aus dem Binnenmarkt hin.

Als Folge eines „harten Brexits“ würde der britische Handel künftig den von der WTO entwickelten und überwachten Vorschriften unterliegen. Die Organisation mit Sitz in Genf hat 164 Mitglieder und ist verantwortlich für einen Großteil des Welthandels. Ihren Regelungen zufolge stünden Großbritannien im Handel mit seinen ehemaligen EU-Partnern keine Vorteile mehr zu gegenüber allen anderen Ländern, die keine Handelsabkommen mit der EU haben. Dazu gehören etwa die USA.

Die meisten britischen Exporte würden dem gemeinsamen Außenzoll der EU unterliegen und wären damit unter ansonsten gleichen Bedingungen preislich sofort weniger konkurrenzfähig innerhalb der EU. Auch britische Importe aus der EU müssten verzollt werden. Vermutlich würden sich beide Seiten in der Folge um ein Freihandelsabkommen bemühen, wofür aber jahrelange Verhandlungen nötig sein dürften.

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