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12.04.2016

11:13 Uhr

Großbritannien

Unternehmen und Top-Manager fürchten den Brexit

VonCarsten Herz

RWE-Aufsichtsrat Werner Brandt und Commerzbank-Kontrolleur Klaus-Peter Müller befürchten massive wirtschaftliche Folgen eines Brexits. Eine Studie stützt die Sorgen – besonders die internationaler Firmen.

Stimmung machen für den Austritt: Mit „Leave.eu“-Buttons, Aufklebern und Büchern zum Thema versuchen die Befürworter eines Brexits die Briten zu überzeugen. Reuters

A sign for pro Brexit group pressure group "Leave.eu" is seen in their office in London, Britain

Stimmung machen für den Austritt: Mit „Leave.eu“-Buttons, Aufklebern und Büchern zum Thema versuchen die Befürworter eines Brexits die Briten zu überzeugen.

LondonMillionen Briten liebäugeln mit einem Austritt aus der Europäischen Union. Doch die Rechnung dafür könnte teuer werden: Wichtige deutsche Manager warnen vor massiven negativen Folgen, wenn sich Großbritannien im Sommer für einen Ausstieg aus der Gemeinschaft entscheiden sollte.

„Ein möglicher Brexit würde nicht nur Europa spalten, sondern so gut wie sicher einen signifikanten Einfluss auf die Weltwirtschaft haben“, warnte der einflussreiche Aufsichtsrat Werner Brandt, der in den Kontrollgremien von RWE, Lufthansa und Pro SiebenSat1 Media sitzt, angesichts der Vorlage einer neuen europaweiten Umfrage unter internationalen Unternehmen zum sogenannten Brexit. Großbritannien brauche die EU und die EU brauche Großbritannien. „Hoffentlich setzt sich der britische Pragmatismus am Ende durch.“

Was die Briten an der EU stört

Nationale Identität

Als ehemalige Weltmacht ist Großbritanniens Politik noch immer auf Führung ausgelegt. London ist gewohnt, die Linie vorzugeben, statt sich mühsam auf die Suche nach Kompromissen zu begeben. Die Briten reagieren allergisch auf jegliche Vorschriften aus Brüssel.

Londoner City

Die Londoner City ist trotz massiven Schrumpfkurses noch immer die Lebensader der britischen Wirtschaft. Großbritannien fühlt sich von Regulierungen, die in Brüssel ersonnen wurden, aber die City treffen, regelrecht bedroht.

Soziales und Arbeitsmarkt

Auch in der Sozial- und Arbeitsmarktpolitik wollen sich die Briten nicht von Brüssel herein reden lassen. Eine gemeinsame EU-weite Arbeitszeitrichtlinie hat beispielsweise für heftigen Streit gesorgt.

EU-Bürokratie

Die Euroskeptiker unter den Briten halten die Bürokratie in Brüssel für ein wesentliches Wachstumshemmnis. Anti-Europäer in London glauben, dass Großbritannien bilaterale Handelsabkommen mit aufstrebenden Handelspartnern in aller Welt viel schneller aushandeln könne als der Block der 27. Die Euroskeptiker fordern auch, dass der Sitz des Europaparlaments in Straßburg abgeschafft wird und die Abgeordneten nur noch in Brüssel tagen.

Medien

Die britische Presse ist fast durchgehend europafeindlich und prägt das Bild der EU auf der Insel. Das hat politische Wirkung. „Ich muss meinen Kollegen in Brüssel dauernd sagen, sie sollen nicht den 'Daily Express' lesen“, zitierte mal die „Financial Times“ einen britischen Minister.

Es ist ein Appell, mit dem Brandt nicht alleine dasteht. Auch Klaus-Peter Müller, Aufsichtsratschef der Commerzbank, sieht bei einem möglichen Exit der Briten nur Nachteile auf allen Seiten. Es werde bei Gelegenheit zwar immer mal wieder vermutet, dass der Finanzplatz Frankfurt einer der Profiteure eines Ausscheidens der Briten aus der EU sein könnte, sagte der deutsche Topbanker. „Doch aus meiner Sicht ist das kurzsichtig. Die Realität ist, dass ein Votum für einen Exit nur Verlierer produzieren wird – sowohl in Großbritannien und im Rest Europas.“

Die Unsicherheit wird noch monatelang anhalten. Erst am 23. Juni stimmen die Briten darüber ab, ob ihr Königreich die Union verlassen soll. Das Datum legte Premierminister David Cameron im Februar nach einem EU-Gipfel in Brüssel fest, auf dem er den übrigen Regierungschefs mehrere Zugeständnisse abhandelte.

Anschließend erklärte Cameron, er wolle für den Verbleib trommeln. Doch er kämpft gegen mächtige Widersacher. Denn Schwergewichte aus seiner eigenen Partei wie der scheidende Londoner Bürgermeister Boris Johnson haben sich zu Wortführern der Gegenseite aufgeschwungen. Es ist ein Bild der Zerrissenheit, das die ganze Insel prägt: Umfragen sagen beim Referendum ein äußerst knappes Rennen voraus.

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