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08.12.2016

09:14 Uhr

Großbritannien

Was der Brexit für die Deutschen in England bedeutet

Theresa May will bis Ende März 2017 die Austrittsgespräche mit der EU zu beginnen. Die Ausländer in Großbritannien spüren die Auswirkungen aber schon jetzt. Viele sind verunsichert, manche fühlen sich nicht mehr sicher.

Für viele Deutsche ist Großbritannien ein interessantes Reiseziel. Einige fangen dort sogar ein neues Leben an. Nach dem Brexit-Votum könnte es für Einwanderer Komplikationen geben. AFP; Files; Francois Guillot

Bedrohte Existenzen

Für viele Deutsche ist Großbritannien ein interessantes Reiseziel. Einige fangen dort sogar ein neues Leben an. Nach dem Brexit-Votum könnte es für Einwanderer Komplikationen geben.

LondonDie Richter des höchsten britischen Gerichts werden wohl erst im Januar über die Mitspracherechte des Parlaments für den Austritt aus der EU entscheiden. Davon könnte der weitere Brexit-Fahrplan abhängen. Eine Geduldsprobe nicht nur für die Regierung, sondern auch für die vielen Ausländer im Land. Für sie sind die Auswirkungen des geplanten Brexits schon jetzt zu spüren.

Das britische Pfund schwächelt und lässt Importe aus Deutschland teurer werden. Banken erwägen, von London in Städte wie Dublin oder Frankfurt am Main umzusiedeln. Die Attraktivität der britischen Unis für internationale Studierende hat bereits nachgelassen.

Großbritannien ist berühmt für Elite-Hochschulen wie die in Cambridge oder Oxford. Dennoch kommt eine Umfrage der Karriere-Beratungsfirma Hobsons zu einem klaren Ergebnis. Mehr als 80 Prozent internationaler Studierender findet Großbritannien als Studienland nach dem geplanten Brexit weniger einladend. Und zunehmend fremdenfeindlich: „Die Menschen sind so rassistisch geworden und nach allem, was passiert ist, fühle ich mich dort nicht sicher“, sagte ein Teilnehmer der Befragung, an der sich mehr als 1000 junge Leute beteiligt hatten. Dazu komme die Sorge, später schwerer ein Visum zu erhalten – oder nach dem Abschluss einen Job in Großbritannien zu finden.

Großbritanniens Optionen nach dem Brexit

Zollunion

Großbritannien könnte es machen wie die Türkei und der Zollunion beitreten. Dadurch würden die Zölle wegfallen und die Handelsabkommen mit der EU behielten bestand. Andererseits wäre London aber dabei eingeschränkt, eine eigene Handelspolitik zu betreiben, da man sich an den gemeinsamen Zolltarif halten müsste. Ob dies den Briten gefallen würde, bleibt fraglich. Immerhin folgt die Brexit-Entscheidung dem Ruf nach völliger nationaler Souveränität.

Europäischer Wirtschaftsraum (EWR)

Der Europäische Wirtschaftsraum (EWR) umfasst derzeit 31 Länder. Die teilnehmenden Staaten haben gemeinsame Aufsichtsbehörden, Gerichte und Regeln. Zudem gelten die vier Binnenmarktfreiheiten beim Waren-, Personen-, Dienstleistungen- und Kapitalverkehr. Allerdings will die britische Regierung weder der Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofes unterliegen noch die Kontrolle über die Immigration abgeben.

Der „Schweizer Weg“

Am liebsten wäre der englischen Regierung wohl ein Modell wie der „Schweizer Weg“. So könnten für die einzelnen Wirtschaftsbereiche maßgeschneiderte Abkommen ausgehandelt werden. Die EU hat allerdings schon durchblicken lassen, eine derartige Lösung abzulehnen.

Freihandelsabkommen

Die wahrscheinlichste Option ist für die Briten wohl ein gesondert ausgehandeltes Freihandelsabkommen, wie es zwischen der Europäischen Union und Kanada (Ceta) vereinbart wurde. Damit würden die Briten ihre durch den Brexit forcierte Unabhängigkeit behalten und könnten spezielle, aber umfassende Handelsbedingungen im Gespräch mit der EU festlegen.

Das Gefühl des Fremdseins teilt auch die Deutsche Petra Braun neuerdings. „Ich denke manchmal, das ist nicht das Land, für das ich mich vor zehn Jahren entschieden habe“, sagt die 49-Jährige, während sie mit ihrem Lebensgefährten Peter Wengerodt in ihrer Backstube im Londoner Vorort Richmond sitzt. Die beiden deutschen Auswanderer betreiben ihre Bäckerei-Konditorei „Hansel & Pretzel“ seit zehn Jahren. In der Auslage: Laugenbrezeln, Franzbrötchen, Hefestollen. Dazu kommen weitere „German Delicatessen“ wie Schwarzwälder Schinken oder Milchschnitte, die es sonst in England nicht zu kaufen gibt. Der Laden läuft gut. Dennoch mache sich der Brexit in der Kasse bemerkbar. „Wir müssen sämtliche Rohstoffe für die Bäckerei und alle anderen Artikel im Geschäft aus Deutschland importieren“, sagt Braun.

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