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19.11.2016

11:50 Uhr

Großbritannien

Zweifel an Handelsdeals außerhalb von Europa

Premierministerin Theresa May will das Vereinigte Königreich mit der ganzen Welt vernetzen. Die ersten Schritte machte sie nach Indien – doch den entscheidende Wunsch der ehemaligen Kolonie wird May kaum erfüllen können.

Die britische Premierministerin bei ihrem Besuch in Bangalore zwischen Schulkindern, die mit Fähnchen winken. dpa

Theresa May in Indien

Die britische Premierministerin bei ihrem Besuch in Bangalore zwischen Schulkindern, die mit Fähnchen winken.

Neu DelhiNach dem jüngsten Staatsbesuch von Großbritanniens Premierministerin Theresa Mays in Indien haben internationale Experten Zweifel angemeldet, dass Großbritannien einfache Handelsdeals außerhalb Europas gelingen werden. „May hat versucht, mit ihrem Besuch in Indien ein starkes Signal zu setzen“, sagte Mihir Kapadia, Chef des Vermögensverwalters Sun Global Investments. „Beide Regierungen haben die richtigen Signale gegeben. Aber die Briten haben ein Einwanderungsproblem.“

May war am 7. und 8. November in Indien und hatte dort nach eigenen Angaben den Abschluss von Verträgen im Wert von mehr als einer Milliarde britischen Pfund (1,17 Milliarden Euro) begleitet. Es war der erste Staatsbesuch außerhalb Europas. „Es wäre ideal für die Briten, wenn dieser Besuch Auftakt zu Freihandelsdeals mit den Commonwealth-Ländern wäre“, sagte Kapadia. Das Commonwealth of Nations ist ein loser Staatenbund von 52 Ländern, zu dem vor allem Großbritannien und seine ehemaligen Kolonien - und damit Indien - gehören. „Großbritannien ist für viele englischsprachige Länder bisher die Brücke in die EU. Ich könnte mir vorstellen, dass es nun zur Verbindungsbrücke für das Commonwealth werden möchte.“

Großbritanniens Optionen nach dem Brexit

Zollunion

Großbritannien könnte es machen wie die Türkei und der Zollunion beitreten. Dadurch würden die Zölle wegfallen und die Handelsabkommen mit der EU behielten bestand. Andererseits wäre London aber dabei eingeschränkt, eine eigene Handelspolitik zu betreiben, da man sich an den gemeinsamen Zolltarif halten müsste. Ob dies den Briten gefallen würde, bleibt fraglich. Immerhin folgt die Brexit-Entscheidung dem Ruf nach völliger nationaler Souveränität.

Europäischer Wirtschaftsraum (EWR)

Der Europäische Wirtschaftsraum (EWR) umfasst derzeit 31 Länder. Die teilnehmenden Staaten haben gemeinsame Aufsichtsbehörden, Gerichte und Regeln. Zudem gelten die vier Binnenmarktfreiheiten beim Waren-, Personen-, Dienstleistungen- und Kapitalverkehr. Allerdings will die britische Regierung weder der Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofes unterliegen noch die Kontrolle über die Immigration abgeben.

Der „Schweizer Weg“

Am liebsten wäre der englischen Regierung wohl ein Modell wie der „Schweizer Weg“. So könnten für die einzelnen Wirtschaftsbereiche maßgeschneiderte Abkommen ausgehandelt werden. Die EU hat allerdings schon durchblicken lassen, eine derartige Lösung abzulehnen.

Freihandelsabkommen

Die wahrscheinlichste Option ist für die Briten wohl ein gesondert ausgehandeltes Freihandelsabkommen, wie es zwischen der Europäischen Union und Kanada (Ceta) vereinbart wurde. Damit würden die Briten ihre durch den Brexit forcierte Unabhängigkeit behalten und könnten spezielle, aber umfassende Handelsbedingungen im Gespräch mit der EU festlegen.

Doch diesem Plan steht ein großes Hindernis im Weg. May hat in Großbritannien nach dem Votum für den EU-Austritt die Macht übernommen und hat damit den Auftrag, Einwanderung zu begrenzen. „Aber Indien und viele andere Commonwealth-Länder wollen gerne auch ihre Experten exportieren“, so Kapadia. Europa-Analystin Camilla Hagelund von der Risikoberatung Verisk Maplecroft bezeichnete diesen Gegensatz als Sackgasse und warnte: „Das schadet den bilateralen Verhandlungen.“

Bereits bei ihrem Besuch in Indien zeigte sich, dass May in dieser Hinsicht wenig anzubieten hat. Während ihrer Zeit als Innenministerin Großbritanniens von 2010 bis 2016 war die Zahl der indischen Studenten an britischen Universitäten aufgrund strengerer Visavorgaben um die Hälfte gefallen. Darauf angesprochen sagte sie in Indien lediglich, dass das Land mehr dafür tun müsse, um Inder zurückzuholen, die sich illegal in Großbritannien aufhalten. Im Gegenteil: Drei Tage vor ihrer Ankunft in Neu Delhi hatte sie angekündigt, die Einreisebedingungen weiter zu verschärfen.

Auch die britischen und indischen IT-Verbände TechUK und Nasscom bezeichneten den Brexit als „signifikante Unsicherheit für unsere Geschäfte“ und forderten die Regierungen auf, erneut über Visa für indische Experten zu verhandeln. Sie wiesen darauf hin, dass in Großbritannien bereits heute 63 Milliarden Pfund (73,7 Mrd Euro) pro Jahr an Wirtschaftskraft verloren gingen, weil es nicht genügend talentierte IT-Talente gebe. „Wir möchten Sie beide dringend bitten, die Bewegung von gut ausgebildeten Arbeitern als Priorität für den Handel und nicht als Einwanderungsproblem zu sehen“, hieß es in einem Brief Anfang November an die Premierminister beider Länder.

Von

dpa

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