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22.07.2016

15:29 Uhr

Großbritanniens Wirtschaft

Rutsch Richtung Rezession

VonKatharina Slodczyk

Ein wichtiger Index macht klar: Großbritanniens Wirtschaft nähert sich nach dem Brexit-Votum einer Rezession. Unsicherheit greift um sich. Investoren erwarten von der Bank of England nun eine Lockerung der Geldpolitik.

Markit-Chefvolkswirt Williamson: „Der Abschwung wird in der Regel dem Brexit-Votum zugeschrieben.“

Rutsche in einer Bergmannshöhle (Symbolfoto)

Markit-Chefvolkswirt Williamson: „Der Abschwung wird in der Regel dem Brexit-Votum zugeschrieben.“

Der Chefvolkswirt Chris Williamson vom Finanzdienstleister Markit findet deutlich Worte: Nach dem Brexit-Referendum habe die britische Wirtschaft einen „dramatischen Einbruch“ erlebt, die Lage habe sich in einem solchen Tempo verschlechtert, wie es das Land seit der Finanzkrise nicht mehr erlebt habe. Darauf weist die Entwicklung des Markit-Einkaufsmanagerindex hin, den der Finanzdienstleister am Freitag veröffentlicht hat und der auf Daten für das verarbeitende Gewerbe und den Dienstleistungssektor basiert: Für Juli ist dieser auf einen Wert von 47,7 zurückgegangen, den tiefsten Stand seit Frühjahr 2009. Werte unterhalb von 50 Punkten stehen für schrumpfende Geschäftsaktivitäten. Im Juni lag der Index noch bei 52,3 Zählern.

Dieser Absturz ist das bisher eindeutigste Indiz für die massiven Folgen des Referendums, bei dem vor gut einem Monat 52 Prozent der Briten für den Austritt ihres Landes aus der Europäischen Union gestimmt haben. Der gefallene Markit-Index deutet auf das steigende Rezessions-Risiko auf der Insel hin: Die Wirtschaft könnte um 0,4 Prozent im laufenden Quartal schrumpfen, sagt der Finanzdienstleister voraus. „Der Abschwung, der sich in der Stornierung von Aufträgen, einem Mangel an neuen Aufträgen und durch aufgeschobene oder komplett abgesagte Projekte offenbart, wird in der Regel dem Brexit-Votum zugeschrieben“, erklärt Markit-Chefvolkswirt Williamson.

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Die britische Währung reagierte unmittelbar auf die Veröffentlichung des Indexes. Das Pfund, das sich zuletzt wieder etwas erholt hat, gab gegenüber dem US-Dollar nach. Die Erwartungen von Investoren und Fachleuten, dass die Bank of England bei ihrer Anfang August anstehenden Sitzung des geldpolitischen Gremiums mehrheitlich eine Zinssenkung beschließt, sind hingegen deutlich gestiegen. Diesen Monat hatte sich die Notenbank noch dagegen entschieden und eine weitere geldpolitische Lockerung erst für nächsten Monat in Aussicht gestellt. Denn dann stünden mehr Daten zur Lage der britischen Wirtschaft zur Verfügung.

„Die Gefahr einer Rezession im zweiten Halbjahr dieses Jahr ist signifikant”, sagt Kallum Pickering, Volkswirt bei der Berenberg Bank. „Wir erwarten, dass die Bank of England darauf reagiert und ein vergleichsweise aggressives Paket schnürt.“ Pickering geht davon aus, dass die Notenbank den Leitzins von derzeit 0,5 Prozent halbiert und möglicherweise auch ihr Anleihekaufprogramm um etwa 100 Milliarden Pfund ausweitet.

Experten erwarten, dass sich die Stimmung auf der Insel noch stärker eintrüben dürfte. Das Verbrauchervertrauen werde noch tiefer fallen, sagen etwa Barclays-Volkswirte voraus, da noch unklar sei, wie die künftigen wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Großbritannien und der EU aussehen werden. „Das wird Unternehmen dazu bringen, mit Blick auf die Einstellung von Personal, auf ihre Ausgaben und Investitionsentscheidungen noch vorsichtiger zu sein“, heißt es in einer am Freitag veröffentlichten Barclays-Studie. Die Autoren erwarten daher ein zwar eine nicht sehr tiefe, aber länger andauernde Rezession vom dritten Quartal an.

Die Unsicherheit über die neuen Beziehungen zwischen London und Brüssel dürfte eine Weile anhalten. Denn Großbritanniens neue Premierministerin Theresa May will voraussichtlich erst im nächsten Jahr die offiziellen Austrittsgespräche mit der EU nach Artikel 50 des Lissabon-Vertrages in Gang setzen. Vorher sei nicht damit zu rechnen, sagte sie jüngst bei ihrem ersten Auslandsbesuch als Premierministerin, der nach Berlin führte. Dort gab sich Bundeskanzlerin Angela Merkel angesichts des Zeitplans verständnisvoll. Es sei nachvollziehbar, dass die britische Regierung erst eine Verhandlungsposition entwickeln müsse, sagte Merkel. Natürlich wolle niemand eine Hängepartie, „aber jeder hat doch ein Interesse daran, dass die Dinge sorgfältig vorbereitet werden“.

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