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14.06.2016

19:58 Uhr

Großdemo gegen Arbeitsmarktreform

Tränengas und Blasmusik

VonThomas Hanke

Zehntausende haben in Paris gegen die geplante Arbeitsmarktreform demonstriert. Dabei kam es zu Randalen. Die Polizei setzte Wasserwerfer und Tränengas ein – und musste schließlich die Demonstration auflösen.

Bei den Ausschreitungen in Paris wurden mindestens 26 Menschen verletzt. AFP; Files; Francois Guillot

Tränengas

Bei den Ausschreitungen in Paris wurden mindestens 26 Menschen verletzt.

ParisDie Demonstration gegen die Arbeitsreform in Paris hat nicht die von den radikalen Gewerkschaften erhoffte Größe erreicht. Nach Polizeiangaben nahmen 80.000 bis 90.000 Menschen teil. Die Gewerkschaft CGT sprach von „1,3 Millionen Menschen in ganz Frankreich“. Die Gewerkschaften hatten nach Aussage von Teilnehmern 500 bis 600 Busse gechartert, um ihre Mitglieder und Sympathisanten aus ganz Frankreich nach Paris zu fahren. Damit dürfte die Schätzung der Polizei näher an der Wirklichkeit liegen als die Zahl der CGT.

Von Anfang an wird der Protestzug von mehreren hundert „casseurs“, Schlägern, missbraucht, um Schaufenster einzuschlagen, Bushaltestellen zu zertrümmern und sich immer wieder Auseinandersetzungen mit der Polizei zu liefern. Mehrfach wird der Demonstrationszug unterbrochen. Auf dem riesigen Platz vor dem Invalidendom, wo die Manifestation enden sollte, kommt es zum finalen Showdown zwischen „casseurs“ und martialisch ausgerüsteten Polizisten.

Offenbar wollen die Ordnungskräfte kein Risiko mehr eingehen: Der Platz liegt weniger als hundert Meter vom Arbeitsministerium und rund 200 Meter vom Amt des Premierministers entfernt. In der Metrostation „Invalides“ halten sich starke Polizeikräfte bereit. Bereits am Ausgang liegt der süßlich-pfeffrige Geruch von Tränengas in der Luft.

Demonstranten mittleren Alters strömen in großer Zahl in die Métro, oben auf der großen Wiese vor dem Hotel des Invalides bleiben ein paar Tausend Menschen zurück, hauptsächlich Jugendliche: einige stark vermummt und mit Gasmasken ausgerüstet, andere ganz zivil mit ihren Gewerkschaftsfahnen von CGT oder Sud, den beiden Organisationen, die vor allem den Protest gegen die Reform tragen.

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Böller und Raketen fliegen durch die Luft, vor dem Eingang zum Hotel des Invalides steigt starker Rauch auf. Von der südwestlichen Ecke des Platzes her arbeitet sich ein großer weißer Wasserwerfer vor, in dessen Schutz ein paar Dutzend Polizisten nachrücken. Die Demonstranten weichen kaum zurück. Absurde Szenen: Während der Polizeieinsatz massiver wird und der wie ein weißer Elefant wirkende Polizeilaster sein Wasser speit, spielt eine Blaskapelle, um die Demonstranten bei Laune zu halten.

Plötzlich ein Schrei: „Sie greifen an!“ Eine Hundertschaft Polizisten in blauschwarzer Kampfmontur rennt in geschlossener Formation auf die Menge zu, die sich wie eine Herde panikartig in Bewegung setzt. In die weglaufende Masse schießt die Polizei Tränengasgranaten hinein. Man sieht nichts und bekommt keine Luft mehr, mit jedem Atemzug füllen sich die Lungen mehr mit dem widerlich süßlichen Gas.

Nach ein paar Minuten zieht die Gaswolke ab. Die Polizisten halten ein. Der Wasserwerfer bewegt sich kaum noch voran. Vorne entspinnt sich ein eigenwillige Ping-Pong-Spiel: Die Polizisten schießen mit Gasgranaten auf den mehrere hundert Leute starken harten Kern, aus dem heraus die Rauchkörper aber prompt zurückkommen.

Ich komme mit drei Demonstranten aus Le Havre ins Gespräch. Einer ist arbeitslos, die beiden anderen sagen, sie arbeiteten in Großbetrieben. Was sie gegen den Kern des Gesetzes – Verhandlungen über die Arbeitszeit auf Unternehmensebene – haben, frag ich. „Ganz einfach, das läuft auf Erpressung hinaus.“ sagt der jüngste von ihnen. „Unsere Arbeitsbedingungen verschlechtern sich, und wer das nicht hinnehmen will, wird entlassen.“

Weiter vorne fliegen weiter die Tränengasgranaten. „Mann, die schießen ja eine Menge, bekommen bestimmt eine Prämie dafür“, spottet der Arbeitslose. „Die filtern jetzt aus: Die Älteren sollen weg, dann bleiben nur die Jungen, die nehmen sie dann hops,“ sagt der Dritte. „Lasst uns gehen, ich will nicht wieder einen Hustenanfall bekommen.“

Neben mir höre ich plötzlich einige Deutsch sprechen. Fünf Jugendliche, einer von ihnen mit einer aufwändigen Gasmaske ausgerüstet, bereden, was sie machen sollen. „Seid ihr extra aus Deutschland gekommen?“ frage ich. Überraschte Blicke, die schnell ins Unfreundliche wechseln. „Nö“ ist die einzige Antwort, dann zerstreuen sie sich rasch.

Langsam wird die Lage unangenehmer: Die Polizisten drängen immer weiter vor, während im Rücken die Seine-Brücke durch Barrikaden der Polizei und weitere Wasserwerfer blockiert ist. Die seitlichen Ausgänge des Platzes sind ebenfalls abgeriegelt. Nur ein paar kleine Durchgänge bleiben frei. Zeit, abzuziehen.

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