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04.04.2012

20:19 Uhr

Günter Grass

Israel-Schelte provoziert Antisemitismus-Debatte

Bomben auf den Iran, abgefeuert aus deutschen U-Booten mit israelischer Flagge? Günter Grass geht mit dem jüdischen Staat hart ins Gericht. In Verbindung mit seiner SS-Vergangenheit sorgt das mancherorts für Entsetzen.

Günter Grass bediene antisemitische Klischees, heißt es von der israelischen Botschaft. Reuters

Günter Grass bediene antisemitische Klischees, heißt es von der israelischen Botschaft.

BerlinMit scharfer Kritik an Israels Atompolitik hat Literaturnobelpreisträger Günter Grass einen Proteststurm ausgelöst. „Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden“, schrieb der 84-jährige Autor in einem am Mittwoch von der „Süddeutschen Zeitung“ und anderen internationalen Blättern veröffentlichten Gedicht mit dem Titel „Was gesagt werden muss“. Sich selbst bezichtigt Grass, zu lange dazu geschwiegen zu haben, und fährt fort: „Ich schweige nicht mehr.“ Politiker, jüdische Organisationen und Intellektuelle warfen Grass vor, die Verhältnisse auf den Kopf zu stellen. Nicht Israel, sondern das iranische Mullah-Regime bedrohe den Weltfrieden.

Der Zentralrat der Juden in Deutschland nannte den Text „ein aggressives Pamphlet der Agitation“. Die israelische Botschaft in Deutschland warf Grass vor, er bediene antisemitische Klischees. „Was gesagt werden muss ist, dass es zur europäischen Tradition gehört, die Juden vor dem Pessach-Fest des Ritualmords anzuklagen“, erklärte der Gesandte Emmanuel Nahshon.

„Atommacht gefährdet Weltfrieden“: Grass dichtet gegen Israel

„Atommacht gefährdet Weltfrieden“

„Israel gefährdet den Weltfrieden“

Günter Grass hat in einem Gedicht die israelische Politik gegenüber dem Iran kritisiert.

Mit der geplanten Lieferung eines weiteren U-Boots nach Israel könne Deutschland mitschuldig werden an der Vernichtung des iranischen Volkes, schreibt Grass. Er fragt, warum er es sich bisher untersagt habe, „jenes andere Land beim Namen zu nennen, in dem seit Jahren - wenn auch geheimgehalten - ein wachsend nukleares Potential verfügbar aber außer Kontrolle, weil keiner Prüfung zugänglich ist?“. Er empfinde es als „belastende Lüge und Zwang“, dass er bisher dazu geschwiegen habe. Wer dieses Schweigen breche, dem stehe eine „Strafe“ in Aussicht: „das Verdikt „Antisemitismus“ ist geläufig“.

Regierungssprecher Steffen Seibert sagte, es gebe eine Freiheit der Kunst und eine Freiheit der Bundesregierung, sich nicht zu jeder Äußerung äußern zu müssen. Ohne Grass namentlich zu nennen, erklärte Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP), die Gefahren des iranischen Atomprogramms zu verharmlosen, hieße, den Ernst der Lage zu verkennen. CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe äußerte sich über Tonlage und Ausrichtung des Gedichts entsetzt. Der Publizist Ralph Giordano (89) nannte es einen „Anschlag auf Israels Existenz“.

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