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20.03.2013

15:48 Uhr

Hacker-Attacken

Südkorea hat nach Cyberangriff Nordkorea in Verdacht

Server-Ausfälle bei TV-Sendern und Banken haben in Südkorea Cyber-Alarm ausgelöst. In der Vergangenheit waren Unternehmen und Behörden Ziel der Hacker-Attacken. Die Betroffenen verdächtigen den kommunistischen Nachbarn.

Bei Banken und Sendern lagen die Systeme lahm. ap

Bei Banken und Sendern lagen die Systeme lahm.

SeoulGegen 14 Uhr Ortszeit ging am Mittwoch plötzlich nichts mehr. „Zuerst war der Zugang zum Internet instabil, dann zeigte der Bildschirm eine Fehlermeldung an“, sagte die Redakteurin Chung Soon Wan von KBS World Radio in Seoul. Noch Stunden nach den Ausfällen im Computernetz des südkoreanischen Rundfunksenders war der Internetzugriff blockiert. Wie beim Konkurrenzsender MBC und beim Nachrichtenkanal YTN hatten womöglich Hacker unbekannter Herkunft die Netzsysteme zum großen Teil lahmgelegt.

Auch die großen Bankenhäuser Shinhan und Nonghyupp sind betroffen. Vorübergehend war das Online-Banking nicht mehr möglich. „Wir vermuten, dass ein Cyberangriff von außen die Ursache war“, sagte ein Sprecher von Shinhan. Ob die massiven Störungen tatsächlich auf böswillige Hacker aus dem Ausland zurückzuführen sind, war zunächst nicht zu beweisen. Die südkoreanische Kommunikationskommission vermutet, dass von Hacker verbreitete Schadprogramme die Ausfälle ausgelöst hatten. Die drei betroffenen Sender greifen unter anderem auf das gleiche Kommunikationsnetz des Internet-Anbieters von LG U+ zurück.

Nach Provokationen: Südkorea warnt Nordkorea

Nach Provokationen

Südkorea warnt Nordkorea

Südkorea neue Präsidentin Park Geun Hye stellt den Nachbarn im Norden vor die Wahl.

Fast reflexhaft fällt in Südkorea der Verdacht auf Nordkorea. Die Spannungen auf der koreanischen Halbinsel hatten sich nach einem umstrittenen nordkoreanischen Raketenstart im Dezember und dem dritten Atomtest des Landes im Februar spürbar verschärft. Seoul befürchtet schon seit längerem, dass sich Nordkoreas Militär zu einer Provokation hinreißen lässt. Nordkorea hatte als Reaktion auf die Ausweitung von UN-Sanktionen und Militärübungen der südkoreanischen und amerikanischen Streitkräfte mit Militärschlägen gedroht.

Aber nicht nur die Angst vor Raketen- und Artilleriebeschuss ist weit verbreitet. Auch die Besorgnis über Angriffe aus dem Cyberspace ist in den vergangenen Jahren im stark vernetzten und reichen Südkorea deutlich gewachsen. Das kommunistische Nachbarland rüstet sich nach Einschätzung des südkoreanischen Geheimdienstes schon seit Jahren für einen Cyberkrieg – auch wenn das Regime den eigenen Bürgern den Internetzugang verwehrt.

Nordkoreas Säbelrasseln in den vergangenen Jahrzehnten

Januar 1951:

Auftakt eines verbalen Feldzuges: Ein halbes Jahr nach Nordkoreas Invasion des Südens bezeichnet Staatsgründer Kim Il Sung die südkoreanischen Soldaten und die US-Truppen als Invasoren. Er schwört, die Feinde des Nordens zu vernichten.

Januar 1952:

Kim Il Sung bezeichnet die US-Truppen als Nazis und verspricht, der Krieg werde sie in ein Massengrab bringen.

Mai 1972:

In einem Interview mit der „New York Times“ sagt Kim Il Sung, sein Land bereite sich fortwährend auf einen Krieg vor. „Diese Angelegenheit verschleiern wir nicht“, sagt er.

März 1993:

Aus Protest gegen ein gemeinsames Manöver der USA und Südkoreas erklärt Nordkorea einen „halben Kriegszustand“. Der Streit über sein Atomprogramm steckt in einer Sackgasse und die Regierung in Pjöngjang droht mit einem Austritt aus dem Atomwaffensperrvertrag.

1994:

Ein nordkoreanischer Unterhändler droht, Seoul in ein „Meer aus Feuer“ zu tauchen. Aus Angst vor einem Krieg stürmen die Südkoreaner die Supermärkte und decken sich in Hamsterkäufen mit Fertignudeln, Wasser- und Gasvorräten ein.

September 1996:

Nordkoreanische Agenten dringen mit einem U-Boot in südkoreanische Gewässer ein und werden gefangen oder getötet. Der Norden kündigt „hundertfache und tausendfache Vergeltung“ an.

Januar 2002:

US-Präsident George W. Bush erklärt Nordkorea zusammen mit dem Iran und dem Irak zur „Achse des Bösen“. Pjöngjang reagiert, die Äußerungen seien „kurz vor einer Kriegserklärung“. Das Außenministerium zeigt Zähne und verspricht, niemals die „rücksichtslosen Versuche“ zu tolerieren, Nordkorea „mit Waffengewalt zu ersticken“.

Januar 2010:

Auf einen mutmaßlichen Katastrophenplan der südkoreanischen Regierung gegen mögliche Unruhen im Norden reagiert Nordkorea mit der Drohung eines „Heiligen Kriegs der Vergeltung“.

Mai 2010:

Die Fronten verhärten sich. Südkorea wirft dem Norden vor, mit einem Torpedo ein Kriegsschiff des Südens versenkt zu haben. 46 Seeleute sterben. Nordkorea reagiert gereizt und warnt vor einem „umgehenden Schlag“. Im November greifen nordkoreanische Truppen eine Insel an und töten vier Südkoreaner.

November 2011:

Nordkorea will ein Manöver des Südens nicht hinnehmen und nimmt den Präsidentenpalast in Seoul verbal ins Visier. Er soll erneut in ein „Meer aus Feuer“ getaucht werden.

April 2012:

Südkoreas konservativer Präsident Lee Myung Bak wird als „Ratte“ bezeichnet, die von einem „Blitz der Vergeltung“ erschlagen werden sollte.

Juni 2012:

Nordkoreas Artillerie zielt angeblich auf südkoreanische Medien und will damit kritische Berichterstattung aus dem Süden eindämmen. Ein „gnadenloser Heiliger Krieg“ steht im Raum.

Oktober 2012:

Die Angst vor einer Invasion aus dem Süden geht angesichts eines Raketenabkommens zwischen Washington und Seoul um. Die USA befänden sich in der Reichweite nordkoreanischer Raketen, warnt ein nicht identifizierter Sprecher des Nordens.

Schon vor einigen Jahren hatten südkoreanische Medien unter Berufung auf Geheimdienste berichtet, dass Pjöngjang Hackerbrigaden für Attacken im Ausland ausbildet. Die Zahl der Angriffe aus Nordkorea auf militärische Netze in den USA sei größer als aus anderen Ländern.

Die Regierung in Seoul macht Pjöngjang nicht nur für Cyberattacken in den Jahren 2011 und 2012 verantwortlich. Auch eine massive tagelange Hackerattacke auf Dutzende Regierungswebsites in den USA und Südkorea im Jahr 2009 ging nach Angaben des US-Verteidigungsministeriums auf das Konto Nordkoreas.

Chronologie: Nordkorea und seine Atombomben

1989

Ein US-Spionagesatellit macht erste Aufnahmen der nordkoreanischen Atomanlage Yongbyon.

1994

Pjöngjang legt den Atomreaktor im Rahmen eines Abkommens mit den USA still und erhält dafür Zusagen für den Bau zweier Leichtwasserreaktoren.

1998

Abschuss einer nordkoreanischen Langstreckenrakete vom Typ Taepodong-1.

2002

US-Präsident George W. Bush erklärt Nordkorea im Januar zu einem Teil der "Achse des Bösen". Im Dezember reaktiviert Pjöngjang den Atomreaktor Yongbyon und weist Inspektoren der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) aus.

2003

Nordkorea kündigt im Januar den Atomwaffensperrvertrag auf. Im August beginnen Sechs-Nationen-Gespräche zur Beendigung des nordkoreanischen Atomprogramms mit Nord- und Südkorea, China, USA, Japan und Russland.

2005

Nordkorea gibt im Februar bekannt, Atomwaffen zur Selbstverteidigung hergestellt zu haben.

2006

Nordkorea nimmt am 9. Oktober den ersten Atombomben-Test vor. Der UN-Sicherheitsrat beschließt Sanktionen.

2007

Nordkorea erklärt sich im Februar bereit, die Anlage in Yongbyon abzuschalten und Atominspektoren wieder ins Land zu lassen. Im Juli erklärt die IAEA, Yongbyon sei geschlossen.

2009

Im April startet Nordkorea eine Langstreckenrakete mit tausenden Kilometern Reichweite. Die Regierung in Pjöngjang zieht sich aus den Sechs-Parteien-Gesprächen zurück und kündigt die Wiederaufnahme des Atomprogramms an. Am 24. Mai nimmt Nordkorea einen zweiten Atombombentest vor. Am 12. Juni werden die UN-Sanktionen verschärft.

2011

Nach dem Tod des langjährigen nordkoreanischen Machthabers Kim Jong Il am 17. Dezember kommt sein jüngster Sohn Kim Jong Un an die Macht.

2012

Nach einem fehlgeschlagenen Test der Rakete Unha-3 im April gelingt ein zweiter Abschuss des Raketentyps im Dezember.

2013

Der UN-Sicherheitsrat verschärft am 22. Januar die Sanktionen erneut, zwei Tage später kündigt die Führung in Pjöngjang einen neuen Atomtest an. Am 12. Februar vollzieht Nordkorea nach eigenen Angaben "erfolgreich" einen unterirdischen Atomtest.

2014

In seiner Neujahrsansprache kündigt Diktator Kim Jong-Un gegenüber den USA eine „massive nukleare Katastrophe“ an, sollte auf der koreanischen Halbinsel ein Krieg ausbrechen. Im September veröffentlicht die IAEA einen Bericht, wonach der Atomreaktor Nyongbyon wieder in Betrieb sei, und belegt dies mit Satellitenbildern.

2015

Im Januar bietet Kim Jong-Un an, das Atomwaffenprogramm Nordkoreas aufzugeben, wenn die USA auf gemeinsame Militärmanöver mit Südkorea verzichten. Im Mai verbreitet Pjöngjang, dass Nordkorea inzwischen auch Langstreckenraketen mit entsprechend miniaturisierten Nuklearwaffen ausrüsten zu können – eine offene Drohung in Richtung USA.

2016

Gleich zu Beginn des Jahres gibt Nordkorea bekannt, erstmals erfolgreich den Einsatz einer Wasserstoff-Bombe getestet zu haben. Chinesische und US-amerikanische Behörden bezweifeln die Behauptung aufgrund seismischer Signale in der Nähe des Testgeländes, die eher auf die Explosion einer Spaltbombe hindeuten. Einen Monat später führt Pjöngjang einen Raketentest durch: Am 7. Februar startet eine Unha-3-Trägerrakete und bringt einen Satelliten in die Erdumlaufbahn. Die USA, Südkorea und Japan werten den Start jedoch als Test einer atomar bestückbaren Langstreckenrakete – und erlassen erneut Sanktionen gegen Nordkorea.

Experten halten es für wahrscheinlich, dass auch diesmal die Netzwerkstörungen von Nordkorea ausgegangen sein könnten. Noch vor einigen Tage hatte Nordkorea den USA und Südkorea vorgeworfen, durch Hacker-Attacken nordkoreanische Internetseiten lahmgelegt zu haben. „Cyber-Terror ist einer der einfachsten Wege für sie (Nordkorea), Südkorea anzugreifen, da keine Menschen dabei zu Schaden kommen“, zitierte die Zeitung „The Korea Times“ den Leiter des Zentrums für Informationstechnologie an der Korea-Universität, Lim Jong In.

Von

dpa

Kommentare (5)

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Account gelöscht!

20.03.2013, 16:38 Uhr

Lösungsvorschlag: Einfach mal den Stecker ziehen und ein Buch lesen!

Wolfsfreund

20.03.2013, 16:50 Uhr

Naja, ganz so einfach ist es nicht. Es geht ja nicht um privaten Web-Konsum, da würde ich Ihnen recht geben. Hier geht es um die Infrastruktur von Handel und Industrie, die auf ein funktionierendes Web angewiesen sind. Selbst ich bin (im Kleinen natürlich) beruflich auf's Internet angewiesen. Wenn da was flachfällt, muß ich Manuskripte und Fotos wieder per Schneckenpost schicken.

maximilian@baehring.at

20.03.2013, 16:55 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

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