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11.01.2011

21:10 Uhr

Haiti

Jede Ruine ist ein Mahnmal des Stillstands

VonKlaus Ehringfeld

Mit einer Schweigeminute, Gottesdiensten und weiteren Veranstaltungen gedenken die Haitianer und tausende Helfer der internationalen Organisationen in Haiti des verheerenden Erdbebens von vor einem Jahr. Der Wiederaufbau im Land kommt immer noch nicht voran: die Lage ist weiterhin katastrophal. Die Hilfsgelder fließen immer zögerlicher - auch, weil die Geber auf Haitis neuen Präsidenten warten wollen.

Eine Frau geht in Port-au-Prince in Haiti an den Trümmern eines Hauses vorbei. dpa

Eine Frau geht in Port-au-Prince in Haiti an den Trümmern eines Hauses vorbei.

PORT-AU-PRINCE. Eingefallen steht die Ruine des weißen Präsidentenpalastes im Zentrum von Haitis Hauptstadt Port-au-Prince – wie ein Mahnmal des Stillstands. Denn auch ein Jahr nach dem verheerenden Erdbeben vom 12. Januar 2010 hat man den Eindruck, die Katastrophe liege erst kurz zurück. Auf dem Champ de Mars, dem größten Platz der Stadt, hausen noch immer 4 000 Obdachlose in Zelten und unter Planen. Insgesamt 1,3 Millionen Menschen haben auch zwölf Monate nach dem Beben noch kein festes Dach über dem Kopf. An zahllosen Ecken häuft sich der Schutt eingestürzter Häuser, Schulen und Bürogebäude. Tagsüber hocken Frauen in den Ruinen und verkaufen alles von Apfelsinen bis Zahnbürsten, nachts werden die Müllberge abgefackelt, die sich neben den Halden auftürmen.

Dabei hatte die internationale Gemeinschaft Haiti nach dem Beben, das 230 000 Menschenleben kostete, 9,9 Milliarden US-Dollar für den Wiederaufbau zugesagt, davon 5,3 Milliarden kurzfristig. Davon wurden bis Ende vergangenen Jahres nach Uno-Angaben aber erst 42 Prozent ausgegeben. „2010 war ein Jahr der verpassten Chancen für den Wiederaufbau Haitis“, kritisiert Roland Van Hauwermeiren, der bei der Hilfsorganisation Oxfam für Haiti zuständig ist.

Unsicherheit über den Wahlausgang

Dass die Mittel nur zögerlich fließen, hat auch damit zu tun, dass die Geber auf Haitis neuen Präsidenten warten. Der soll sein Amt eigentlich am 7. Februar antreten. Aber nach einer chaotischen und von Betrug überschatteten ersten Runde der Präsidentschaftswahl Ende November wurde die für den 16. Januar geplante Stichwahl gerade auf unbestimmte Zeit verschoben. Und niemand will in einem Land, in dem die Korruption verbreiteter ist als in den meisten anderen Nationen, sein Geld einer Regierung anvertrauen, die wenige Wochen später abtritt. „Wir brauchen Wahlen und einen neuen Präsidenten, damit die Geber Sicherheit haben“, sagt Lut Fabert-Goossens, Leiterin der Delegation der Europäischen Union in Haiti.

Die Bereitschaft, die zugesagten Spenden zu überweisen, sinkt ständig. Viele Geber kämpften mit den Folgen der Wirtschafts- und Finanzkrise und könnten ihre Zusagen nur noch schwer einhalten, erklärt Edmond Mulet, Chef der Uno-Stabilisierungsmission Minustah. Zudem ist Haiti ein Land, das kaum Interesse bei Investoren weckt. Es hat wenig zu bieten außer Mangos und billigen Arbeitskräften. Die Qualifizierten verlassen das Land: 86 Prozent der Haitianer mit Mittelschulabschluss leben heute in New York, Miami, Paris oder Montréal. Sie überweisen jährlich rund 1,5 Milliarden Dollar und halten die Wirtschaft des Landes so am Leben.

In dem karibischen Armenhaus gibt es keinen Rechtsstaat, kein Grundbuchamt, kaum geteerte Straßen, zu wenige Krankenhäuser und nur sporadisch Strom. Blauhelm-Chef Mulet spricht deshalb auch nicht gerne vom Wiederaufbau in Haiti. Das Land, sagt er, müsse von Grund auf saniert werden. „Wenn das nicht gelingt, ist alle Mühe vergeblich.“

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