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15.11.2016

19:30 Uhr

Handelsblatt Dinner in Wien

Christian Kerns unverstellter Blick

VonChristian Rickens

Österreichs Bundeskanzler Christian Kern ist neu in der europäischen Politik. Vielleicht sah er deshalb beim ersten Handelsblatt Dinner in Wien manche unangenehme Wahrheit deutlicher als andere Regierungschefs.

Österreichs Bundeskanzler Christian Kern (r.) stellt sich den kritischen Fragen von Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart. Bundeskanzleramt, Andy Wenzel

Erstes Handelsblatt Dinner in Wien

Österreichs Bundeskanzler Christian Kern (r.) stellt sich den kritischen Fragen von Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart.

WienPolitiker sind es gewohnt, von einem Termin zum anderen zu springen und sich binnen Minuten, ja Sekunden auf wechselnde Gesprächspartner einzustellen. Doch diesen Kontrast empfand selbst Christian Kern als drastisch: Gerade hatte der österreichische Bundeskanzler die „Gruft“ besucht, ein Wiener Betreuungszentrum für Obdachlose. Einer dieser Termine, wo es als Politiker darum geht, einfach mal zuzuhören und die Schicksale der Menschen auf sich wirken zu lassen.

Und dann, um 19:15 am Montagabend, Auftritt beim ersten Handelsblatt-Dinner in Österreich. Die Prachtvolle KuK-Kulisse der Sophiensäle. An den festlich gedeckten Tischen rund 300 Mitglieder und Freunde des Handelsblatt-Wirtschaftsclubs, darunter der deutsche Botschafter in Wien und viele Größen der österreichischen Wirtschaft. Hier war es für den Sozialdemokraten Kern mit Zuhören nicht mehr getan. Hier musste er vor einem anspruchsvollen Publikum selbst liefern.

Nach der Vorspeise stellte sich Kern den Fragen von Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart. Die Handelsblatt-Leser nördlich des Inn kennen das Veranstaltungsformat bereits unter dem Namen Deutschland Dinner. Die Grundidee: keine einschläfernd-entspannte Dinner-Plauderei, sondern ein journalistisch geführtes Live-Interview zwischen Vorspeise und Hauptgang, Redezeitbegrenzung und kritisches Nachhaken inklusive. Anschließend Fragen aus dem Publikum.

Vielleicht war es die blattgoldgeschwängerte Kulisse der Sophiensäle, vielleicht die Einstiegsbemerkung von Moderatorin Aline von Drateln („Selbst Donald Trump würde sich hier wohlfühlen“). Auch das Gespräch zwischen Steingart und Kern war jedenfalls sofort bei Trump und den Lehren aus der US-Präsidentschaftswahl. Kern: „Da passiert etwas in der amerikanischen Gesellschaft, das wir auch aus Europa kennen.“

Kern musste das Zuspitzen erst lernen

Auch in Europa gibt es schließlich eine untere Mittelschicht, die sich von Globalisierung und Digitalisierung überfordert fühlt und Populisten wählt, die einfache Lösungen versprechen. Wobei Kern mit dem Populismus-Begriff wenig anfangen kann: „Seit ich in der Zeitung gelesen habe, dass ich selbst einer bin, habe ich aufgehört darüber nachzudenken“.

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Dabei musste Kern das Zuspitzen nach eigenem Bekunden erst lernen. Der 50-jährige war Manager von Beruf, „Zahlenfriedhöfe und Excel-Tabellen sind eigentlich meine Welt“. Über 20 Jahre hinweg war er bei der Verbund AG, Österreichs größtem Stromversorger, bis zum Vorstandsmitglied aufgestiegen. Zwischen 2010 und 2016 leitete er dann die Österreichischen Bundesbahnen. Dass ihm bei beiden Jobs das Parteibuch der SPÖ zumindest nicht schadete, gehört zur üblichen Folklore des Austrokapitalismus. 2016 dann, nach dem Rücktritt von Vorgänger Werner Faymann, wurde aus dem Bahnchef der Bundeskanzler.

Österreichs Wirtschaft schwächelt seit Jahren

Und als Politiker begriff Kern schnell eine Grundregel des Geschäfts: „Nie ein Problem lösen, von dem die Menschen nichts wissen.“ Heißt im Umkehrschluss: Wer eine Lösung durchsetzen will, muss zuvor das Problem möglichst plakativ an die mediale Wand malen. Man kann das Populismus nennen – oder politisches Handwerk.

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Kern hat die Wachstumsschwäche Österreichs zu seinem großen Thema gemacht. Die österreichische Wirtschaft schwächelt seit Jahren. „Bis 2020 wollen wir den Eurozonenschnitt übertreffen“, hat sich Kern vorgenommen. Dazu setzt er auf einen Mix aus zusätzlichen öffentlichen Investitionen, Eigenkapitalspritzen für Banken und mehr Mut zu Experimenten in der Bildungspolitik – neue Schulden nicht ausgeschlossen. Sparen alleine, ist sich Kern sicher, bringt kein Wachstum.

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