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25.05.2012

07:08 Uhr

Handelsblatt-Umfrage

Mehrheit der Deutschen für ESC- und EM-Boykott

VonAndreas Niesmann

Dürfen Politiker den Song-Contest in Baku oder EM-Spiele in der Ukraine besuchen? Die Deutschen haben dazu eine klare Meinung. Das gilt auch für die Frage, wie sich Sportler oder Künstler verhalten sollten.

Häftling mit Handschellen: Darf man feiern, wenn die Opposition unterdrückt wird? dpa

Häftling mit Handschellen: Darf man feiern, wenn die Opposition unterdrückt wird?

DüsseldorfDie Diskussion kommt zuverlässig vor jeder Großveranstaltung in einem autoritären Staat auf: Sollten sportliche oder kulturelle Ereignisse in einem Regime stattfinden, das gegen Menschenrechte verstößt? Kritiker befürchten, dass Diktatoren und Potentaten von dem Glanz profitieren, den eine Fußball-Europameisterschaft, Olympische Spiele oder der Eurovision-Song-Contest einem Land bringen können. Befürworter von Großereignissen in autoritären Regimen verweisen dagegen darauf, dass solche Veranstaltungen durch die große mediale Aufmerksamkeit nicht nur dem Regime, sondern auch der unterdrückten Opposition eine Bühne bieten können.

Auch im Vorfeld des Eurovisison-Song-Contests (ESC) in Aserbaidschan gab es heftige Diskussionen - und vehemente Kritik von Menschenrechtlern. „Der ESC ist für die Mehrheit der Bürger in Aserbaidschan kein Glück“, sagte etwa die prominente Bürgerrechtlerin Lejla Junus und verwies auf Festnahmen von Regierungskritikern. Außerdem seien dutzende Menschen zwangsenteignet worden, um Platz für die eigens errichteten pompösen Neubauten zu schaffen.

Ähnlich wie Junus sieht auch eine Mehrheit der Deutschen kulturelle oder sportliche Großveranstaltungen in Autokratien kritisch. 69 Prozent lehnen es generell ab, solche Veranstaltungen an autoritär regierte Länder zu vergeben. Das ergab eine repräsentative Umfrage, die das Marktforschungsinstitut Mafo exklusiv für Handelsblatt Online erhob. Noch deutlicher war die Meinung der 1000 Befragten in der Debatte, ob westliche Politiker Großereignisse in autoritären Regimen besuchten sollten: 71 Prozent würden es lieber sehen, wenn ihre Volksvertreter zu Hause blieben.

Die Möglichkeit, zu Hause zu bleiben, haben Sportler und Künstler nicht. Doch auch sie müssen sich der Frage stellen, ob sie sich bei ihren Auftritten in autoritären Staaten für Menschenrechte starkmachen wollen, oder ob sie sich aus politischen Fragen heraushalten. Der Hip-Hopper Thomas D, Jurypräsident bei der deutschen Vorentscheidungsshow „Unser Star für Baku“, hatte sich im Vorfeld des ESC gegen eine zwanghafte Politisierung des Wettbewerbs ausgesprochen. „Wenn nicht der Künstler selber sagt, ich bin ein politischer Musiker, dann soll er auch nicht zum Instrument der Politik werden“, hatte der 43-Jährige gesagt.

Eine deutliche Mehrheit der Deutschen sieht das anders: 89,9 Prozent sind laut der Handelsblatt-Online-Umfrage der Meinung, dass Sportler und Künstler sehr wohl für Menschenrechte Position beziehen sollten, wenn sie in autoritären Ländern auftreten.

Auch bei der Frage nach Wirtschaftssanktionen gibt es ein klares Stimmungsbild: 77 Prozent der Befragten halten es grundsätzlich für richtig, wenn dieses Instrument eingesetzt wird, um Menschenrechte zu stärken.

Kommentare (11)

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Account gelöscht!

25.05.2012, 07:54 Uhr

NEIN !!! KEIN BOYKOTT ! Weil es dafür viel zu spät ist. Wir erleben hierbei (ESC und EM) erneut, wie im Grunde finanzkräftige Verbände und Interessengruppen schon vor langer Zeit "Politik machen" bzw. gemacht haben. Zu Zeiten, als sich noch keine Presse dafür interessiert hat, zu Zeiten, als man die Ausrichtungsentscheidung als blosse Nachricht allg. hingenommen hat.

Jetzt, nachdem viel Geld geflossen ist, nachdem viel investiert worden ist, nachdem ganze lokale Öffentlichleiten heiß gemacht und eingestimmt worden sind, kommen die Kritiker aus ihren Löchern hervor und maulen - mit Auswirkungen auf Künstler, Sportler und Politiker.

NEIN, sage ich zu solchen Boykottaufrufen, wenn sie stets erst 3 vor 12 aufkommen. Es wäre besser und fairer, wenn die Kritiker schon von Beginn an Debatten lostreten und führen, worauf bestenfalls sogar Entscheidungen rechtzeitig gefällt werden können, dass sich Unrechtsstaaten erst einmal demokratisch-freiheitlich bewähren.

Die Olympiade in Peking fand auch statt - mit großen Erfolgen sogar - auch wenn damals schon wg. Tibet "plötzlich" Boykottierungsforderungen für Politikerbesuche bei Eröffnungsfeiern laut und teilw. auch umgesetzt wurden.

Gleiches dürfen wir für 2018 wieder erwarten, wenn die Fussball-WM in Katar ausgetragen werden soll. Hierbei hatte es schon Kritiken zwar gegeben, die bezogen sich allerdings auf Korruptionen und das heiße Wüstenwetter dort und nicht auf politische und gesellschaftliche Unzulänglichkeiten des Gastgeberlandes.

Daher: Boykotte dieser Art nur dann, wenn zu ihnen rechtzeitig aufgerufen wird.

G4G

25.05.2012, 08:14 Uhr

Die Olympiade in China war eine Schande ! Als Konsument habe ich korrekt gehandelt. Audi hatte die Kampagne für Tibet finanziert. Fortan habe ich Audi aus der EInkaufliste gestrichen.
Als Konsumenten müssen wir realisieren, was wir mit unseren Einkäufen oder Kaufverweigerungen erreichne können.
Auf Politiker war und ist kein Verlass.
ESC und EM müssen für Demokraten tabu sein !
Nicht hinfahren, TV aus schalten und keine Fanartikel kaufen.
Dann knicken die Werbeeinnahmen ein, die Hotels bleiben leer und die Investoren hätten sich verzockt.
Nur so können diese Diktatoren lernen was Demokratie bedeutet.
Allen Fussballfans empfehle ich als Ersatz ein Freundschaftspiel mit dem Nachbardorf zu organisieren.
Das ist meine Bitte.

Brauner

25.05.2012, 08:15 Uhr

Sie sollten die Leser des Handelsblatts und darunter die Teilnehmer an (ziemlich sinnfreien) Online-Umfragen nicht mit einer repräsentativen Stichprobe verwechseln: Über die Meinung "Deutschlands" bzw. "der Deutschen" erfahren Sie so gar nichts. Ihre Überschrift empfinde ich als grob irreführend und die Schlußfolgerungen im Artikel ebenso. Haben Sie nichts Vernünftiges zu berichten?

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