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24.05.2013

17:06 Uhr

Handelskrieg mit China

„Wie du mir, so ich dir“

VonFinn Mayer-Kuckuk

Im Vorfeld des deutsch-chinesischen Gipfels kritisiert Pekings Top-Ökonom Xu Hongcai Brüssels Handelspolitik und kündigt Vergeltung an. Berlin müsse einen Handelskrieg verhindern.

China will fährt im Handelskrieg die Krallen aus.

China will fährt im Handelskrieg die Krallen aus.

PekingHerr Xu, die EU hat Zölle auf Solar- und Netzwerkprodukte aus China angekündigt. Droht nun ein Handelskrieg?
Es besteht durchaus die Möglichkeit. Das wäre allerdings sehr bedauerlich.

Peking hat seinerseits angekündigt, Zölle auf nahtlose Stahlrohre zu prüfen. Ist das als Warnung zu verstehen?

China folgt in der Handelspolitik dem Motto: "Wie du mir, so ich dir." Die Regierung in Peking hält sich jedoch bis jetzt noch sehr zurück und hofft auf eine gütliche Lösung.

Und wenn die sich nicht findet?

Das ist noch nicht ganz klar. China hat jedoch die Möglichkeit zu einem Gegenschlag, wenn die EU hart bleibt. Dann droht ein Teufelskreis von immer höheren Handelshürden auf beiden Seiten. In der aktuellen wirtschaftlichen Lage wäre das sehr ungünstig. Der Handel zwischen der EU und China ist im vergangenen Jahr bereits gesunken und seit Jahresbeginn erneut zurückgegangen. Der Handel mit den USA, Afrika und anderen Ländern ist dagegen gewachsen.

Welche Motive vermuten sie zu diesem Zeitpunkt hinter dem Konflikt?

Gerade im Falle der Netzwerkausrüster ist mir das Verhalten der EU ein Rätsel. Weder Huawei noch ZTE sind Staatsunternehmen. Von ungebührlichen Subventionen war bisher nichts bekannt. Diese Firmen sind innovativ und verfügen in China über eine kostengünstige Produktionsbasis. Daran ist jedoch nichts verboten. Beide Firmen schaffen auch in Europa Arbeitsplätze.

Knackpunkte der deutsch-chinesischen Beziehungen

Blühender Handel

Das Handelsvolumen zwischen China und Deutschland stieg im Jahr 2012 auf 161 Milliarden Dollar - ein Drittel des gesamten Handelsumfangs von China mit der EU. Aus China kommen verschiedenste Waren - von Kleidung und Schuhen bis zu Elektronik- und Metallwaren - nach Deutschland. Deutsche Unternehmen verkaufen auf dem prosperierenden chinesischen Markt Maschinen, Hightech-Komponenten und Autos.

Raues Investitionsklima

Deutsche Investoren klagen über Bürokratie und behördliche Willkür in China. Sie fordern gleiche Wettbewerbsbedingungen und mehr Rechtssicherheit - vor allem auch beim Urheberrechtsschutz. In Deutschland sieht mancher Firmenübernahmen wie die des Baumaschinenherstellers Putzmeister durch den chinesischen Sanyi-Konzern skeptisch. Bis zum Jahr 2020 könnten sich chinesische Investitionen hierzulande einer aktuellen Studie zufolge auf rund zwei Milliarden Dollar jährlich verdreifachen. Bislang gibt es keinen Grund für Angst vor einer chinesischen Firmeninvasion: Deren Investitionen machen gerade einmal 0,2 Prozent der Auslandsinvestitionen in Deutschland aus

Sorge um den Euro

Bei der Überwindung der Eurokrise setzt China vor allem auf Deutschland. Chinas Exporte sind als Folge der Schuldenkrise stark zurückgegangen, zudem sorgt sich die Regierung um ihre Devisenreserven. Nach Schätzung von Experten soll etwa ein Viertel der Rekordsumme von 3,3 Billionen Dollar in Euro angelegt sein. Im Zuge des Schuldenschnitts für Griechenland mussten im Jahr 2012 auch chinesische Staatsfonds herbe Verluste hinnehmen.

Streit um billige Solaranlagen

Auch deutsche Unternehmen der Solarbranche gingen wegen Konkurrenz aus China pleite. Die EU-Kommission hat nun ein Anti-Dumping-Verfahren angestrengt - wenn bis zum 5. Juni kein Kompromiss gefunden ist, drohen chinesischen Billigherstellern milliardenschwere Strafzölle. China wirft der EU Protektionismus vor. Deutschland könnte in dem Streit eine Schlüsselrolle spielen, denn die Zölle sind hierzulande umstritten: Industrievertreter verweisen darauf, dass 70 Prozent der Wertschöpfung für die in China montierten Module in Deutschland entsteht und Strafzahlungen auch hiesige Firmen in Mitleidenschaft zögen.

Ungeliebte Menschenrechtsdebatte

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) spricht Menschenrechtsfragen regelmäßig an, nimmt jedoch seit dem Eklat um den Besuch des Dalai Lama im Kanzleramt im Jahr 2007 auch Rücksicht auf chinesische Befindlichkeiten. Der sachliche Verlauf des jüngsten deutsch-chinesischen Menschenrechtsdialogs könnte als Hinweis auf eine größere Offenheit der neuen Führung in Peking gewertet werden. Sie will die umstrittenen Arbeitslager reformieren, in denen Hunderttausende ohne Prozess einsitzen. Was das Schicksal einzelner Dissidenten angeht, bleibt China unnachgiebig und verweist gerne darauf, dass in seiner Tradition das kollektive vor dem individuellen Wohl steht - eine Auffassung, die angesichts des teils brutalen Drucks auf Oppositionelle hierzulande auf wenig Verständnis stößt.

Schwieriger Kulturaustausch

Die chinesische Seite beklagt eine klischeehafte Darstellung ihres Landes in der deutschen Öffentlichkeit. Mehr Chinesischunterricht und mehr Jobs für China-Experten in Behörden forderte jüngst die Grünen-Abgeordnete Viola von Cramon mit Blick auf Politiker, die ohne Landeskenntnisse in Treffen mit bestens vorbereiteten chinesischen Kollegen gingen. Der Kulturaustausch entwickelte sich stark, wenn auch nicht gleichmäßig in beide Richtungen. So studierten zuletzt etwa 25.000 Chinesen hierzulande, umgekehrt zog es nur 6200 junge Deutsche in die Volksrepublik.

Der deutsche Wirtschaftsminister hat sich klar gegen die Zölle ausgesprochen. Wie wirkt das Verhalten der europäischen Länder auf Sie?

Es scheint große Systemprobleme zu geben, wenn Brüssel und die großen Mitgliedsländer wie Deutschland und Frankreich nicht mit einer Stimme sprechen. Aus unserer Sicht ist eine EU-Entscheidung dann legitimiert, wenn zumindest Deutschland und Frankreich an einem Strang ziehen. Aber Brüssel scheint zu eigenwilligen Alleingängen zu neigen.

Kommentare (10)

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MIB

24.05.2013, 18:32 Uhr

Das jährliche Handelsdefizit mit der VRC beträgt laut Bericht für Deutschland in 2012 ca. 10 Mrd. Euro. Wenn man sich die lange Zeitreihe - seit 1971 - beim Statistischen Bundesamt anschaut, hat Deutschland im China-Handel einen Verlust von ca. 185 Mrd. Euro „erwirtschaftet“.
Man kann daher sagen: Mehr Freihandel führt zu mehr Wohlstand, in China!
Eine rationale Außenwirtschaftspolitik müsste die Handelsbeziehungen aus nationalem Interesse sofort einstellen, da Deutschland als Volkswirtschaft Verluste macht, oder aber zumindest durch Zölle einen Null-Saldo erzwingen, um weiteren Schaden abzuwenden.
Für die EU als ganzes sehen die Zahlen noch schlechter aus. Es ist daher verständlich, wenn die EU nach Möglichkeiten zur Schadensbegrenzung sucht.
Es ist übrigens „interessant“, dass die Deutsche Politik und Medienöffentlichkeit diese Zahlen seit Jahrzehnten ignorieren, die Finanzhilfen für Griechenland aber in reißerischer Weise thematisiert werden. Zum Vergleich: Deutschland zahlt - nach Medienberichten - an Griechenland in 2013 gerade mal 0,733 Mrd. Euro Finanzhilfe. Der Handel mit China ist also ca. dreizehn Mal verlustbringender als die „Solidarität“ mit Griechenland.

Account gelöscht!

24.05.2013, 18:55 Uhr

"Zum Vergleich: Deutschland zahlt - nach Medienberichten - an Griechenland in 2013 gerade mal 0,733 Mrd. Euro Finanzhilfe. Der Handel mit China ist also ca. dreizehn Mal verlustbringender als die „Solidarität“ mit Griechenland."

Danke!
War mir schon lange klar das der deutsche Export-Fetisch auf jeden Fall geschützt werden muß.
Nicht nur das, alle sollen im Rahmen der "Globalisierung" gefälligst auf diesen Zug aufspringen. Warum eigentlich?
Um die paar Prozent für die Staatsanleihen durchzureichen?
Ich kaufe lieber eine Anleihe von einem Land welches in der Lage ist, sich selbst zu versorgen. Lohnstück-Kosten, my ass, Lohndrückerei hat noch kein Land reich gemacht, aber den Ausverkauf von Know-How macht ein Land auf die Dauer arm, zumindest die Bürger selbst, die Exporteure wohl eher nicht.
Hoffentlich dringt das noch mehr zur EU durch, erstmal den eigenen Stall aufräumen und dann den Schwerpunkt auf Exporte legen, und dann auch zum Wohle aller Beteiligten.
Alles geht nur bis zu einem gewissen Punkt, wenn geben und nehmen nicht mehr die Waage hält.

qwerrrrrrrrrrrr

24.05.2013, 20:05 Uhr

Gut, dass sich das die Chinesen nicht bieten lassen. Die Preistreiberei der letzten Jahrzehnte innerhalb der EU ist in einem globalen Markt eben nicht ohne Folgen, zumal die Auswirkungen wieder die eigenen Reihen trifft. Aber am meisten trifft's den wehrlosen Bürger bei uns. Die Unternehmen, könnte ich mir vorstellen, werden wohl von der Teuerungsrate wieder befreit, so wie die Stromgrossverbraucher von der EEG-Umlage.

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