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01.01.2012

11:15 Uhr

Happy Birthday

Abrechnung mit dem Euro

VonJan Mallien, Andreas Niesmann

Wir bezahlen seit zehn Jahren mit Euro-Scheinen – doch die Gemeinschaftswährung ist umstritten wie nie. Viele Deutsche fürchten, dass sie am Ende die Schulden der Krisenländer bezahlen müssen. Eine kritische Bilanz.

Euro vs. D-Mark: Vor- und Nachteile für Deutschland. Reuters

Euro vs. D-Mark: Vor- und Nachteile für Deutschland.

DüsseldorfDer Vertreter der deutschen Wirtschaft ist ein überzeugter Anhänger des Euro, daran lässt er keinen Zweifel. „Die Währungsunion wird uns helfen, im weltweiten Wettbewerb um Wachstum und Arbeitsplätze wieder aufzuschließen“, sagt er. Schon jetzt habe der Euro durch den Konvergenzdruck „heilsame Auswirkungen auf Stabilität und Haushaltsdisziplin“, fügt der Mann hinzu.

Diese Sätze sind nicht neu. Sie stammen aus dem Jahr 1996 und wurden vom damaligen BDI-Präsidenten Hans-Olaf Henkel, seinerzeit ein erklärter Euro-Anhänger, vor Journalisten in Bonn formuliert. Inzwischen sieht Henkel das alles ein bisschen anders. In Aufsätzen, Leitartikeln und Kolumnen, unter anderem bei Handelsblatt Online, schreibt er Sätze wie diesen: „Dass der Euro die Völker Europas zusammenführt, kann nur noch jemand behaupten, der seinen Kopf in den Sand steckt und die täglich sich neu auftuenden Risse innerhalb der Euro-Zone ignoriert.“

Die Chronologie des Euro

1. Juli 1987

Das Ziel Währungsunion wird im EG-Vertrag verankert.

7. Februar 1992

Unterzeichnung des EU-Vertrages von Maastricht, der die Währungsunion bis 1999 vorsieht und Beitrittskriterien festlegt.

1. November 1993

Ratifizierung des Maastricht-Vertrages. Aus den Europäischen Gemeinschaften (EG) wird die Europäische Union (EU). Dezember 1995: Als Einheiten der neuen Währung werden Euro und Cent festgelegt.

16. und 17. Juni 1997

Verabschiedung des Stabilitäts- und Wachstumspakts in Amsterdam. Einigung auf die „europäische Seite“ für die Münzen.

25. März 1998

Die EU-Kommission und das Europäische Währungsinstitut (EWI), Vorläufer der Europäischen Zentralbank (EZB) empfehlen elf Länder für den Start der Währungsunion. Außen vor bleiben aus freien Stücken Großbritannien, Dänemark, Schweden sowie Griechenland, das die Kriterien noch nicht erfüllt.

1. bis 3. Mai 1998

Ein Sondergipfel der EU-Gremien gibt in Brüssel grünes Licht für den Euro. Die Staats- und Regierungschefs bestimmen den 1. Januar 1999 als Start der Währungsunion.

31. Dezember 1998

Die Wirtschafts- und Finanzminister der EU legen den Umrechnungskurs des Euro zu den elf Teilnehmerwährungen endgültig fest. Danach ist ein Euro 1,95583 D-Mark wert.

1. Januar 1999

Der Euro wird gemeinsame Währung der elf Länder. In Euro bezahlt werden kann per Scheck, Kredit- oder EC-Karte. Das alte nationale Geld bleibt noch das allein gültige Zahlungsmittel.

4. Januar 1999

Die Finanzmärkte nehmen den Handel mit Euro auf.

Juli 1999

Die Herstellung des neuen Bargelds läuft an.

1. Januar 2001

Griechenland wird nach Erfüllung der Beitrittskriterien zwölftes Euroland-Mitglied - allerdings mit frisierten Haushaltszahlen, wie sich später herausstellt.

1. September 2001

Beginn der Ausgabe von Noten und Münzen an Banken und Handel.

1. Januar 2002

Der Euro wird gesetzliches Zahlungsmittel.

1. März 2002

Die D-Mark verliert ihre Gültigkeit, kann aber weiterhin gegen Euro eingetauscht werden.

1. Mai 2004

Zehn Länder in Mittel- und Osteuropa sowie im Mittelmeerraum werden neue EU-Mitglieder. Sie müssen die Gemeinschaftswährung übernehmen, sobald sie die Konvergenzkriterien erfüllen.

1. Januar 2007

Als erster der neuen EU-Staaten wird Slowenien 13. Mitgliedsland der Euro-Zone. Ein Beitrittsgesuch Litauens wird hingegen von der EU-Kommission wegen überhöhter Inflation abgelehnt.

1. Januar 2008

Malta und die Republik Zypern führen den Euro ein.

1. Januar 2009

Die Slowakei führt den Euro ein.

Frühjahr 2010

Griechenland kommt in immer größere Finanznöte und muss als erstes Euroland Milliardenhilfen beantragen. Damit nimmt eine Schuldenkrise ihren Lauf, die sich trotz neuer Milliarden-Hilfspakete auch für Irland und Portugal bis Ende 2011 dramatisch verschärft.

1. Januar 2011

Zum Auftakt des schlimmsten Krisenjahres führt Estland den Euro ein - als erste frühere Sowjetrepublik. Damit leben gut 330 Millionen Menschen im Euro-Raum mit 17 Mitgliedsländern.

April 2011

Nach einem Hilferuf aus Lissabon setzt die EU ein Rettungspaket für Portugal in Gang. Höhe: Rund 80 Milliarden Euro. Schäuble sieht die Gefahr einer Ausbreitung der Krise zunächst als gebannt an: „Die Ansteckungsgefahr ist geringer geworden.“

Sommer 2011

Athen beantragt ein zweites Hilfspaket. Es beläuft sich schließlich auf 159 Milliarden Euro. Erstmals beteiligen sich auch private Gläubiger Athens, ihr Anteil beträgt rund 50 Milliarden Euro.

Herbst 2011

Nach einem Doppelgipfel beschließen die Euro-Länder das bislang dickste Paket zur Eindämmung der Krise: Griechenlands Schulden werden um 50 Prozent gekappt. Das im Juli beschlossene 109-Milliarden-Programm wird modifiziert: Nun soll es zusätzliche öffentliche Hilfen von 100 Milliarden Euro geben, sowie Garantien von 30 Milliarden Euro, mit denen der Schuldenschnitt begleitet wird. Die Schlagkraft der EFSF soll auf rund eine Billion Euro erhöht werden. Zudem müssen Europas Banken ihr Kapital um mehr als 100 Milliarden Euro aufstocken.

Frühjahr 2012

Die Eurogruppe einigt sich auf eine Stärkung ihrer Rettungsschirme auf maximal 800 Milliarden Euro. Die spanische Regierung beschließt das größte Sparpaket seit Wiedereinführung der Demokratie im Jahr 1977 in Höhe von 27 Milliarden Euro.

Sommer 2012

Nach langem Zögern flüchten Spanien und auch Zypern unter den Euro-Rettungsschirm. Der Finanzierungsbedarf beider Länder zur Rekapitalisierung ihres Bankensektors ist noch unklar.

1. Januar 2017

Der Euro wird 15 Jahre alt. Doch es gibt wenig zu feiert. In der großen Koalition wächst die Sorge vor einer neuen Euro-Krise - und das ausgerechnet im Wahljahr 2017. Die Krisenherde: Italien, Griechenland, Portugal und Frankreich. Die gute Lage in Deutschland gilt dagegen unter Experten als Sonderfall.

Was in den 15 Jahren dazwischen passiert ist? Die Euro-Krise hat aus einem überzeugten Befürworter einen der schärfsten Kritiker der Gemeinschaftswährung gemacht. Aus Sicht Henkels hat das Euro-Projekt die großen Hoffnungen, mit denen es einst gestartet ist, nicht erfüllt. Das Beispiel des früheren BDI-Präsidenten mag extrem sein, aber so wie er denken viele Deutsche.

Vor zehn Jahren stürmten sie kurz nach Mitternacht an die Bank-Automaten, um euphorisch die ersten bunten Banknoten zu ziehen. Sie genossen in den Jahren danach die unbeschwerten Auslandsurlaube ohne Fremdwährungen im Portemonnaie. Doch die Freude währte nicht all zu lang. Inzwischen wollen viele nur noch eins: raus aus der Währungsunion. Zu Recht? Anlässlich des zehnten Jahrestages der Einführung des Euro-Bargeldes ist es an der Zeit, eine Bilanz zu ziehen.

Fakten über unsere Währung

Wie viele Euro sind im Umlauf?

14,4 Milliarden Geldscheine im Wert von 864 Milliarden Euro und 97 Milliarden Euro-Münzen im Wert von 23 Milliarden Euro sind derzeit im Umlauf.

Welche Scheine und Münzen gibt es am häufigsten?

Der Geldschein, von dem es die meisten Exemplare gibt, ist nicht etwa der häufig gebrauchte Fünf- oder Zehn-Euro-Schein. Mit einem Anteil von 34,5 Prozent sind die 500-Euro-Scheine öfter als alle anderen gedruckt worden. Zweitgebräuchlichster Schein ist der Fünfziger mit 33 Prozent. Bei den Münzen ist es einfacher: Je höher der Wert, desto häufiger ist sie geprägt worden. Die Zwei-Euro-Münze zum Beispiel macht allein über 40 Prozent aller Euro-Münzen aus.

Was bedeuten die Bilder auf den Euro-Scheinen?

Anders als bei den Münzen sehen die Euro-Scheine in allen teilnehmenden Ländern gleich aus. Robert Kalina von der Österreichischen Nationalbank hat sie entworfen. Die Bilder zeigen architektonische Stile aus sieben Epochen der europäischen Kulturgeschichte: Klassik, Romanik, Gotik, Renaissance, Barock, Rokoko, Eisenzeit und das moderne 20. Jahrhundert. Die Fenster und Tore auf der Vorderseite der Scheine symbolisieren die europäische Offenheit und Kooperation. Die Brückenbilder auf der Rückseite stehen für die Kommunikation zwischen den Europäern und zwischen Europa und dem Rest der Welt.

Wann werden Sondermünzen geprägt?

Am 1. Januar 2012 wurden zum zehnjährigen Jubiläum des Euro-Bargelds 90 Millionen besondere Zwei-Euro-Münzen ausgegeben. Das Motiv wurde aus den fast 35.000 Beiträgen eines Online-Wettbewerbs ausgewählt. Die Euro-Länder haben schon zweimal zuvor gemeinsam Jubiläumsmünzen ausgegeben: 2007 zum 50. Jahrestag der Römischen Verträge, und 2009 zum 10. Jahrestag der (bargeldlosen) Euro-Einführung.

Wie wichtig ist der Euro für die Weltwirtschaft geworden?

Der Euro wird auch über die Grenzen der EU hinaus immer wichtiger. In den vergangenen Jahren hat er etwa ein Viertel der gesamten Devisenreserven ausgemacht. Außerdem ist der Euro die zweitmeist aktiv gehandelte Währung auf dem Devisenmarkt.

Der größte Gewinner des Euro ist die deutsche Exportwirtschaft. Ihre wichtigsten Absatzmärkte liegen in der Euro-Zone – wo nach wie vor fast die Hälfte der deutschen Ausfuhren hin gehen. Vor der Einführung der Gemeinschaftswährung hatte die harte D-Mark den deutschen Firmen schwer zu schaffen gemacht. Wann immer es an den Märkten kritisch wurde, flüchteten Investoren in deutsche Bundesanleihen und trieben damit den Wechselkurs der D-Mark in die Höhe. Durch die kontinuierliche Aufwertung der Landeswährung wurden deutsche Exportgüter im Ausland teurer und verloren damit an Attraktivität.

Dieser unerwünschte Effekt ist durch die Gemeinschaftswährung komplett verschwunden. Und nicht nur das: Deutschland verbesserte durch den vergleichsweise schwachen Euro auch seine Wettbewerbsfähigkeit gegenüber anderen Nicht-Euro-Ländern wie Großbritannien oder Japan. Nach Schätzungen der Unternehmensberatung McKinsey profitierte die deutsche Wirtschaft  von diesem Effekt im Jahr 2010 mit rund 113 Milliarden Euro. Anders hingegen ging es der Exportwirtschaft in klassischen Weichwährungsländern wie Italien: Ihre Wettbewerbsfähigkeit verschlechterte sich.

Kommentare (47)

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Schaeffler

01.01.2012, 11:33 Uhr

Herr Pofalla, bitte bleiben Sie sachlich.

kleinerMann

01.01.2012, 11:35 Uhr

Wohl eher einer kleinen verblödeten Euro4ever-Minderheit!

Nachdenken war wohl nie eine Ihrer Stärken was?

Tilljenka

01.01.2012, 11:52 Uhr

Im diesem Kommentar ist so furchtbar viel falsch und entstellt. Grauenhaft, wenn man bedenkt, dass dieses Geschreibsel im HB steht.
Zum Beispiel ist der Anteil Deutschlands am Export in der Eurozone im Vergleich zu DM-Zeiten von 46 auf 40% gesunken. Die Eurozone ist also nicht so bedeutend, wie hier dargestellt - die Globalisierung hat prinzipiell dazu beigetragen, dass die Handelsströme vergrößert wurden. Deutschland hat nichs vom Euro gehabt - im Gegenteil. In den PIGS sind die Löhne seit Einführung des Euro um 40 - 70% gestiegen. Erkauft mit dem Kapitalstrom aus Deutschland. Heute können die PIGS nicht abwerten - sondern die Deutschen werden mit ihrem Wohlstand zahlen. Genau das ist auch der Sinn des "politischen Projekts" Euro.
Erstaunlich finde ich, dass ich Deutschland keine Debatten stattfinden. Insbesondere nicht bei den lieblichen Grünwählern - alles, was die Regierung sonst macht, wird mit Kritik begleitet - außer bei Euro. Denn da ist die Euroideologie dazwischen. Ein Projekt wie der Sozialismus früher im Osten. Euphemistisch verklärt als die kommende Weltwährung, als Vehikel, um Europa in seiner Bedeutung weltweit zu stärken gegen China und die USA. Wie dümmlich und naiv gedacht! Erstens ist das nicht der Fall, weil es keine europäische Nation gibt und wohl nie geben wird - zum Glück!, und zweitens, weil Europa dann DER politische Gegner der USA und Chinas wäre. Dann müsste Europa eine Politik wie die USA machen und wohl mit Atom-U-booten mit ballistischen Raketen in den Ozeanen kreuzen. Das ist die europäische Denke der zu kurz gekommenen, eine Denke, verhaftet im 19. Jahrhundert. In Europa gibt's Tendenzen, die dem Zentralismus entgegenstehen: Belgien, Spanien... die Tschechen und Slowaken haben ihr Land getrennt und sollen wieder zwangsvereinigt werden in den "Vereinigten Staaten von Europa"? Das ist lachhaft. Utopisches Wunschdenken gepaart mit insbesondere deutschem Größenwahn und deutscher Überheblichkeit, wie sie bei den Nazis nicht größer war!

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