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22.06.2014

19:57 Uhr

„Happy Haarschnitt“

Thailands Junta versucht es mit Zwangsbeglückung

Thailands Armee zieht nach dem Militärputsch alle Charme-Register: Es gibt tanzende Soldatinnen, die WM-Spiele auf großer Leinwand umsonst und gratis Haarschnitte. Der Juntachef beglückt das Volk mit eigenen Dichtungen.

In Thailand sind derzeit alle glücklich. Die Armee unterhält das Volk mit Musik, Fußball und Gedichten. dpa

In Thailand sind derzeit alle glücklich. Die Armee unterhält das Volk mit Musik, Fußball und Gedichten.

BangkokSoldaten beschallen die Menschen am vollen Platz des Sieger-Denkmals in Bangkok vom Dach ihres Truppentransporters mit Popmusik. Sie haben die Uniformärmel hochgekrempelt, scherzen mit Leuten, posieren für Fotos. Auf meterhohen Reklame-Leinwänden rund um den Platz zeigt die Armee zwischen Werbesports für Bier und Shampoo Kriegsfilmszenen aus dem Militärarchiv und Soldaten im Kriseneinsatz. Die Botschaft: die Armee, Dein Freund und Helfer.

Vor einem Monat hat das thailändische Militär geputscht. Ein Machtkampf zwischen der Regierung und ihren Gegnern hatte das Land sechs Monate fast lahmgelegt. Ohne Aussicht auf eine Lösung stürzte Armeechef Prayuth Chan-ocha die gewählte Regierung. Der Putsch war unblutig, es gab keine Panzer auf den Straßen. Seitdem tut Prayuth alles, um sich beim Volk einzuschmeicheln. Die nächtliche Ausgangssperre wurde nach drei Wochen aufgehoben. Das Armee-Programm lautet offiziell: „Das Volk wieder glücklich machen“.

Der Aufstand in Thailand

Den Teufel mit dem Belzebub austreiben…

… so erscheint die Lage in Thailand. Das gesamte politische Establishment in Thailand gilt als korrupt. Das gilt sowohl für die Shinawatra-Familie als auch den „Volkstribun“ Suthep Thaugsubahn. Als früherer Minister hatte er regierungseigenes Land, das an arme Bauern verteilt werden sollte, reichen Familien aus Phuket zugeschanzt.

Teuer bezahlen…

… müssen die Financiers die Proteste. Seit drei Monaten halten die Tausenden Regierungsgegner Straßen und Plätze rund um das Democracy Memorial nördlich des Zentrums von Bangkok besetzt. Sie sind gut organisiert, verfügen über Bühnentechnik, Videowände und Tonanlagen. Gratis verköstigt werden die Demonstranten ebenfalls. Schon jetzt hat der Protest umgerechnet an die zwei Millionen Euro gekostet.

Hinter den Kulissen…

… ziehen die Eliten die Strippen. Die in Singapur erscheinende Tageszeitung „The Straits Times“ glaubt zu wissen, wer so viel Geld ausgibt, um Regierungschefin Yingluck Shinawatra zu stürzen: Es seien vor allem die großen Getränke- und Nahrungsmittelkonzerne des Landes.

Als Land der Coups…

… gilt Thailand. In der konstitutionellen Monarchie ist es häufig zu Staatsstreichen gekommen. In den vergangenen 47 Jahren gab es acht erfolgreiche Putsche. „Am Ende hat das königstreue Militär sich stets weiter eng im Zentrum der politischen Macht unter dem Schatten des allmächtigen Palastes gehalten“, sagt Politologe Paul Chambers.

Die Gelbhemden…

… tragen Gelb, weil es die Farbe des Königs ist. Die „Gelbhemden“ repräsentieren die königstreuen, alten Eliten, die ihre Privilegien und ihren Reichtum dem Königshaus verdanken. Aber auch die meist städtische Mittelschicht, etwa Händler, Beamte und Offiziere der Armee gehören dazu. Ihr Anführer ist Suthep Thaugsuban, selbst sehr reich: Seiner Familie gehören Ölpalmenplantagen und Garnelenzuchtanlagen. Die Bewegung ist dort stark, wo das große Geld gemacht wird: in Bangkok und den Touristenhochburgen im Süden des Landes.

... gegen die Rothemden.

Die Rothemden kommen in erster Linie aus dem bevölkerungsreichen, aber armen Norden. Es sind meist Bauern, kleine Händler, aber auch Polizisten, die die Regierung von Yingluck Shinawatra unterstützen, weil sie sich von ihr eine Fortsetzung der Politik ihres Bruders Thaksin versprechen.

Der Bruder im Exil…

… Thaksin Shinawatra war von 2001 bis 2006 Regierungschef und hatte sich damals bei den ärmeren Schichten beliebt gemacht. Er investierte etwa in die ländliche Infrastruktur und ging gegen die Drogenbarone vor. Mit dem Vorwurf, er habe Amtsmissbrauch betrieben und sei korrupt gewesen, wurde Thaksin 2006 vom Militär gestürzt. Er lebt seitdem in Dubai im Exil. An dem Amnestiegesetz, das seine Schwester verabschieden wollte und das ihm vermutlich die Rückkehr nach Thailand ermöglicht hätte, entzündeten sich im November 2013 die Proteste. Für die Mittelklasse und Oberschicht ist er ein Feindbild, seine Schwester wird von den Gelbhemden als seine „Marionette“ betrachtet.

Die Rolle des Königs…

… ist keine besonders große mehr. König Bhumibol, seit 1946 im Amt und damit das am längsten regierende Staatsoberhaupt der Welt, genießt zwar noch immer hohen Respekt auf beiden Seiten, ist aber seit Jahren schwer krank und greift kaum mehr aktiv – vermittelnd – in die Politik ein. Königstreue schreiben sich vor allem die Gelbhemden auf die Fahne. Sie werfen ihren Gegnern vor, nicht königstreu (genug) zu sein. Mit Bhumibols Tod wird nach Ansicht des Politologen Paul Chambers die Macht des Palastes weiter abnehmen. „Der Druck nach politischem Pluralismus ist zu groß geworden.“

Am Wochenende sind die Kinosäle zum Bersten gefüllt. Es ist nicht der neueste Tom Cruise-Streifen, der die Leute vor die Leinwand lockt, sondern ein heimischer Historienschinken über glorreiche Schlachten. Der Eintritt ist frei, die Militärjunta lässt grüßen.

Bei Musikfestivals im ganzen Land geben Soldaten die DJs. Von wegen Marschmusik: sie legt Populäres auf, Soldatinnen rocken rhythmisch auf der Bühne. „Wie in Nordkorea“, ätzt jemand auf Twitter, und lädt Fotos tanzender Soldatinnen aus beiden Ländern hoch.

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