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Harvard-Studie zu Restaurants

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Welche Zweifel gibt es

Zur statistischen Absicherung gibt es im Studientext die Einräumung, dass das Hauptergebnis „nur in bestimmten Spezifikationen“ statistisch signifikant sei. Statistikexperte Walter Krämer rät dazu, bei solchen Formulierungen hellhörig zu werden, denn sie deuten darauf hin, dass ziemlich viel mit den Daten herumprobiert wurde, bis brauchbare Ergebnisse im Sinne der Autoren herauskamen. Wenn das passiert, entwertet es die üblichen Kennzahlen für statistische Verlässlichkeit der Ergebnisse.

Ein Blick auf die grafische Darstellung zeigt denn auch, dass wenige Städte das Ergebnis stark beeinflussen. Nur ein Ergebnis bezeichnen die Autoren selbst als „robust“, dass nämlich eine Mindestlohnerhöhung schlecht bewerteten Restaurants mehr Probleme macht als gut bewerteten. Was den Gesamteffekt auf die Marktaustrittswahrscheinlichkeit angeht, sprechen sie dagegen nur von „suggestiver Evidenz“. Das ist die unterste Kategorie der Verlässlichkeit.

Die in der Zusammenfassung herausgestellte um 14 Prozent erhöhte Austrittswahrscheinlichkeit für Restaurants mittlerer Bewertung ist nicht ganz so dramatisch, wie sie etwa die viel gelesene Website „Zero Hedge“ der „Schock-Studie aus Harvard“ zuschrieb. Wenn die Wirkungsanalyse stimmt, dann macht etwa jedes 140. Restaurant dieser Kategorie wegen eines um einen Dollar erhöhten Mindestlohns zu. Das ist nicht nichts, aber auch nicht dramatisch. Nimmt man dagegen das nur am Ende der Studie mitgeteilte Ergebnis für alle Restaurants zum Maßstab, dann erscheint die um vier bis zehn Prozent erhöhte Austrittswahrscheinlichkeit noch bescheidener. Demnach wäre nur jedes 500. Restaurant betroffen.

Mindestlöhne in der EU – hier gibt's am wenigsten

Platz 16

In Tschechien liegt der gesetzlich garantierte Mindestlohn pro Stunde bei 2,44 Euro in der Stunde.

Quelle: Statista (Stand Januar 2017)

Platz 17

In Ungarn liegt der garantierte Lohn bei 2,35 Euro pro Stunde.

Platz 18

Die Beschäftigten in Litauen erhalten einen Mindestlohn von 2,32 Euro.

Platz 19

Zu den Schlusslichtern zählen die Letten. Ihr Mindestlohn: 2,25 Euro pro Stunde.

Platz 20

Vorletzter im EU-Vergleich sind die Beschäftigten in Rumänien mit 1,65 Euro pro Stunde.

Platz 22

Die Regierung in Sofia hat für Bulgarien einen gesetzlichen Mindestlohn von 1,42 Euro pro Stunde festgelegt.

Bleibt die Frage, ob die Zahl der Restaurants und Arbeitsplätze insgesamt sinkt, oder ob die frei werdenden Lokalitäten durch neue, bessere Restaurants ersetzt werden, oder schon bestehende  Restaurants mehr Leute einstellen. Diese Frage kann die Studie nicht beantworten, weil die Anzahl der Beschäftigten in den Yelp-Daten nicht enthalten ist. Der wichtigste Faktor, der in der Theorie zu steigender oder stagnierender Beschäftigung durch höhere Mindestlöhne führen kann, wird also nicht geprüft.

Was die Anzahl der Restaurants angeht, ermitteln die beiden Ökonomen einen negativen Einfluss des Mindestlohns, von dem sie allerdings einräumen, dass er statistisch nicht signifikant ist, also zufallsgetrieben sein könnte. Die Größenordnung des Effekts, den man einer Tabelle entnehmen muss, ist zudem bescheiden. Die Anzahl der Restaurants je 10.000 Einwohner sinkt von einem Durchschnitt von 45 für jeden Dollar mehr Mindestlohn um 0,1 bis 0,2, was 0,2 bis 0,4 Prozent ausmacht.

Fazit: Der wissenschaftliche Konsens in Sachen Einfluss von Mindestlohnerhöhungen auf Niedriglohnsektoren wie das Gaststättengewerbe wankt aufgrund dieser Studie nicht. Die ausgehfreudigen Kalifornier müssen nicht befürchten, ihr notorisch gesundes und fades Essen künftig selbst zubereiten zu müssen.

Kommentare (56)

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Herr Lothar Bitschnau

20.04.2017, 10:01 Uhr

Branchenumfassende Mindestlöhne sind kein Wettbewerbsnachteil, sondern erhöhen die Wettbewerbsgerechtigkeit durch Regelangleichung ( zB. Bau, Gastronomie, Logistik) und senken den Existenzstress der arbeitenden Menschen.

Herr Heinz Keizer

20.04.2017, 10:12 Uhr

In Deutschland ist seit Jahren ein Sterben von gastronomischen Betrieben festzustellen. Dies ist hauptsächlich auf zunehmende Reglementierungen und damit verursachten Kostensteigerungen zurückzuführen. Das gilt für Lohn(neben)kosten genauso, wie für andere Kosten. Eine neutrale Studie wird es wohl nicht geben. Für Betriebe im Niedrigpreissektor wirken sich Mindestlöhne bzw. deren Erhöhung deutlich stärker aus, als bei Betrieben im Hochpreissektor. Die Erkenntnisse der Forscher ist nachvollziehbar, wenn sie auch nicht als repräsentativ angesehen werden können.

Herr Tom Schmidt

20.04.2017, 10:18 Uhr

@Bitschnau

aber nur wenn der Beschäftigte den Mindestlohn auch bekommt. Die Branchen, in denen die Wertschöpfung einfach zu gering ist, bauen mit dem Mindestlohn dann einfach Beschäftigung ab.

Gastronomie ist ein schönes Beispiel: Der Kunde bezahlt die Löhne der Mitarbeiter, das Restaurantgebäude, die Kapitalkosten, die Zutaten und den Gewinn des Betreibers.

Die Alternative ist deutlich billiger: im Supermarkt was holen und selber kochen, oder conveniant-Produkte als eine gewisse Zwischenform. Wenn es also nicht schmeckt, dann fällt das Geschäft sofort weg. Und wenn es zu teuer wird, dann auch. Wenn der Betreiber keinen Gewinn macht... dann auch... Und das Gebäöude wird auch nicht billiger... bis das steht, muss auch viel Arbeit (mit Mindest- oder höheren Löhnen) geleistet werden...

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