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20.04.2017

09:42 Uhr

Harvard-Studie zu Restaurants

Wie schädlich sind Mindestlöhne?

VonNorbert Häring

Schaden Mindestlöhne der Beschäftigung im Niedriglohnsektor? Viele Studien legen nahe, dass sogar das Gegenteil der Fall sein könnte. Nun haben Forscher einen neuen Ansatz gewählt – mit Hilfe der Bewertungsplattform Yelp.

Ein höherer Mindestlohn kann unter Umständen sogar zu mehr Arbeitsplätzen im Niedriglohnsektor führen. Reuters

Fastfood-Restaurant in Kalifornien

Ein höherer Mindestlohn kann unter Umständen sogar zu mehr Arbeitsplätzen im Niedriglohnsektor führen.

FrankfurtDer kalifornische Gesetzgeber hat jüngst beschlossen, dass der Mindestlohn bis 2022 von derzeit 10 auf 15 Dollar steigen wird. Gut zwei Fünftel der Beschäftigten in dem Staat verdienen nach Medienberichten derzeit weniger als 15 Dollar die Stunde. Eine Reihe von Städten, darunter San Francisco, hat den heftig umstrittenen Mindestlohn von 15 Dollar schon vorher beschlossen.

Entsprechend viel Aufmerksamkeit bekommt deshalb in US-Medien eine Studie aus der Elite-Uni Harvard, derzufolge höhere Mindestlöhne zu deutlich mehr Restaurantschließungen führen. Die populäre Finanz-Website „Zero Hedge“ spricht von einer „Schock-Studie aus Harvard“.  Die Trump-nahe Nachrichten-Website „Breitbart“ fand ihren ganz eigenen Zugang. „Mindestlohnerhöhungen drängen Nicht-Eliten-Restaurants aus dem Geschäft“, hieß es dort.

Urheber der Aufregung ist das amerikanische Ökonomenehepaar Dara Lee Luca und Michael Luca. Es ist angetreten, den wissenschaftlichen Erkenntnisstand zum Einfluss von Mindestlohnerhöhungen auf die Restaurantbranche umzukrempeln. Dara Lee arbeitet für das Institut Mathematica Policy Research, Michael lehrt an der Harvard Business School. Beide sind auf datengetriebene Politikanalyse spezialisiert. Für ihre Mindestlohnstudie kooperierten sie mit der Bewertungsplattform Yelp.

Mindestlöhne in der EU - die Top 6

Platz 6

Mit einem gesetzlichen Mindestlohn von 8,84 Euro liegen die deutschen Beschäftigten auf Rang sechs aller EU-Staaten, die überhaupt einen solchen Mindestlohn eingeführt haben.

Quelle: Statista (Stand Januar 2017)

Platz 5

Die Iren erhalten pro Stunde 9,25 Euro garantiert.

Platz 4

In Belgien liegt der Mindestlohn bei 9,28 Euro.

Platz 3

Die Regierung in den Niederlanden hat einen Mindestlohn von 9,52 Euro festgelegt – Platz drei im EU-Vergleich.

Platz 2

Die Beschäftigten in Frankreich können mit einem Mindestlohn von 9,76 Euro pro Stunde rechnen.

Platz 1

Den höchsten gesetzlichen Mindestlohn pro Stunde erhalten die Beschäftigten in Luxemburg: 11,27 Euro.

Platzhirsche auf dem hart umkämpften Gebiet der Mindestlohnstudien sind David Card und Alan B. Krueger. 1994 und 2000 veröffentlichten sie Studien zur Beschäftigungsentwicklung in Fast-Food-Restaurants der benachbarten Bundesstaaten Pennsylvania und New Jersey, nachdem in New Jersey der Mindestlohn erhöht worden war. 2010 folgte eine Studie von Dube, Lester und Reich, die den gleichen Ansatz auf viele Paare von benachbarten Kreisen in verschiedenen Bundesstaaten anwandte. In allen Studien war das Ergebnis, dass ein höherer Mindestlohn nicht zu Beschäftigungsverlusten, sondern eher zu Beschäftigungsgewinnen in dieser Niedriglohnbranche führt.

Die Theorie dahinter: Wenn die Restaurants wenig zahlen, ist es für sie schwer, genügend hinreichend gute Mitarbeiter zu finden. Um mit höheren Löhnen mehr Mitarbeiter anzuziehen, müssten die Firmen auch den schon vorhandenen Mitarbeitern mehr zahlen, was sie zögern lässt. Müssen sie das ohnehin tun, stellen sie tendenziell mehr Leute ein.

Das Ökonomenpaar Luca hat einen anderen Ansatz gewählt. Sie schauten sich für ihr Arbeitspapier auf Yelp die Bewertungen, Zugänge und Abgänge von Restaurants in der Region San Francisco an. Dort haben verschiedene Städte unterschiedlich hohe Mindestlöhne eingeführt. Die beiden untersuchten, ob ein höherer Mindestlohn die Wahrscheinlichkeit verändert, dass ein Restaurant schließt.  

Das Ergebnis hat es in sich: „Die Daten deuten darauf hin, dass höhere Mindestlöhne die Marktaustrittsrate von Restaurants erhöht“, schreiben die beiden. Das treffe vor allem Restaurants mit schlechten Bewertungen, die ohnehin existenzbedroht seien. Für ein Restaurant mit mittlerer Bewertung ermitteln sie eine um 14 Prozent erhöhte Wahrscheinlichkeit des Marktaustritts, wenn der Mindestlohn um einen Dollar pro Stunde steigt. Für Restaurants in der höchsten Bewertungskategoire (5 Sterne) ist kein Einfluss festzustellen.

Das legt nahe, dass die Gefahren von Mindestlöhnen ernster genommen werden müssen, als das in den Studien von Card und Krueger suggeriert wird. Denn ein Restaurant, das die Pforten schließt, kann auch keine Mitarbeiter mehr beschäftigen.

Allerdings müsste der Effekt statistisch abgesichert und ökonomisch bedeutsam sein, und er darf nicht durch andere Effekte, etwa eine höhere Zahl an Neueröffnungen systematisch kompensiert werden. In allen drei Punkten gibt die Studie jedoch Anlass zu Zweifeln.

Kommentare (56)

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Herr Lothar Bitschnau

20.04.2017, 10:01 Uhr

Branchenumfassende Mindestlöhne sind kein Wettbewerbsnachteil, sondern erhöhen die Wettbewerbsgerechtigkeit durch Regelangleichung ( zB. Bau, Gastronomie, Logistik) und senken den Existenzstress der arbeitenden Menschen.

Herr Heinz Keizer

20.04.2017, 10:12 Uhr

In Deutschland ist seit Jahren ein Sterben von gastronomischen Betrieben festzustellen. Dies ist hauptsächlich auf zunehmende Reglementierungen und damit verursachten Kostensteigerungen zurückzuführen. Das gilt für Lohn(neben)kosten genauso, wie für andere Kosten. Eine neutrale Studie wird es wohl nicht geben. Für Betriebe im Niedrigpreissektor wirken sich Mindestlöhne bzw. deren Erhöhung deutlich stärker aus, als bei Betrieben im Hochpreissektor. Die Erkenntnisse der Forscher ist nachvollziehbar, wenn sie auch nicht als repräsentativ angesehen werden können.

Herr Tom Schmidt

20.04.2017, 10:18 Uhr

@Bitschnau

aber nur wenn der Beschäftigte den Mindestlohn auch bekommt. Die Branchen, in denen die Wertschöpfung einfach zu gering ist, bauen mit dem Mindestlohn dann einfach Beschäftigung ab.

Gastronomie ist ein schönes Beispiel: Der Kunde bezahlt die Löhne der Mitarbeiter, das Restaurantgebäude, die Kapitalkosten, die Zutaten und den Gewinn des Betreibers.

Die Alternative ist deutlich billiger: im Supermarkt was holen und selber kochen, oder conveniant-Produkte als eine gewisse Zwischenform. Wenn es also nicht schmeckt, dann fällt das Geschäft sofort weg. Und wenn es zu teuer wird, dann auch. Wenn der Betreiber keinen Gewinn macht... dann auch... Und das Gebäöude wird auch nicht billiger... bis das steht, muss auch viel Arbeit (mit Mindest- oder höheren Löhnen) geleistet werden...

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