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20.10.2011

01:52 Uhr

Helmut Schmidt zum Trichet-Abschied

"Das Euro-Krisengerede ist leichtfertiges Geschwätz"

VonDirk Heilmann

In seiner Rede bei der Verabschiedung von EZB-Chef Trichet übte Altbundeskanzler Schmidt heftige Kritik an der Politik. Deren Unfähigkeit sei eine viel größere Bedrohung für den Euro als die Staatsverschuldung.

Altkanzler Helmut Schmidt bei der Verabschiedung von Trichet. Reuters

Altkanzler Helmut Schmidt bei der Verabschiedung von Trichet.

FrankfurtEs war ein vorgezogener Euro-Gipfel, der am Mittwochabend in der Frankfurter Alten Oper zusammentrat. Bundeskanzlerin Angela Merkel, Europas Spitzen von José Manuel Barroso bis Hermann von Rompuy, Zentralbanker und Finanzminister. Doch mitten in der Krise ging es einmal für zwei Stunden nicht um den Kampf gegen die Schuldenkrise, sondern darum, den Präsidenten der Europäischen Zentralbank, Jean-Claude Trichet, würdig in den Ruhestand zu verabschieden. Hunderte prominenter Gäste aus Politik und Finanzwesen waren dazu gekommen. Sie waren jedenfalls deutlich in Überzahl gegenüber den rund 50 Protestierern hinter den Drängelgittern.

Die Chronik der Schuldenkrise

25. März 2010

Beim EU-Gipfel einigen sich die Euro-Länder auf einen Notfallplan für das hoch verschuldete Griechenland. Der Plan sieht freiwillige Hilfen einzelner Euro-Länder und des Internationalen Währungsfonds (IWF) vor. Griechenlands Ministerpräsident Giorgos Papandreou betont: „Griechenland ist entschlossen, mit seinen eigenen Problemen fertig zu werden.“

10. Mai 2010

Um die Schuldenkrise einzudämmen, spannen die Finanzminister und der IWF einen Rettungsschirm (EFSF) für pleitebedrohte Euro-Mitglieder. Insgesamt 750 Milliarden Euro sollen im Notfall fließen. Der damalige Kanzleramtsminister Thomas de Maizière resümiert, jetzt komme „Ruhe in den Karton“.

21. November 2010

Als erstes EU-Land schlüpft Irland unter den EFSF. Europäer und IWF schnüren ein Hilfspaket von 85 Milliarden Euro. EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy hält Sorgen vor einem Überschwappen auf Portugal für unbegründet: „Gerede über eine Ansteckung hat keine wirtschaftliche oder rationelle Grundlage.“

25. März 2011

Der ständige Krisenfonds wird mit über 700 Milliarden Euro ausgestattet. Der Stabilitätspakt wird verschärft, Defizitsündern drohen auch bei einer zu hohen Gesamtverschuldung Sanktionen. Die 17 Euro-Länder wollen sich in der Sozial-, Steuer- und Haushaltspolitik enger abstimmen.

8. April 2011

Nach einem Hilferuf aus Lissabon setzt die EU ein Rettungspaket für Portugal in Gang. Höhe: Rund 80 Milliarden Euro. Schäuble sieht die Gefahr einer Ausbreitung der Krise zunächst als gebannt an: „Die Ansteckungsgefahr ist geringer geworden.“

20. Juni 2011

Die EU-Finanzminister beschließen eine Ausweitung des EFSF. Deutschlands Anteil steigt von 123 auf 211 Milliarden Euro. Damit bis zu 440 Milliarden Euro an Krediten gezahlt werden können, müssen die Euro-Länder ihre Garantien auf 780 Milliarden Euro erhöhen. Merkel verteidigt das: „Scheitert der Euro, scheitert Europa.“

23. Juni 2011

Athen beantragt ein zweites Hilfspaket. Es beläuft sich schließlich auf 159 Milliarden Euro. Erstmals beteiligen sich auch private Gläubiger Athens, ihr Anteil beträgt rund 50 Milliarden Euro.

8. August 2011

Die Europäische Zentralbank (EZB) kauft nun auch Staatsanleihen von Italien und Spanien auf, um beide Länder zu stützen.

 

23. - 27. Oktober 2011

Nach einem Doppelgipfel beschließen die Euro-Länder das bislang dickste Paket zur Eindämmung der Krise: Griechenlands Schulden werden um 50 Prozent gekappt. Das im Juli beschlossene 109-Milliarden-Programm wird modifiziert: Nun soll es zusätzliche öffentliche Hilfen von 100 Milliarden Euro geben, sowie Garantien von 30 Milliarden Euro, mit denen der Schuldenschnitt begleitet wird. Die Schlagkraft der EFSF soll auf rund eine Billion Euro erhöht werden. Zudem müssen Europas Banken ihr Kapital um mehr als 100 Milliarden Euro aufstocken. „Ich bin sehr zufrieden mit den Ergebnissen“, bilanziert Merkel. Und Frankreichs Finanzminister François Baroin sagt erleichtert: „Es gab ein Explosionsrisiko. Das Abkommen von heute Nacht ist eine freundschaftliche, globale und glaubwürdige Antwort.“

01. November 2011

Griechenlands-Ministerpräsident Papandreou kündigt völlig überraschend eine Volksabstimmung über das neue Milliarden-Rettungspaket für Griechenland an. Damit stößt er Merkel und Sarkozy vor den Kopf, die den griechischen Staatschef zum Appell zitieren. Am Vorabend des G20-Treffens in Cannes setzen sie sich mit dem Griechen, IWF-Chefin Christine Lagarde und Euro-Gruppen-Chef Jean-Claude Juncker zusammen. „Wir haben Papandreou, ohne ihm einen wirklichen Vorwurf zu machen, darauf hingewiesen, dass sein Benehmen illoyal ist“, wird Juncker am Tag darauf im ZDF-„Morgenmagazin“ sagen. Der unerwartete Vorstoß habe nun zu erheblichen Verstimmungen an den Finanzmärkten und in europäischen Regierungskreisen geführt. Die wichtigste Frage sei, ob Griechenland in der Euro-Zone bleibt oder nicht, so Juncker: „Wir hätten gerne, dass Griechenland Mitglied bleibt, aber nicht zu jedem Preis.“

02. November 2011

Kaum eine Woche im Amt überrascht der neue Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) die Öffentlichkeit: Aus Sorge um die Wirtschaft in der anhaltenden Griechenland-Krise, senkt Mario Draghi den Leitzins von 1,5 auf 1,25 Prozent. Gleichzeitig wird die bereits gebilligte Kreditauszahlung von acht Milliarden Euro an Griechenland auf Eis gelegt.

6. November 2011

Nach einer quälenden Hängepartie einigen sich die beiden großen politischen Lager in Athen auf eine Übergangsregierung. Hauptziel soll die Umsetzung der EU-Beschlüsse vom 27. Oktober sein. Später soll es Neuwahlen geben. Wer die neue Regierung führen soll, darüber wird noch tagelang gestritten. Die Konservativen fordern weiterhin zuerst einen Rücktritt des Sozialisten Papandreou.

8. November 2011

Nun steht auch Silvio Berlusconi vor dem Aus. Bei der Abstimmung über den Rechenschaftsbericht 2010 verfehlt er im italienischen Parlament die absolute Mehrheit. Am Abend kündigt er seinen Rücktritt an. Zuvor sollen aber noch die Brüssel zugesagten Reformen beschlossen werden.

9. November 2011

Griechenlands Regierungschef Giorgos Papandreou kündigt in Athen seinen Rücktritt an. Im italienischen Parlament drücken die Fraktionschefs derweil aufs Tempo und einigen sich darauf, dass die Reformen innerhalb weniger Tage durchs Parlament gehen sollen. Staatspräsident Giorgio Napolitano ernennt den ehemaligen EU-Wettbewerbskommissar Mario Monti überraschend zum Senator auf Lebenszeit - das wird in Rom als Signal gedeutet, dass Monti Nachfolger von Berlusconi werden könnte.

10. November 2011

Die Akteure in Athen einigen sich auf einen neuen Ministerpräsidenten: Der frühere EZB-Vizepräsident Lucas Papademos (parteilos) soll eine Übergangsregierung bis zu Neuwahlen führen und im Parlament die von den internationalen Geldgebern verlangten Reformen durchsetzen. In Italien scheint Silvio Berlusconi mit Mario Monti als neuem Regierungschef einverstanden zu sein.

09. Dezember 2011

Nahezu alle Mitgliedstaaten einigen sich beim EU-Gipfel in Brüssel nach zähen Verhandlungen auf eine Fiskalunion. Großbritannien steht im Abseits. Eine Spaltung der EU wird abgewendet.

12. Januar 2012

In Athen beginnt eine wichtige Verhandlungsrunde über einen Schuldenschnitt der privaten Investoren für Griechenland.

13. Januar 2012

Standard & Poor's senkt die Bonität Frankreichs um eine Stufe auf AA. Acht weitere Euro-Länder sind ebenfalls betroffen.

14. März 2012

Die Eurogruppe gibt ein zweites Griechenland-Paket frei. Der IWF beteiligt sich daran mit 28 Milliarden Euro.

30. März 2012

Die Eurogruppe einigt sich auf eine Stärkung ihrer Rettungsschirme auf maximal 800 Milliarden Euro. Die spanische Regierung beschließt das größte Sparpaket seit Wiedereinführung der Demokratie im Jahr 1977 in Höhe von 27 Milliarden Euro.

09. Juni 2012

Spaniens Regierung kündigt an, zur Sanierung der maroden Banken ein Rettungspaket "light" zu beantragen. Die Eurogruppe sagt Madrid bis zu 100 Milliarden Euro zu.

17. Juni 2012

Bei der Neuwahl in Athen siegen die reformwilligen Konservativen. Europa atmet auf, das Schreckensszenario eines griechischen Euro-Austritts scheint zumindest vorerst gebannt.

25. Juni 2012

Nach langem Zögern flüchten Spanien und auch Zypern unter den Euro-Rettungsschirm. Der Finanzierungsbedarf beider Länder zur Rekapitalisierung ihres Bankensektors ist noch unklar.

Trichet zeigte sich noch einmal als Schöngeist und zitierte in seiner Rede Johann Wolfgang von Goethe: „Wissen ist nicht genug, wir müssen es anwenden. Wollen ist nicht genug, wir müssen es tun.“ Klarer formulierte er seinen Ärger über die Politik nicht – bei früheren Gelegenheiten hat er keinen Hehl daraus gemacht, dass er sich von den Regierungen oft im Stich gelassen fühlte.

Das übernahm für ihn Altbundeskanzler Helmut Schmidt.  „Das Gerede von einer Krise des Euro ist leichtfertiges Geschwätz von Politikern und Journalisten“, schimpfte er.  In Wahrheit handele es sich „um eine Krise der Handlungsfähigkeit der politischen Organe“. Und fügte hinzu: „Für die weitere Zukunft Europas ist das eine viel größere Bedrohung als die Überschuldung einiger Euro-Länder.“

Sarkozy in Frankfurt: Krisentreffen drehte sich um Euro-Fragen

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Das Ringen um eine Lösung der Euro-Krise wird immer dramatischer.

„Allein die EZB hat sich als handlungsfähig und als wirksam erwiesen“, lobte Schmidt. Unter Trichets Führung habe sie „nach eigener Einsicht pragmatisch gehandelt“. Dabei habe sie ihre Unabhängigkeit bewahrt.

Mitglieder des Zentralbankrates äußerten  anschließend beim Empfang  ihre Genugtuung über Schmidts Worte. Auch der frühere hessische Ministerpräsident und heutige Chef des Baukonzerns Bilfinger Berger, Roland Koch, lobte Schmidts Rede. „Alle leiden darunter, dass es zu langsam geht“, sagte er, zeigte aber auch Verständnis. „Das ist ein Problem, das zur Baugeschichte Europas gehört.“
Schmidt erinnerte daran, wie nach 1945 mit Hilfe des Marshallplans Deutschland und Europa wieder aufgebaut worden seien. Nun gebe es keine Ausreden, sondern „die Pflicht zur Solidarität“ innerhalb der Euro-Zone.

Kommentare (76)

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GausN

19.10.2011, 21:21 Uhr

Die Petra Roth "Bürgermeister von Frankreich".... da hätten die Franzosen nix zu lachen ;-)

Account gelöscht!

19.10.2011, 21:28 Uhr

.
Senil,
wie das ganze Land das sich bemüht ihn immer wieder zu Wort kommen zu lassen.
.

Account gelöscht!

19.10.2011, 21:30 Uhr

Unsere Politiker, einschliesslich Helmut Schmidt, haben eine erstaunlich eingetrübte Wahrnehmung. Um einen solchen Grössenwahn zu finden, muss man zurück bis ins dritte Reich.

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