Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

08.01.2010

09:20 Uhr

Herman van Rompuy

Belgier mit „null Charisma“ und „ruhiger Beharrlichkeit“

VonRuth Berschens , Peter Müller

Europas Präsident Herman van Rompuy, derzeit auf Antrittsbesuch, war jetzt zu Gast in Wildbad Kreuth. Großer Auftritt? Fehlanzeige. Der Belgier hält sich insgesamt vornehm zurück und wirkt im Stillen. Zurückhaltend propagiert er sein Hauptziel: Wachstum für die EU. Das Herz der Bayern hat er so aber noch nicht erobert.

Reuters

BRÜSSEL/WILDBAD KREUTH. Nein, Europas neuer Präsident liebt das Rampenlicht wirklich nicht. Ohne ein Wort eilt Herman Van Rompuy an den wartenden Journalisten vorbei in die CSU-Klausurtagung. Eineinhalb Stunden später verschwindet er wieder - immer noch eisern schweigend. Was dazwischen hinter verschlossenen Türen geschieht, reißt die Christsozialen nicht von den Stühlen. Der "knochentrockene" Belgier habe "null Charisma", klagen Teilnehmer. Noch nicht einmal über den EU-Beitritt der Türkei wollte der Belgier mit der CSU diskutieren - obwohl die Bayern-Partei mit diesem Thema doch so gerne die politische Stimmung aufheizt.

Mit dem diskreten Auftritt in Wildbad Kreuth bleibt Van Rompuy seiner Devise treu: Bloß nicht auffallen. Seit seiner Berufung am 19. November stattete der unscheinbare kleine Mann mit der Halbglatze schon einer ganzen Reihe von EU-Mitgliedstaaten einen Antrittsbesuch ab, wovon die Öffentlichkeit allerdings kaum etwas bemerkte. Vielleicht ist das klug. Der ehemalige Regierungschef des kleinen Belgien weiß schließlich, wem er seinen sagenhaften Aufstieg zum ersten permanenten Präsidenten des Europäischen Rates zu verdanken hat. Die EU-Regierungschefs haben ihn gewählt, und sie bestimmen auch darüber, wie viel Einfluss Van Rompuy in seiner zweieinhalbjährigen Amtszeit faktisch ausüben kann. Präsidenten, Premierminister und Kanzler(innen) aber lassen sich in der Öffentlichkeit nicht gern die Schau stehlen.

Also hat Van Rompuy beschlossen, keinen Wirbel zu machen und im Hintergrund zu wirken. Dort hat er allerdings schon Pflöcke eingeschlagen. Beim EU-Gipfel vor Weihnachten in Brüssel machte er seinen Machtanspruch deutlicher, als es manche erwartet hätten: Die Agenda der EU-Gipfel werde künftig allein er festlegen, und bei Bedarf wolle er auch an EU-Ministerräten teilnehmen.

Inhaltliche Schwerpunkte hat der Flame ebenfalls vorgegeben. Dabei sieht der studierte Ökonom und Ex-Zentralbanker seine erste Priorität in der Wachstumspolitik: "Die EU braucht ein Wachstum von zwei Prozent, wenn sie mit dem Rest der Welt Schritt halten will." Das ist seine Kernbotschaft. Der gläubige Katholik verkündet sie landauf, landab in Europa. Am Dienstag predigte er sie in Den Haag, gestern in Wildbad Kreuth. Und wie erreicht die EU das hehre Ziel? Van Rompuys Antwort darauf klingt wenig überraschend: mit strikter öffentlicher Haushaltsdisziplin, einer innovationsgetriebenen Wirtschaft und gut ausgebildeten Arbeitnehmern.

Dass die EU sich von diesem Idealzustand in den letzten Jahren eher entfernt hat, muss Van Rompuy klar sein. Doch davon will er sich nicht schrecken lassen. "Keine Realpolitik ohne Idealpolitik", lautet einer seiner Leitsätze. Und er weiß auch, wie er seine Ideale verwirklichen will: ohne öffentliches Getöse, dafür aber mit viel "ruhiger Beharrlichkeit".

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf "Zum Home-Bildschirm"

Auf tippen, dann "Zum Startbildschirm hinzu".

×