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19.09.2014

13:13 Uhr

Highlander, Tag 5

„Das fühlt sich nach Nationalismus an“

An diesem Donnerstag entscheiden die Schotten über eine einfache, aber weitreichende Frage: Soll das Land nach 307 Jahren unabhängig vom Vereinigten Königreich werden? Unser Reporter Jan Mallien reist in der Referendums-Woche durch das Land und versucht zu ergründen, wie die Schotten ticken. Über seine Begegnungen berichtet er in seinem Tagebuch. Zum Abschluss schreibt er vom Tag danach.

Unterwegs in Schottland während der Referendums-Woche: Unser Reporter Jan Mallien.

Unterwegs in Schottland während der Referendums-Woche: Unser Reporter Jan Mallien.

Tag 5: Ich bin ziemlich K.O. Über Nacht war ich in Edinburgh unterwegs und habe mit vielen Leuten gesprochen. Wenn ich als Journalist auf Recherche bin, ist es anders, als wenn ich privat durch die Stadt ziehe. Sonst käme ich bei vielen Leuten nie auf die Idee sie anzusprechen. Als Journalist muss ich das. Und ich muss schnell entscheiden, ob jemand interessant genug ist, um mit ihm weiterzureden oder ob ich lieber nach einem höflichen Abgang suche.

Meine Runde beginne ich in der Royal Mile mitten in Edinburgh. Hier reiht sich Pub an Pub. Ich laufe in eine Gruppe baskischer Separatisten, die draußen vor einem Pub sitzen. Im Nu sitze ich mit ihnen am Tisch. Sie schenken mir Aufkleber ihrer baskischen Nationalpartei. „Independenzia“ steht darauf und: „I AM A BASQUE“.

Einer von ihnen heißt Aitor. Er hofft auf die baldige Unabhängigkeit seiner Heimat und gibt sich zuversichtlich: „Schottland wird ein guter Präzedenzfall.“ Das Baskenland habe bereits eine weitreichende Autonomie, aber das ist ihm nicht genug. Aitor hat etwas Verbissenes. „Spanien ist ein historischer Fehler“, sagt er mit erregter Stimme. Das fühlt sich nach Nationalismus an.

Ich habe eine gewisse Sympathie für das Argument, das ein unabhängiges Schottland demokratischer wäre und näher an den Bedürfnissen der Menschen. Das betonen viele Schotten. Genauso wie viele sagen, sie hätten nichts gegen England. Doch auch bei manchen Schotten schwingt ein nationalistischer Unterton mit. Das ist wahrscheinlich die Minderheit, aber dieser Unterton ist mir zuwider.

Ein 17-Jähriger Schüler sagte zum Beispiel: „Wir wollen unser Öl endlich für uns selbst haben.“ Und er behauptet, dass 50 Prozent der Steuereinnahmen aus Schottland nach London gingen und nur zwei Prozent zurückkämen. Eine Frau von der No-Kampagne beklagt, dass viele ihr vorwerfen würden, nicht patriotisch zu sein. Manche hätten sie „Tory“ genannt. Das ist der Spitzname für die konservative Partei. In Schottland ist Tory ein schlimmes Schimpfwort. Die Cameron-Partei ist hier einfach so unbeliebt.

Ich mache noch einen kurzen Abstecher zu einem Wahllokal und gehe dann zum schottischen Parlament. Die Straße ist fest in der Hand der Yes-Anhänger. Mir kommen viele Leute entgegen, die sich Schottland-Fahnen umgehängt haben. Manchmal werden sie von hupenden Autos gegrüßt.

Nach dem Schottland-Referendum: „Was für ein trauriger Tag“

Nach dem Schottland-Referendum

„Was für ein trauriger Tag“

Schottland hat entschieden: Die Mehrheit hat sich für den Verbleib im Vereinigten Königreich ausgesprochen. Wie die Schotten am Tag nach dem historischen Referendum das Endergebnis aufnehmen.

Vor dem Parlament sieht es aus wie bei einem Fußballspiel. Viele tragen Fahnen, manche haben sich die blau-weiße schottische Fahne auf die Wange geschminkt, andere tragen einen Schottenrock. Ein Mann spielt auf dem Dudelsack die inoffiziellen Nationalhymne „Flower of Scotland“.

Dann lege ich mich kurz ins Bett. Um halb fünf klingelt der Wecker zum ersten Mal. Ich greife nach meinem Handy und schaue auf die Ergebnisse. No liegt in Führung. Ich gehe raus auf die Straße. Dort treffe ich Matthew Mundell, der gerade von der Wahlparty der Yes-Anhänger auf dem historischen Calton Hill Hügel im Zentrum von Edinburgh kommt. „Was für ein trauriger Tag“, sagt er. Ich begleite ihn ein Stück.

Matthew ist 28 Jahre und kommt von der Insel Islay an der Westküste Schottlands. Er arbeitet für eine Whisky-Firma, die mehrere Destillerien betreibt. In drei Stunden muss er zur Arbeit. Aber er meint: „Die Leute werden da heute nur enttäuscht rumhängen.“ Bei ihm in der Firma seien die meisten für die Unabhängigkeit gewesen.

Zu mir sagt er, als Journalist müsste ich jetzt eigentlich in Glasgow sein. „Da geht jetzt was ab. Das sag ich dir.“ Hier in Edinburgh seien die Leute ruhiger. „Aber ich bin sicher, es gibt hier heute viele Leute, die sehr sauer sind.“ Er selbst sieht die Sache gelassener: „Das ist eben Demokratie.“ Und er gibt sich kämpferisch: „Ich bin sicher, dass dies nicht das Ende der Unabhängigkeit ist.“

Ich kann mir nicht vorstellen, dass es so schnell wieder ein Referendum geben wird. Die Sache ist erst mal vom Tisch. Unterm Strich ist das wohl das Beste. Eine Unabhängigkeit hätte einfach viele Probleme gebracht. Gerade jetzt kann Europa das nicht gebrauchen. Dennoch hat das Referendum etwas verändert: Schottland wird mehr Autonomie bekommen.

Ich werde auf jeden Fall zurückkommen und schauen, was daraus wird.

Kommentare (16)

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Frau Helga Trauen

15.09.2014, 12:21 Uhr

Es sollte ein gutes Recht sein, Sezessionen durchzuführen. Ob in Schottland, Spanien oder der Ukraine! Auch Bayern würde selbstverständlich dazu gehören.
Es zeigt auch, welch gutes Renommé die EUSSR hat - den in ihr angelegten Totalitarismus möchte niemand erleben. Nur die ideologievergifteten Euromanen...

Herr Johann Brädt

15.09.2014, 12:33 Uhr

Totalitarismus hahahaha

Herr Renatus Isenberg

15.09.2014, 12:46 Uhr

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