Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

02.02.2016

16:28 Uhr

Hilfe in Syriens Nachbarstaaten

Mehr Geld und Jobs sollen Flüchtlinge aufhalten

Rund neun Milliarden Dollar sollen zusammenkommen: Bei einer Geberkonferenz in London wollen die Vereinten Nationen Hilfsmittel für ihr Flüchtlingshilfswerk und die syrischen Nachbarstaaten einsammeln.

Von den 4,6 Millionen Bürgerkriegsflüchtlingen, welche die UNO außerhalb Syriens registriert hat, leben 630.000 in Jordanien. dpa

UNHCR-Flüchtlingslager Zaatari in Jordanien

Von den 4,6 Millionen Bürgerkriegsflüchtlingen, welche die UNO außerhalb Syriens registriert hat, leben 630.000 in Jordanien.

LondonDas fehlende Geld für syrische Flüchtlinge in den Nachbarstaaten ist einer der Gründe für den Massenexodus nach Europa. Nur 3,3 Milliarden Dollar (drei Milliarden Euro) konnten die Vereinten Nationen vergangenes Jahr einsammeln. Als die Lebensmittelrationen gekürzt wurden, machten sich zehntausende Menschen aus Hunger auf den Weg.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) richtet gemeinsam mit ihrem britischen Kollegen David Cameron am Donnerstag in London eine Geberkonferenz aus: 7,73 Milliarden Dollar für das UN-Flüchtlingshilfswerk und 1,23 Milliarden Dollar direkt für die betroffenen Länder Jordanien, Libanon, Türkei, Irak und Ägypten sollen zusammenkommen.

„Das ist nicht nur im Interesse Syriens und seiner Nachbarn“, mahnte Cameron insbesondere die Geberländer aus der EU. „Es ist im Interesse der Europäer. Denn je mehr wir den Menschen helfen, in der Region zu bleiben, je weniger müssen nach Europa kommen.“

Islamistische Terrorgruppen

Islamischer Staat

Der sogenannte Islamische Staat ging aus einem Ableger des Terrornetzwerks Al-Kaida hervor. Im Irak-Krieg 2003 kämpfte die Gruppe gegen die US-Armee, 2013 setzte sie auf Expansion. Als „Islamischer Staat im Irak und in Syrien (Isis)“ griff sie im syrischen Bürgerkrieg ein. Sie wurde stärker und lieferte sich Machtkämpfe mit anderen Islamisten, darunter Al-Kaida. In eroberten Gebieten in Syrien und im Irak riefen die Dschihadisten – nun als Islamischer Staat (IS) – ein Kalifat aus, in dem sie brutal gegen Gegner vorgehen. Dschihadisten in anderen Ländern schworen dem IS ihre Treue. Seit einiger Zeit verübt die Terrormiliz auch Anschläge außerhalb Syriens und des Irak.

Ansar Beit Al-Makdis

Die ägyptische Organisation ist eine der Gruppen, die sich dem IS angeschlossen haben. Seit Ende 2014 bezeichnet sich Ansar Beit al-Makdis („Unterstützer Jerusalems“) als „Provinz Sinai“ des IS. Laut ägyptischem Innenministerium gehören der Zelle rund 2000 Kämpfer an. Die Islamistentruppe verübt vor allem auf der Sinai-Halbinsel und in Kairo Anschläge.

Taliban

Die 2001 in Kabul gestürzten radikalislamischen Taliban haben weiterhin in großen Teilen Afghanistans Einfluss. Seit dem Auslaufen des Nato-Kampfeinsatzes bemüht sich die afghanische Führung verstärkt um Friedensgespräche mit ihnen. Weiterhin verüben die Taliban aber verheerende Anschläge in allen Teilen des Landes und nehmen Gebiete ein. Pakistans Grenzgebiet zu Afghanistan ist ein Rückzugsgebiet für die Taliban und Al-Kaida. Dort sind Gruppen wie die Tehrik-E-Taliban Pakisten (TTP) oder das Haqqani-Netzwerk aktiv. Auch die Gruppe Laschkar-E-Taiba („Armee der Reinen“) agiert von Pakistan aus auf dem Subkontinent.

Al-Kaida

1988 gründeten Dschihadisten in Afghanistan das Terrornetzwerk Al-Kaida („Die Basis“). Später richteten sich dessen Angriffe gegen die USA und Westeuropa. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 war Al-Kaida-Chef Osama bin Laden bis zu seinem Tod der meistgesuchte Terrorist der Welt. 2011 tötete eine US-Spezialeinheit Bin Laden im pakistanischen Abbottabad. Seit 2001 setzt das Terrornetzwerk zunehmend auf Regionalisierung.

AQAP

Zu den weitgehend unabhängig agierenden Al-Kaida-Ablegern zählt die 2008 aus der Vereinigung des jemenitischen mit dem saudi-arabischen Zweig entstandene Al-Kaida auf der Arabischen Halbinsel (Al-Qaeda in the Arabian Peninsula/AQAP). Die Terrorgruppe verübt seit Jahren immer wieder Anschläge. Der im Januar 2015 ermordete Redaktionsleiter des Satiremagazins „Charlie Hebdo“, Stéphane Charbonnier, stand auf einer „Fahndungsliste“ des Dschihad-Magazins „Inspire“, das von AQAP veröffentlicht wird. Die USA greifen im Jemen regelmäßig Lager der Gruppe mit Drohnen an.

AQMI

Die ursprünglich algerische Gruppe Alk-Kaida im islamischen Maghreb (AQMI) versucht, Tunesien, Marokko, Algerien, Mauretanien, Niger und Mali durch Anschläge und Entführungen zu destabilisieren. Sie hat auch Rückzugsgebiete in Libyen. Auch die aus Libyen stammende Organisation Ansar al-Scharia („Unterstützer des islamischen Rechts“) verübt Anschläge in Tunesien.

Ansar Dine

Anhänger der Gruppe besetzten 2012 gemeinsam mit Tuareg-Rebellen den Norden Malis. Ihr werden Verbindungen zu Al-Kaida im islamischen Maghreb nachgesagt. Dem Terrorregime der Ansar Dine fielen viele Menschen mit westlichem Lebensstil zum Opfer. Französische und afrikanische Truppen vertrieben die Extremisten weitgehend aus der Region. Es kommt aber weiterhin zu Gefechten und Anschlägen auf Sicherheitskräfte in Mali.

Boko Haram

Die islamistische Terrorgruppe führt in Nigeria einen blutigen Feldzug zur Errichtung eines sogenannten Gottesstaats. Boko Haram heißt so viel wie: „Westliche Bildung ist verboten“. Die sunnitischen Dschihadisten werden für viele Attentate und Angriffe verantwortlich gemacht. Schätzungen zufolge wurden seit 2009 mehr als 14.000 Menschen getötet. Die selbst ernannten „Gotteskrieger“ kontrollieren Teile Nordostnigerias und versuchen auch, Gebiete in den Nachbarländern Kamerun und Niger zu erobern. Die Gruppe schwor der IS-Miliz Gefolgschaft.

Al-Shabaab

Die radikale Miliz verbreitet in Somalia Angst und Schrecken und verübt auch in Nachbarländern wie Kenia Anschläge. Zwar vertrieben Regierungstruppen und Soldaten der Afrikanischen Union die Extremisten 2011 aus der Hauptstadt Mogadischu, Al-Shabaab beherrscht aber noch weite Teile Mittel- und Südsomalias. Die Organisation hat Verbindungen zum Terrornetzwerk Al-Kaida und kooperiert mit den Extremisten von Boko Haram in Nigeria.

Jemaah Islamiyah

Die Anfang der 1990er Jahre von Indonesiern in Malaysia gegründete Terrorgruppe war bisher in Indonesien, Malaysia und im Süden der Philippinen aktiv. Sie will ein Kalifat in Südostasien errichten und steht Al-Kaida nahe. 2002 ermordeten Jemaah Islamiya-Terroristen bei Bombenanschlägen auf der indonesischen Ferieninsel Bali 202 Menschen, darunter mehr als 150 ausländische Touristen. Weitere Anschläge folgten.

Die genauen Beiträge der mehr als 70 Delegationen werden erst am Donnerstag verkündet. Aber klar ist: Sie müssen mehr als doppelt so viel zahlen wie 2015. Die Hilfsorganisation Oxfam hat schon vor dem finalen Geschacher Vorbilder und Buhmänner ausgemacht: Spendabel zeigten sich Länder wie Deutschland, Großbritannien und Schweden. Als knauserig wurden Frankreich, Russland und Saudi-Arabien angeprangert.

Die Geberkonferenz soll sich aber nicht im Spendensammeln erschöpfen: Ein zweiter Schwerpunkt liegt auf dem Versuch, die Flüchtlinge außerhalb Syriens in Arbeit zu bringen. Dafür brauche es „konkrete Aktionen“, forderte Co-Gastgeber Cameron.

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) sagte kürzlich: „Langfristig müssen Bildung und Arbeit zur Eindämmung des Flüchtlingszuzugs nach Europa beitragen.“ Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) gab das Ziel vor, in der Türkei, im Libanon und in Jordanien 500.000 Jobs zu schaffen.

Die syrischen Flüchtlinge und die Nachbarstaaten

Fast vier Millionen Flüchtlinge

Der syrische Bürgerkrieg hat sich zu einer humanitären Katastrophe entwickelt. Mehr als 3,8 Millionen Syrer sind ins Ausland geflohen, seit vor vier Jahren der Aufstand gegen Präsident Baschar al-Assad begann. Die meisten von ihnen sind in den Nachbarländern untergekommen und haben diese damit vor erhebliche Schwierigkeiten gestellt. Viele von ihnen sind nirgendwo registriert. Hier ein Überblick über die Situation. (Quelle: AP)

Libanon

1,2 Millionen Flüchtlinge sind registriert. In den oft spontan errichteten Notunterkünften werden jedoch noch zahlreiche weitere Vertriebene vermutet. Mit einer ursprünglichen Einwohnerzahl von 4,5 Millionen ist der Libanon damit nach Angaben der Vereinten Nationen das Land mit der höchsten Flüchtlingsquote der Welt. Die Regierung in Beirut hat aus Furcht um die innere Stabilität des Landes eine Reihe von Beschränkungen für Syrer verhängt. Eine der wichtigsten ist die Visumpflicht.

Jordanien

Nach offiziellen Angaben sind 625 000 Syrer nach Jordanien geflohen. Viele Flüchtlingslager stehen direkt an der Grenze zu Syrien, andere in der Nähe von Großstädten. Im größten Lager, Sataari, leben etwa 84 000 Flüchtlinge unter direkter Verwaltung der Regierung und der Vereinten Nationen.

Türkei

Der nördliche Nachbar Syriens hat 1,6 Millionen Bürgerkriegsflüchtlinge registriert. Die Regierung hat 21 Flüchtlingslager errichtet, zu denen auch Schulen und medizinische Einrichtungen gehören.

Irak

Der Irak wird selbst von einem Bürgerkrieg erschüttert. Trotzdem hat er 245 000 Flüchtlinge aufgenommen. Die meisten von ihnen sind Kurden, die in die von ihren Stammesverwandten bewohnten Gegenden im Nordirak gezogen sind. Zehntausende hausen in Zeltstädten oder eilig aus dem Boden gestampften Baracken. Die Regierung der weitgehend autonomen Kurdenregion im Irak erlaubt den Flüchtlingen eine große Freizügigkeit. Einige haben Arbeit und Wohnungen in Städten gefunden.

Ägypten

Die Regierung in Kairo geht nach eigenen Angaben von 136 000 Bürgerkriegsflüchtlingen aus. Doch selbst Beamte schätzen, dass hunderttausende Syrer im Land leben, die nicht registriert sind.

Jordaniens König Abdullah II. wird auch nach London kommen, und er hat eine Alarmglocke mit im Gepäck. „Zum ersten Mal können wir nicht so weitermachen“, sagte er vorab mit Blick auf die zunehmenden Spannungen zwischen einheimischer Bevölkerung und Flüchtlingen. Und fügte mit Blick auf den Zielkontinent Europa hinzu: „Früher oder später könnte der Damm brechen.“

Von den 4,6 Millionen Bürgerkriegsflüchtlingen, welche die UNO außerhalb Syriens registriert hat, leben 630.000 in Jordanien. Die dortigen Behörden gehen von einer Zahl von mehr als einer Million in ihrem Land aus – bei einer Gesamtbevölkerung von nur 9,5 Millionen Menschen. Ohne mehr Hilfe von der internationalen Gemeinschaft bleibe seinem Land keine Alternative zu „schmerzhaften Maßnahmen“, die noch mehr Flüchtlinge nach Europa treiben würden, warnte Planungsminister Imad al-Fachuri.

Von

afp

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×