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16.08.2014

11:03 Uhr

Hilfslieferungen und Kurzbesuch

Steinmeier sagt bedrängten Irakern Solidarität zu

Im Nordirak sind die ersten Hilfslieferungen aus Deutschland angekommen. Gleichzeitig macht Außenminister Steinmeier bei seinem Kurzbesuch den Menschen Mut. Es sei Zeit für ein „Signal der Solidarität“.

Ein Transall Transportflugzeug der Bundeswehr hat Hilfslieferungen nach Erbil, der Hauptstadt des Kurdengebietes im Irak, gebracht. Bundesaußenminister Steinmeier sichert der Bevölkerung weitere Unterstützung zu. dpa

Ein Transall Transportflugzeug der Bundeswehr hat Hilfslieferungen nach Erbil, der Hauptstadt des Kurdengebietes im Irak, gebracht. Bundesaußenminister Steinmeier sichert der Bevölkerung weitere Unterstützung zu.

BagdadEine Maschine der Bundeswehr mit rund sechs Tonnen Material an Bord landete am frühen Samstagmorgen auf dem Flughafen der Kurdenmetropole Erbil, wie eine Sprecherin des Verteidigungsministeriums in Berlin sagte. Weitere Flüge sollen im Laufe des Tages folgen.

Insgesamt hatte die Bundeswehr am Freitag fünf Flugzeuge vom Typ Transall mit 36 Tonnen Lebensmittel, Decken und Medikamenten von Schleswig-Holstein aus auf den Weg geschickt. Die letzte Teilstrecke in den Nordirak wird vom türkischen Incirlik aus mit drei geschützten Flugzeugen zurückgelegt.

Nach Angaben der Sprecherin hat sich die Auslieferung nach Erbil wegen der hohen Temperaturen vor Ort etwas verzögert. Womöglich würden einige der Flüge in die kühleren Abendstunden verlegt. Ursprünglich sollte die gesamte Lieferung bereits am Samstagmorgen in Erbil sein.

Die Kurden im Irakkonflikt

Wie viele Kurden gibt es im Irak?

Von den fast 33 Millionen Einwohnern des Iraks sind rund 15 bis 20 Prozent Kurden. Sie stellen neben den arabischen Schiiten und Sunniten die dritte große Volksgruppe im Land. Die meisten Kurden leben im Norden des Landes, wo sie in ihrer Autonomieregion große Unabhängigkeit genießen. Dort haben sie ein eigenes Parlament und eine eigene Regierung.

Wie ist die Lage in den kurdischen Gebieten?

Während die Sicherheitslage im restlichen Teil des Iraks seit Jahren äußerst schwierig ist, galten die kurdischen Autonomiegebiete bisher als Insel der Stabilität. Die kurdische Hauptstadt Erbil erlebt seit Jahren einen Bauboom. Viele ausländische Firmen nutzen Erbil, um Geschäfte im Irak zu machen.

Welche Rolle spielen Kurden im Konflikt mit IS?

Nach ihrem Vormarsch ist die Terrorgruppe Islamischer Staat (IS) zuletzt jedoch näher an die Autonomiegebiete herangerückt. IS-Extremisten vertrieben kurdische Einheiten nördlich und westlich der Stadt Mossul. Die betroffenen Gebiete gehören zwar nicht zur kurdischen Autonomieregion, werden aber von den Kurden beansprucht. Als die irakischen Truppen nach Beginn des IS-Vormarsches Anfang Juni flohen, übernahmen dort zunächst die kurdischen Peschmerga die Kontrolle.

Welche Ziele verfolgen die Kurden?

Die Kurden wollen die verlorenen Gebiete zurückerobern und erhalten dafür Waffen von den USA. Unterstützt werden sie auch von Kämpfern der verbotenen türkischen PKK und deren syrischen Ableger.

Unterstützen Kurden den irakischen Staat?

In der irakischen Machtverteilung steht den Kurden der Posten des Staatschefs zu. Zuletzt trieb der Präsident der Autonomiegebiete, Massud Barsani, jedoch die Unabhängigkeit voran, ein alter Traum der Kurden. Im Machtkampf in Bagdad gehört Barsani zu den schärfsten Kritikern des bisherigen Regierungschefs Nuri al-Maliki.

Dort wird im Tagesverlauf auch Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) erwartet, der sich ein Bild von der Lage vor Ort machen will. In der Region haben zehntausende Menschen Schutz vor der Dschihadistengruppe Islamischer Staat (IS) gesucht.

Steinmeier hat den Menschen im Irak zum Auftakt seines Besuches in dem Krisenland seine Unterstützung zugesichert. Es sei an der Zeit, ein "Signal der Solidarität zu geben", sagte Steinmeier nach Angaben des Auswärtigen Amtes am Samstag bei einem Treffen mit seinem Kollegen Hussein al-Scharistani in Bagdad. Dabei berieten die Politiker demnach auch über den jüngsten Beschluss der EU-Außenminister, die am Freitag Waffenlieferungen für die Kurden im Nordirak befürwortet hatten.

Der Irak begrüße den Beschluss, sagte Steinmeier, der am Morgen in Bagdad gelandet war. Dem Außenamt zufolge traf sich Steinmeier auch mit Präsident Fuad Masum und mit dem designierten Regierungschef Haidar al-Abadi. Der Politiker war von Masum am Montag mit der Regierungsbildung beauftragt worden. Steinmeier bezeichnete al-Abadis Nominierung als "kleinen Lichtblick".

Jesiden – die verfolgte Minderheit

Verbreitung

Die größte Gemeinde gibt es im Irak, nach Angaben der Minderheit leben dort 600.000 Jesiden. Andere Schätzungen gehen von 100.000 aus. In Deutschland lebt die größte Exilgemeinde, hier gehen die Jesiden von 45.000 bis 60.000 Religionsangehörigen aus. In Syrien, der Türkei, Armenien und Georgien leben ebenfalls mehrere tausend Jesiden. Eine offizielle Zählung gibt es nicht.

Ursprung

Als Jeside wird man geboren, konvertieren kann man zu dem Glauben nicht. Die Jesiden-Tradition untersagt Hochzeiten mit Nicht-Jesiden sowie außerhalb der Kaste. Normalerweise geht mit einer Mischhochzeit daher der Austritt aus dem Glauben einher.

Glaube

Der jesidische Glaube ist eine monotheistische Religion und enstand vor über 4000 Jahren in Mesopotamien. Der Glaube beruht teilweise auf dem altpersischen Kult des Zoroastrismus, im Laufe der Zeit kamen auch islamische und christliche Elemente dazu.

Religion

Die meisten Jesiden sind arme Bauern und Hirten. Jesiden beten der Sonne zugewandt zu ihrem Gott und verehren seine sieben Engel. Der wichtigste ist Melek Taus, auch Engel Pfau genannt. Eine feste religiöse Schrift haben die Jesiden nicht, ihre Religion orientiert sich an mündlichen Überlieferungen. Die Jesiden glauben an Seelenwanderung und Wiedergeburt.

Verfolgung

Viele strenggläubige Muslime und vor allem auch Islamisten sehen im Engel Pfau eine dämonische Figur und betrachten die Jesiden daher als „Teufelsanbeter“. Auch andere Vorgaben wie zum Beispiel das Verbot, Kopfsalat zu essen oder die Farbe Blau zu tragen, werden von anderen Religionen als satanisch missinterpretiert. Als nichtarabische und nichtmuslimische Iraker wurden die Jesiden schon unter Saddam Hussein im Irak verfolgt und vertrieben. Im August 2007 wurden zwei jesidische Dörfer im Nordirak beinahe vollständig zerstört. Mehr als 400 Jesiden starben. Es war der blutigste Angriff auf die Minderheit seit der US-geführten Invasion im Irak im Jahr 2003.

Der Bundesaußenminister wollte sich im Irak außer mit Regierungsvertretern in Bagdad auch mit dem Präsidenten der autonomen Kurdenregion, Massud Barsani, in Erbil treffen. Geplant sind demnach auch Gespräche mit Flüchtlingen.

Die Menschen im Nordirak leiden derzeit unter der brutalen Offensive der Kämpfer der Gruppe Islamischer Staat (IS). Der UN-Sicherheitsrat verabschiedete am Freitag eine Resolution gegen die Dschihadisten im Irak und in Syrien. Die einstimmig angenommene Resolution soll die Finanzierung der extremistischen Gruppierungen und ihre Rekrutierung von Kämpfern unterbinden.

Von

afp

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