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11.10.2017

15:18 Uhr

Hilfsorganisationen schlagen Alarm

In Griechenland droht ein neues Flüchtlingschaos

VonGerd Höhler

Immer mehr Kriegsflüchtlinge und Armutsmigranten kommen über die Ägäis zu den griechischen Inseln. Hilfsorganisationen kritisieren Missstände in den überfüllten Lagern.

In einem offenen Brief an Ministerpräsident Alexis Tsipras spricht die Organisation Ärzte ohne Grenzen von einem „Notstand“ auf den Inseln. dpa

Flüchtlinge in Griechenland

In einem offenen Brief an Ministerpräsident Alexis Tsipras spricht die Organisation Ärzte ohne Grenzen von einem „Notstand“ auf den Inseln.

Athen„Die Ungewissheit erdrückt uns, sie bringt uns um.“ Worte einer 29-jährigen Frau aus Syrien, die seit Monaten mit ihrer Familie in einem Lager auf der griechischen Insel Lesbos festsitzt, dokumentiert von der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen. Das Schicksal der Flüchtlinge auf den Inseln der östlichen Ägäis war in den vergangenen Monaten aus dem Fokus der Medien geraten. Die Flüchtlingskrise schien vergessen. Aber jetzt kehrt sie zurück. Denn Woche für Woche kommen mehr Schutzsuchende in Schlauchbooten und Holzkähnen von der türkischen Küste zu den Inseln. Im Juni waren es rund 2000, im August fast 3600 und im September nahezu 5000. Seit Anfang Oktober kamen fast 1700. Allein am Montag und Dienstag dieser Woche waren es 440.

Das sind zwar viel weniger als auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise im Frühjahr 2015. Damals erreichten an manchen Tagen mehr als 3000 Menschen die griechischen Inseln. Aber der griechische Migrationsminister Giannis Mouzalas spricht von einem „merklichen Anstieg“. Worauf er zurückzuführen ist, darüber rätseln die griechischen Behörden noch. Das ruhige, windstille Herbstwetter erleichtert den Schleusern ihr schmutziges Geschäft, den Menschenschmuggel über die Ägäis. Experten der griechischen Küstenwache berichten außerdem, die türkischen Behörden hätten die Kontrollen an ihrer Küste reduziert – was man in Ankara aber bestreitet. Dass die Türkei den im Frühjahr 2015 mit der EU ausgehandelten Flüchtlingspakt platzen lassen könnte, mag man sich in Athen gar nicht ausmalen. Das wäre „eine Katastrophe“, sagt Minister Mouzalas.

Aber schon so wird die Lage von Tag zu Tag schwieriger. Die Auffanglager auf den Inseln sind überfüllt. Dort warten, so der Stand vom Dienstag, in den sogenannten Hot-Spots 13.875 Kriegsflüchtlinge und Armutsmigranten auf die Bearbeitung ihrer Asylanträge, manche seit mehr als einem Jahr. Die Bearbeitung läuft schleppend. Weil ständig neue Flüchtlinge und Migranten aus der Türkei nachkommen, wird die Warteliste immer länger. Auf der Insel Samos hausen fast 3000 Menschen in einem Lager, das für 700 Personen ausgelegt ist. Im Hot-Spot auf Lesbos leben 5086 Menschen – die Kapazität des Lagers ist 2330. Auf der Insel Chios gibt es 894 Schlafplätze für 1525 Flüchtlinge.

Viele Familien hausen in provisorischen Zeltlagern außerhalb der Camps. Im Lager Vathy auf Samos leben etwa 700 Menschen in Campingzelten, die nicht winterfest sind. Auf Lesbos sind sogar rund 1500 Flüchtlinge in Zelten ohne Böden, Isolation oder Heizmöglichkeiten untergebracht, darunter schwangere Frauen, Familien mit kleinen Kindern und Behinderte.

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Die Helfer haben noch vor Augen, was sich im vergangenen Winter abspielte: Die dünnen Zelte brachen unter der Last des Schnees zusammen, die Lager versanken im Schlamm. Flüchtlinge kauerten in ihrer nassen Kleidung an Lagerfeuern, um sich ein wenig zu wärmen. Sechs Menschen starben. Jetzt droht sich das Drama zu wiederholen. „Wir appellieren an die Behörden, etwas gegen die Überfüllung in den Lagern zu unternehmen, die Unterbringung zu verbessern und mehr Hilfsgüter bereitzustellen“, erklärt Philippe Leclerc, Repräsentant der Uno-Flüchtlingsagentur UNHCR in Griechenland. Die Situation auf den Inseln „nähert sich einem kritischen Zustand“, warnt Leclerc.

Kommentare (15)

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Herr Jürgen Clasen

11.10.2017, 15:47 Uhr

Macron will 10 000 aufnehmen. 10 000 allerdings in den nächsten 2 Jahren. Von den 10 000 sind aber 7 000 Einwanderer, welche sich Frankreich nach dem eigenen Bedarf aussuchen wird. Frankreich wird also pro Jahr 1 500 Flüchtlinge und 3 500 Einwanderer aufnehmen. Alles ein absurdes Theater.

Herr Chris Woodley

11.10.2017, 16:10 Uhr

#DankeMerkel
#RefugeesWelcome

Herr Heinz Keizer

11.10.2017, 16:13 Uhr

ich dachte, es gäbe ein Abkommen mit der Türkei. Wenn das nicht klappt, müssen wir die dafür vorgesehen Zahlungen stoppen und das Geld für die Absicherung der Grenzen zwischen Türkei und Griechenland verwenden. Wenn es auch sehr schwierig ist, wenn alle aufgebrachten Boote nicht weiterfahren dürfen, sondern zurück zu Küste müssen, wird das schon mal aufhören. Dann noch das Schwarze Meer absichern, oder wie war das mit der Sicherung der Außengrenzen? Auch nur dummes Geschwätz? Wenn wir unsere Probleme in der EU nicht selber lösen, andere werden es für uns nicht tun. Im Gegenteil. Die profitieren davon.

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