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11.11.2013

19:23 Uhr

Historiker Ian Morris

„Kriege haben die Welt sicherer gemacht“

VonJan-Henrik Förster

Es mag zynisch klingen, aber produktive Kriege haben unsere Welt über die Jahre sicherer und reicher gemacht. Für den Stanford-Historiker Ian Morris ist dies die Erkenntnis aus 10.000 Jahren Menschheitsgeschichte.

Gibt es den gerechten Krieg? Getty Images

Gibt es den gerechten Krieg?

Handelsblatt Online: Herr Morris, in Ihrem Buch unterscheiden Sie zwischen produktiven und unproduktiven Kriegen. Wollen Sie etwa provozieren?

Ian Morris: Ja, die Begrifflichkeiten sollen in der Tat Aufmerksamkeit erregen. Aber ich finde auch, dass sie durchaus treffend sind. Produktive Kriege sind Kriege, die unsere Welt größer, sicherer und wohlhabender gemacht haben. Bis zur Eiszeit hat es solche Kriege nicht gegeben. Lange Zeit kam die Menschheitsgeschichte ohne produktive Kriege aus, der Zerfall der Han-Dynastie und des Römischen Reiches sind Beispiele dafür. Ein Imperium, das unproduktive Kriege führt, zerfällt.

Kriege haben unsere Welt also besser gemacht – mit Verlaub: Ist das nicht ein merkwürdig zynischer Widerspruch?

Oh ja, mich haben die Ergebnisse ja selbst überrascht. Während meiner Recherche habe ich festgestellt, dass Krieg in der Menschheitsgeschichte immer eine treibende Kraft gewesen ist. Viele gute Dinge, die wir heute so haben – soziale Sicherungssysteme oder Zahnarzt-Dienstleistungen – sind das Resultat von Krieg. Klar, das klingt paradox. Fakt ist aber, dass Kriege unsere Welt sicherer und reicher gemacht haben.

Glossar Konflikte

Terrorismus

Unter Terrorismus (vom lateinischen Wort terror „Furcht, Schrecken“) versteht man Gewalt und Gewaltaktionen die politisch, ideologisch oder religiös motiviert sind und die bestehende Ordnung verändern wollen. Er verfolgt längerfristige Ziele und operiert in der Illegalität. Trotz des primären Mittels der physischen Gewalt (Entführungen, Attentate, Sprengstoffanschläge) will Terror eher Unsicherheit und Schrecken verbreiten und damit auf gesellschaftliche Verhältnisse aufmerksam machen und Veränderungen erzwingen. Bei Aktionen wird nicht nur der Feind attackiert, sondern auch der Tod Unbeteiligter geplant oder billigend in Kauf genommen. Terrorgruppen verfügen in der Regel über Logistik und Finanzierungsquellen und vertrauen auf eine Umfeld aus Unterstützern und oder Sympathisanten.

Ein allgemein akzeptierte wissenschaftliche Definition für Terrorismus gibt es jedoch nicht.

Quelle: Bundeszentrale für politische Bildung

"Die RAF und die Medien" von Andreas Elter. Erschienen in: Wolfgang Kraushaar (Hrsg.): Die RAF und der linke Terrorismus, Hamburger Edition HIS Verlag, Hamburg 2007

Anschlag

bezeichnet laut Duden einen gewalttätigen, auf Vernichtung oder Zerstörung zielenden Angriff.

Dabei unterscheidet man zwischen:

Attentat

vom lateinischen Wort attentatum, was „Versuch an jemanden oder etwas“ heißt. Dabei will der Attentäter beispielsweise einen seiner Meinung nach wichtigen Entscheidungsträger schädigen oder töten. Um seinem Anliegen Nachdruck zu verleihen wird die Tat meist öffentlichkeitswirksam ausgeübt.

Bekannte Beispiele sind die Erschießung der US-Präsidenten Abraham Lincoln und John F. Kennedy oder das Attentat auf Papst Johannes Paul II.

Sabotage

Als Sabotage bezeichnet man die absichtliche Störung eines wirtschaftlichen, politischen oder militärischen Ablaufs zur Erreichung eines bestimmten Zieles. Dabei können aktiver oder passiver Widerstand, Störung des Arbeitsablauf oder die Beschädigung und Zerstörung von Anlagen, Maschinen oder Ähnliches eine Rolle spielen.

Quelle: Duden

Krieg

Allgemein bezeichnet Krieg einen organisierten, mit Waffen gewaltsam ausgetragenen Konflikt zwischen mindestens zwei Parteien wie Staaten. Die Ursachen können religiöser, ideologischer oder wirtschaftlicher Natur sein. In der Vergangenheit gab es zudem auch Kolonial- und Unabhängigkeitskriege. Neben konventionellen, können atomare, bakteriologische oder chemische Waffen eingesetzt werden. Zudem werden Kriege an Land, zur See und in der Luft ausgetragen. Dabei wird räumlich unter anderem zwischen lokal begrenztem, regionalem oder einem Weltkrieg unterschieden.

Bei den Zielen eines Krieges wird zwischen Angriff-, Intervention-, Sanktion-, Verteidigungs- und Befreiungskriegen differenziert.

Auch die Formen unterscheiden sich:
Beim regulären Krieg kämpfen beispielsweise staatliche, stehenden Armeen gegeneinander. Ein Volkskrieg bezeichnet einen langwierigen Krieg mit großen Heeren. Stammen die Heere aus dem Wehrdienst des eigenen Volkes spricht man von einem Milizkrieg. Beim Partisanen- oder Guerillakrieg wird der Konflikt zwischen nichtregulären Streitkämpfen einer feindlichen Staatsarmee fortgeführt.

Quelle: Bundeszentrale für politische Bildung

Schubert, Klaus/Martina Klein: Das Politiklexikon. 5., aktual. Aufl. Bonn: Dietz 2011.

Bürgerkrieg

ist der organisierte, mit Waffen gewaltsam ausgetragenen Konflikt zwischen sozialen Gruppen der Bevölkerung eines Staates.

Ich sehe ein, Krieg beeindruckt Sie offenbar. Aber können Sie mir noch ein bisschen deutlicher erklären, wie Kriege die Welt nun größer und sicherer gemacht haben?

Wenn eine Gruppe eine andere in einer kriegerischen Auseinandersetzung besiegt und unterwirft, ist das in der Geschichte immer hässlich gewesen. Was die Geschichte aber zeigt: Wenn eine Gruppe größer wird und komplexere Regierungsformen kreiert, versuchen die Führer als erstes nach innen hin eine friedliche Ordnung herzustellen. Es dauert eine lange Zeit, aber so werden Gesellschaften auf Dauer sicherer. Sie werden zunächst größer und dann sicherer. Damit Gesellschaften wachsen, muss es zunächst zu Krieg kommen. In den vergangenen 10.000 Jahren findet man kaum Beispiele, dass Gesellschaften größer wurden, ohne das es Kriege gab. Dass eine Gruppe freiwillig seine Souveränität aufgibt, um mit anderen zusammen zu wachsen, ist sehr selten. In diesem Sinne ist die Europäische Union eine große Ausnahme in der Geschichte und zu meiner These. Ich dachte als Kind immer, dass die EU ein unglaublich langweiliges Gebilde ist. Heute weiß ich: Langeweile ist gut.

Wie sähe denn eigentlich eine Welt aus, die nie einen Krieg erlebt hätte?

Recht langweilig. Es gäbe vermutlich ein paar Millionen Menschen auf der Welt. Wie in Jäger- und Sammlergesellschaften würden wir ständig von Ort zu Ort wandern, mit einer sehr niedrigen Lebenserwartung. Es wäre eine ganz andere Welt, als wie wir sie heute kennen.

Kommentare (35)

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RalphFischer

11.11.2013, 19:32 Uhr

Wie hätte es das deutsche Wirtschaftswunder ohne den 2. Weltkrieg geben können ? Die Menschen konnten ja grade deshalb so viel verdienen, weil einfach keine Arbeitskräfte da waren. Die Gastarbeiter waren keine Last, sondern willkommen.

Jetzt ? Das Überangebot an Arbeitskräften wird durch Einwanderung hoch gehalten. Woher kommen die Einwanderer ? Aus Kriegsgebieten.

Aber heutzutage sind Kriege ja nur noch Veranstaltungen, bei denen viel zerstört wird (gut für die Wirtschaftkonglomerate) und möglichst viele Menschen am Leben bleiben (auch gut für die Wirtschaft).

Wird mal wieder Zeit für einen RICHTIGEN Krieg.

Account gelöscht!

11.11.2013, 19:39 Uhr

Für gewöhnlich gleichen Kriege meistens nur die wirtschaftlichen Ungleichgewichte wieder aus...

RumpelstilzchenA

11.11.2013, 19:42 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

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