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16.07.2014

14:50 Uhr

Historische Bücher

Keine Heroen im Stahlgewitter

VonMichael Brackmann

Historiker förderten rund um den 100. Jahrestag zahlreiche neue Wahrheiten zu Tage. Warum der Erste Weltkrieg kein Betriebsunfall der Geschichte war – und was der Maschinenkrieg aus den Menschen machte.

Deutsche Soldaten ziehen in den Krieg (Aufnahme vom August 1914). dpa

Deutsche Soldaten ziehen in den Krieg (Aufnahme vom August 1914).

DüsseldorfDer Hochadel lebte gefährlich an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. 1898 etwa ermordete ein italienischer Anarchist Österreichs Kaiserin Elisabeth, die berühmte Sisi. 1903 schlachteten Verschwörer Serbiens König Alexander und Königin Draga in Belgrad ab. 1913 traf es Griechenlands Staatsoberhaupt Georg I. Internationale Spannungen lösten die Attentate nicht aus.

Warum führten dann ausgerechnet die tödlichen Schüsse des bosnischen Serben Gavrilo Princip auf Österreich-Ungarns Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau Sophie am 28. Juni 1914 in Sarajevo zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs? Weshalb erklärte der greise Kaiser Franz Joseph einen Monat nach dem Tod seines wenig geschätzten Neffen und der am Wiener Hof geradezu geächteten Sophie Serbien am 28. Juli den Krieg?

Die aktuellen Bücher zum Ersten Weltkrieg

Wer mehr wissen möchte

Zum 100. Jahrestag des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs erscheinen bereits seit Monaten zahlreiche neue Bücher: Gesamtdarstellungen, Neueditionen von Antikriegsromanen, zeitgenössische Verse, Bücher zu Einzelthemen. Bis zum Sommer sind weitere geplant. Einige Neuerscheinungen im Überblick:

(Christopher Clark: Die Schlafwandler

Christopher Clark zeigt in seiner detaillierten Gesamtdarstellung die komplexen globalpolitischen Entwicklungen vor dem Ersten Weltkrieg. Er zeichnet die Entscheidungsmöglichkeiten nach und stellt dar, wie die Verantwortlichen «Schlafwandlern» gleich in einen Krieg hineinsteuern, weil Alternativen nicht genutzt werden.
(Christopher Clark: Die Schlafwandler - Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog, DVA, 39,99 Euro, 896 Seiten, ISBN-13: 978-3421043597)

Jörn Leonhard, Die Büchse der Pandora

Der Historiker Jörn Leonhard beschreibt in seiner umfassenden Studie "Die Büchse der Pandora. Geschichte des Ersten Weltkrieg" den Weg in einen Krieg, an dessen Ende ein völlig neue Welt steht. Dazu beschreibt er die Erfahrungen unterschiedlichen Zeitgenossen.
(Leonhard, Jörn, Die Büchse der Pandora. Geschichte des Ersten Weltkriegs, 1157 S., 38 €, ISBN 978-3-406-66191-4)

Niall Ferguson, Der falsche Krieg

Das komplexe Ursachengeflecht, das zum Ersten Weltkrieg führte, beleuchtet der Harvard-Professor Niall Ferguson in «Der falsche Krieg. Der Erste Weltkrieg und das 20. Jahrhundert». Er beschreibt das politische Unvermögen, den Ehrgeiz und die Fehleinschätzungen, die zur Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts führten.
(Ferguson, Niall, Der falsche Krieg. Der Erste Weltkrieg und das 20. Jahrhundert, Pantheon, 512 S., 16,99 €, ISBN 978-3-570-55200-1)

Herfried Münkler: Der Große Krieg

Herfried Münkler legt ebenfalls eine Gesamtdarstellung zur «Urkatastrophe» mit zahlreichen Neubewertungen vor. Zentrale These: "Wenn wir den Ersten Weltkrieg nicht verstehen, wird uns das ganze 20. Jahrhundert ein Rätsel bleiben."
(Herfried Münkler: Der Große Krieg, Rowohlt, Berlin, 2013, 928 Seiten, 29,95 Euro, ISBN

978-3-87134-720-7)

Adam Hochschild: Der große Krieg

Adam Hochschild erzählt die historischen Ereignisse auch anhand zeitgenössischer Charaktere. Herausragend ist die Beschreibung der Unfähigkeit einzelner Handelnder, die Armeen in den Krieg schicken, ohne dass teils die Grundvoraussetzungen geschaffen sind.
(Adam Hochschild: Der große Krieg. Der Untergang des alten Europa im Ersten Weltkrieg, 2. Auflage 2013, 525 S., 26,95 Euro, ISBN 978-3-608-94695-6)

Oliver Janz: 14 - Der Große Krieg

 Eine Gesamtdarstellung bietet auch Oliver Janz. Er geht Fragen der Verantwortung und der Möglichkeiten der Handelnden nach. Das Buch ist dabei sehr militärhistorisch geprägt.
(Oliver Janz: 14 Der Große Krieg, Campus, 2013, 415 S., 24,99 Euro ISBN 978-3-593-39589-0)

Gerd Krumeich: Der Erste Weltkrieg

Der Historiker Gerd Krumeich gibt in seinem schnellen Überblick "Der Erste Weltkrieg. Die 101 wichtigsten Fragen" kurze prägnante Antworten über verschiedene Themenfelder wie die Schuldfrage, die Waffentechnik, aber auch den Keim zum Aufstieg des Nationalsozialismus.
(Gerd Krumeich: Der Erste Weltkrieg. Die 101 wichtigsten Fragen, Verlag C.H.Beck, München, 155 S., 10,95 €,  ISBN 978-3-406-65941-6)

Tillmann Bendikowski, Sommer 1914

An Hand von fünf Zeitgenossen erläutert der Historiker Tillmann Bendikowski, dass es im August 1914 keineswegs eine allgemeine Kriegsbegeisterung in Deutschland gab. An ihrem Beispiel beschreibt er die Gefühlswelten in den Wochen vor dem Kriegsausbruch.
(Tillmann Bendikowski, Sommer 1914. Zwischen Begeisterung und Angst - wie Deutsche den Kriegsbeginn erlebten, C.Bertelsmann, 464 S., 19,99 €, ISBN: 978-3-570-10122-3)

Olaf Jessen, Verdun 1916

Den Ablauf der Schlacht von Verdun 1916 beschreibt der Historiker Olaf Jessen in «Verdun 1916. Urschlacht des Jahrhunderts». Neben Plänen der Entscheidungsträger beschreibt er auch das Leid der Soldaten und die Konsequenzen der bis dato größten Materialschlacht der Geschichte.
(Jessen, Olaf, Verdun 1916. Urschlacht des Jahrhunderts, C.H. Beck, 496 S., 24,95 €, ISBN 978-3-406-65826-6)

Winterberg, Kleine Hände im Großen Krieg

Yury und Sonya Winterberg beschreiben in "Kleine Hände im Großen Krieg" die Schicksale von Kindern im Krieg. Sie zeichnen nach, wie Hurrapatriotismus Ernüchterung weicht, der Krieg unbeschwerte Kindheit zerstörte und den Rest des Lebens prägte.
(Kleine Hände im Großen Krieg. Kinderschicksale im Ersten Weltkrieg. Aufbau Verlag, Berlin, 368 Seiten, 22,99 Euro, ISBN 978-3-351-03564-8)

Sean McMeekin, Juli 1914

Die diplomatischen Verwicklungen im Juli 1914 zeichnet der amerikanische Historiker Sean McMeekin nach. In seinem Buch «Juli 1914. Der Countdown in den Krieg» erstellt er in einer Chronologie ein Stimmungsbild anhand von Depeschen, Protokollen und Schriftwechseln. (McMeekin, Sean, Juli 1914. Der Countdown in den Krieg, Europaverlag, 560 S., 29,99 €, ISBN 978-3-944305-48-6)

Guido Knopp, Der Erste Weltkrieg

Anhand von Fotos erzählt Guido Knopp in zwei- bis vierseitigen Kapiteln über den Alltag an der Front und in der Heimat. Das Buch ist keine Gesamtdarstellung, gewährt aber einen kurzweiligen Einblick in die Geschehnisse vor 100 Jahren.
(Guido Knopp: Der Erste Weltkrieg. Die Bilanz in Bildern, Verlag Edel Books, Hamburg, 2013, 384 S., 24,95 Euro, ISBN 978-3-8419-0241-2)

Das bipolare System - die Mittelmächte Österreich-Ungarn, Deutschland und Italien auf der einen Seite sowie die Entente-Staaten Frankreich, England und Russland auf der anderen - sei einfach in den Krieg hineingeschlittert, meint der australische Historiker Christopher Clark. In seinem Bestseller "Die Schlafwandler" schildert er die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts als Betriebsunfall der Geschichte. Clark betont zwar das krisenträchtige serbische Einheitsstreben, das Österreich-Ungarn durch die Annexion Bosnien-Herzegowinas 1908 freilich selbst verstärkt hatte.

Mit Blick auf die Hauptakteure aber, die Mitglieder des Bündnissystems, spricht er von der Verantwortung aller und der Schuld keines Staates. Auch Deutschland habe in den Wochen vor Kriegsbeginn "keine risikofreudige Strategie" verfolgt. Berlin wollte vielmehr nur "das wahre Ausmaß der von Russland ausgehenden Bedrohung sondieren".

Die deutsche Geschichtswissenschaftlerin Annika Mombauer von der britischen Universität in Milton Keynes zeigt, dass Clarks "Unfallthese" die historische Wirklichkeit bis zur Unkenntlichkeit verzerrt. Ihr Buch "Die Julikrise" stellt klar: Gerade die Militärs und Spitzenpolitiker Österreich-Ungarns und Deutschlands schlitterten alles andere als schlafwandlerisch in den Krieg. Sie sahen vielmehr - hellwach, geradezu erleichtert und zu allem entschlossen - in den Schüssen von Sarajevo die Chance zum Casus Belli. Wien und Berlin trieb die Sorge um, die Armee des Zaren werde in naher Zukunft unbesiegbar sein. Gelegenheit und imaginierter Zugzwang kamen zusammen. Die Losung lautete: Jetzt oder nie!

Schon im Mai 1914 hatten Österreichs Generalstabschef Conrad von Hötzendorf und sein deutscher Amtskollege Helmuth von Moltke vereinbart, "im gegebenen Fall energisch aufzutreten und, wenn nötig, den Krieg zu beginnen". Vier Tage nach dem Attentat in Sarajevo notierte Kaiser Wilhelm II.: "Mit den Serben muss aufgeräumt werden, und zwar bald."

Am 5. Juli stellte Wilhelm Österreich-Ungarn eine geheime Blankovollmacht für den Fall aus, dass es zu einem Krieg mit Serbiens Schutzmacht Russland kommen sollte - "ein Schlüsselmoment in der Julikrise", wie Mombauer hervorhebt. Was folgte, waren Täuschungsmanöver, ein unannehmbares Ultimatum Wiens an Belgrad und die Mobilmachungen. Vom 4. August an befand sich Europa im Krieg. Nur Italien blieb neutral und wechselte 1915 ins Lager der Entente.

Kommentare (1)

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Herr C. Falk

16.07.2014, 15:57 Uhr

Im Vorlauf des WK I gab es mehrere politische Krisen Stichwort Balkankriege, Panthersprung nach Agadir u.s.w., die alle schon zum Ausbruch eines europäischen Krieges hätten führen können, die aber noch diplomatisch eingefangen wurden.

Der eigentliche Ursprung lag viel früher und zwar 1890 mit der Entlassung Bismarcks vom Kanzleramt und der Kündigung des Rückversicherungsvertrags mit Russland, der das Zarenreich zu einem Bündnis mit Frankreich brachte.

Die millitärische Stärke Russlands in Verbindung mit der Millitärmacht Frankreich hätte nur durch ein Bündnis Deutschlands mit England neutralisiert werden können.

Es gab Bestrebungen Englands unter der Regierung Joseph Chamerlain ein Bündnis mit dem Deutschen Reich einzugehen, diese Bemühungen scheiterten 1901 und es erfolgte als Alternative eine Annäherung an Frankreich, die von dem Onkel Willhelm II, dem englischen König Edward, der seinen deutschen Neffen nicht leiden konnte, betrieben wurde.

Letzendlich entscheidend für den Ausbruch des WK I waren die Stärke des russisch-französischen Bündnisses, die Revancheansprüche Frankreichs Stichwort Elsass/Lothringen, die Angst Deutschlands bei wachsender Stärke Russlands einen Zweifrontenkrieg nicht bestehen zu können, die Schwäche der K&K. Monarchie mit ihren inneren Widersprüchen, die durch einen Krieg mit Serbien
überdeckt werden sollten und die Unfähigkeit der europäischen Politik und Diplomatie sich einen hochtechnisierten Kriegsverlauf vorstellen zu können,mit den ungeheueren Opferzahlen, die dieser Krieg hervorbrachte.

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